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Gewalttat

Terroranschlag auf Berliner CSD: Abdul Ballout weiter auf der Flucht

Amokfahrt beim Berliner CSD fordert ein Todesopfer und 16 Verletzte. Polizei identifiziert islamistischen Tatverdächtigen.

9 Min
Schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sperren sämtliche Zugänge zum S-Bahnhof Anhalter Bahnhof ab.

Schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sperren sämtliche Zugänge zum S-Bahnhof Anhalter Bahnhof ab.

© Michael Ukas/dpa

Nach der tödlichen Amokfahrt sowie mutmaßlichen weiteren Angriffen auf Teilnehmer des Christopher Street Days (CSD) im Berliner Tiergarten hat die Polizei in der Nacht einen ersten mutmaßlichen Tatverdächtigen identifiziert.

Nach aktuellen Angaben von Polizei und Feuerwehr wurde bei der Tat mindestens ein Mensch getötet und 29 weitere verletzt, so am Sonntag Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Laut Polizei erlitt eine Frau tödliche Verletzungen; weitere Angaben zur Identität macht die Polizei bislang nicht.

Von den 29 Verletzten sind nach Angaben von Feuerwehrsprecher Dominik Pretz drei lebensbedrohlich und acht schwer verletzt, hinzu kommen fünf Leichtverletzte. Die lebensbedrohlich und schwer verletzten Menschen wurden nach seinen Angaben alle in umliegende Krankenhäuser gebracht. Darüber hinaus wurden nach Angaben des Sprechers rund 30 Menschen von Kräften der Feuerwehr betreut; vor Ort gab es eine psychologische Notfallversorgung. Die Feuerwehr war nach eigenen Angaben mit 150 Helfern im Einsatz.

Rettungsdienst war ohnehin schon überlastet

Zudem wurden 45 Personen, die „unter dem Eindruck des Geschehens“ standen, seelsorgerisch betreut. Auch von den 160 Feuerwehrleuten, die vor Ort im Einsatz waren, wurden mehrere Angehörige durch ein Einsatznachsorge-Team betreut.

Für die Feuerwehr war dies ein besonders schwerer Einsatz. Denn nach Informationen der Berliner Zeitung musste sie bereits am frühen Abend, um 18.21 Uhr, für Berlin die höchste „Auslastungsstufe 3“ im Rettungsdienst ausrufen, weil zu wenige Rettungswagen zur Verfügung standen.

Gesuchter Islamist war polizeilich bekannt

Nach polizeilichen Angaben handelt es sich bei dem Tatverdächtigen um einen polizeibekannten Mann aus der islamistischen Szene in Berlin. Das geht aus einem Update der Polizei Berlin hervor, das auf der Plattform X um 03.24 Uhr veröffentlicht wurde. Ende 2025 wurde er laut WDR, NDR und SZ bei einer Rückreise aus dem Libanon am Berliner Flughafen BER festgenommen. Laut Ermittlerkreisen soll er wegen des Verdachts auf Vorbereitung einer terroristischen Straftat bis Mai 2026 in Untersuchungshaft gesessen haben. Der 21-Jährige hat Familie in Berlin.

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Abdul Ballout ist demnach 21 Jahre alt, hat Familie in Berlin und wurde erst im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen. Bis zum frühen Morgen konnte er trotz der Öffentlichkeitsfahndung noch nicht festgenommen werden.

Die Polizei betont, dass zum Tatbeitrag des Mannes weiterhin Unklarheit besteht. „Wir haben weiterhin noch keinerlei Hinweise auf seine konkreten Motivationshintergründe oder auch den genauen Ablauf oder seinen Tatbeitrag als solchen“, sagte der Polizeisprecher.

In einer gemeinsamen Meldung baten die Polizei Berlin und die Generalstaatsanwaltschaft Berlin am Sonntagmorgen um Unterstützung bei der Suche nach dem flüchtigen Mann. Namentlich genannt wird der 21-jährige Abdul Ballout, der gegen 22 Uhr im Bereich des Tiergartens mehrere Personen mit einem fahrenden Fahrzeug verletzt haben soll,  mindestens eine davon mit tödlichen Folgen.

Eine oder mehrere Personen sollen sich anschließend aus dem Fahrzeug entfernt haben; darüber hinaus sollen mehrere Menschen durch Stichwerkzeuge verletzt worden sein. Die Ermittler beschreiben den Gesuchten als schlank und etwa 1,90 Meter groß, mit schwarzen Haaren, bekleidet mit einem schwarzen Hoodie und einer weißen Hose.

Mit diesem Foto fahndet die Polizei nach dem 21-jährigen Verdächtigen Abdul Ballout.

Mit diesem Foto fahndet die Polizei nach dem 21-jährigen Verdächtigen Abdul Ballout.

© Polizei Berlin

In den Stunden nach der Tat gab es nach Angaben des Polizeisprechers mehrere Polizeieinsätze in Berlin, die im Zusammenhang mit der Tat standen. Dazu zählte eine Durchsuchung in einer Wohnung im Stadtteil Schöneberg.

Der Zugriff, an dem ein Spezialeinsatzkommandos (SEK) beteiligt waren, erfolgte nach Informationen der Welt gegen 1.10 Uhr; demnach war in dem Mietshaus ein lauter, explosionsartiger Knall zu hören, bevor die Polizei gegen 1.25 Uhr wieder abrückte. Eine Festnahme gab es nicht, weil in der Wohnung niemand angetroffen wurde, wie der Sprecher der Berliner Polizei, Florian Nath, sagte.

Polizei ist am Anhalter Bahnhof im Einsatz

Am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg waren am Vormittag Spezialkräfte der Bundespolizei im Einsatz, die der Landespolizei unterstellt wurden. Man sei Hinweisen auf eventuell Verdächtige nachgegangen, sagte ein Ermittler der Berliner Zeitung. Die Überprüfungen auf dem Bahnhof seien bisher ergebnislos verlaufen.

Wie schon nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz hat die Berliner Landespolizei eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) gegründet. Das bedeutet, dass verschiedene Kommissariate des Landeskriminalamtes und der örtlichen Direktion 2, die für diesen Bereich zuständig ist, zusammengelegt und mehrere sogenannte Einsatzabschnitte gegründet wurden. „Die Fahndungsmaßnahmen laufen auf Hochtouren“, sagte eine Sprecherin der Berliner Polizei am späten Vormittag. Nach immer ist die Spurensicherung der Kriminaltechnik im Einsatz. Der Transporter wurde beschlagnahmt und unter anderem auf DNA-Spuren am Lenkrad und Textilfasern auf dem Fahrersitz untersucht.

Für den Nachmittag ist eine gemeinsame Pressekonferenz der Senatsverwaltung für Inneres, der Polizei und der Feuerwehr angesetzt, bei der Einzelheiten mitgeteilt werden sollen.

Bundespolizisten durchsuchen Fernzüge

Auch das Bundespolizeipräsidium Potsdam hat eine BAO gegründet. Zahlreiche Bundespolizisten durchsuchen mehrere Fernzüge der Deutschen Bahn auf de Suche nach dem flüchtigen Täter.

Berichte, dass die Ermittlungsbehörden nach zwei Verdächtigen suchen, wollte die Polizei zunächst nicht bestätigen und berief sich auf ihre Sprachregelung: „Wir suchen nach mindestens einem Verdächtigen“, sagte eine Polizeisprecherin.

Polizei bittet um Mithilfe

Für Angehörige richtete die Polizei eine Personenauskunftsstelle unter der Nummer 030 8485 4460 ein. Der Notruf von Feuerwehr und Polizei ist laut einer X-Mitteilung der Berliner Feuerwehr um 1.51 Uhr für Auskünfte ausdrücklich nicht zu wählen.

Über ein Hinweisportal bittet die Polizei die Bevölkerung um Mithilfe.

Gegenüber der Berliner Zeitung äußerte sich Stephan Weh, der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei: „Diese unfassbare Tat trifft Berlin voll ins Mark. Wir hoffen, dass alle schwer und lebensgefährlich Verletzten durchkommen und der oder die Täter schnellstmöglich gefasst werden. Unser Dank gilt allen eingesetzten Kolleginnen und Kollegen von Polizei und Feuerwehr, die auch in dieser psychisch extrem angespannten Lage hochprofessionell agieren und so Menschenleben retten. Der Terror darf nie gewinnen.“

„Floskelhafte Betroffenheitsrhetorik muss ein Ende haben“

Christoph Meyer, Landesvorsitzender und Spitzenkandidat der FDP Berlin, und Karoline Preisler, Paul-Spiegel-Preisträgerin und Kandidatin auf Listenplatz 8 der FDP Berlin zur Abgeordnetenhauswahl, erklärten zum Anschlag am Rande des Berliner CSD unter anderem: „Wir haben großes Vertrauen in den Rechtsstaat, dass das gelingen wird. Wir werden die Tat nicht instrumentalisieren. Aber die floskelhafte Betroffenheitsrhetorik ohne Konsequenz muss jetzt auch endlich im Land Berlin zu Ende sein. Islamistische Gewalt und das dahinterstehende menschenverachtende Weltbild bedrohen uns, diese Herausforderung ist anzunehmen. Die Szene ist bekannt. Die Migrations- und Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte des aktuellen Senats und dessen Vorgängern ist hier gescheitert.“

Chronologie: Vom Showprogramm zur Evakuierung

Am Samstag, 25. Juli 2026, hatten hunderttausende Menschen unter dem Motto „Haltung ist hot“ am Christopher Street Day in Berlin teilgenommen. Die Straßenparade begann am Mittag und endete am Abend am Brandenburger Tor, wo unter anderem Popmusikerin Sarah Connor bei der Abschlusskundgebung auftrat.

Gegen 22 Uhr nahm die Feierstimmung im Herzen der Hauptstadt ein jähes Ende. Ein weißer Kastenwagen fuhr in der Nähe des Potsdamer Platzes in die Menschenmenge.

Nach Polizeiangaben war der Fahrer am Ahornsteig nahe Lennéstraße unterwegs gewesen; dort habe er mehrere Menschen angefahren, möglicherweise auch überrollt, bevor das Fahrzeug in der Parkanlage einen Baum rammte. Ein Augenzeuge berichtete, ein Fahrzeug sei mit hoher Geschwindigkeit von der Lennéstraße in den Tiergarten abgebogen.

Der Fahrer stieg nach Polizeiangaben anschließend aus und flüchtete in unbekannte Richtung. Bei dem Fahrzeug handelt es sich nach Angaben von Polizeisprecher Nath um ein Privatfahrzeug, nicht um einen Mietwagen; das leere und stark demolierte Fahrzeug wurde im Bereich des Tatorts sichergestellt.

Das mutmaßliche Tatfahrzeug – nach dem Fahrer läuft eine öffentliche Fahndung.

Das mutmaßliche Tatfahrzeug – nach dem Fahrer läuft eine öffentliche Fahndung.

© Thomas Peise

Unmittelbar danach eilten Polizei und Rettungskräfte mit einem Großaufgebot zum Tatort, auch Spezialeinheiten waren im Einsatz. Auf den Videoleinwänden am Brandenburger Tor erschien auf gelbem Hintergrund das Wort „Evakuierung“.

Ein Moderator forderte die Menschen auf, das Gelände umgehend, aber ruhig und geordnet zu verlassen und nicht in Richtung Siegessäule zu gehen, sondern die U-Bahneingänge am Brandenburger Tor zu nutzen.

Die Veranstalter brachen den CSD ab und schrieben auf Instagram: „Bitte geht nach Hause.“ Augenzeugen an der Siegessäule berichteten von panischen Szenen mit schreienden und flüchtenden Menschen.

Offene Frage: Gab es eine zweite Tatphase?

Unklar ist laut Polizei nach wie vor, ob es eine zweite „Tatphase“ gab, also ob der Attentäter, nachdem er das Auto verließ, auf Menschen eingestochen hat. Derzeit wertet die Polizei zahlreiche, zum Teil widersprüchliche Zeugenaussagen aus. Zudem ist die Befragung von Zeugen noch ncht abgeschlossen.

Nach Zeugenangaben sollen einige Menschen durch Stiche verletzt worden sein; manche wollen einen schwarz gekleideten Mann mit einer Machete gesehen haben. Die Polizei prüft diese Angaben.

Am frühen Morgen stehen Polizisten mit Maschinenpistolen am Berliner Hauptbahnhof.

Am frühen Morgen stehen Polizisten mit Maschinenpistolen am Berliner Hauptbahnhof.

© Sophie-Marie Schulz/ Berliner Zeitung

Ebenfalls ungeklärt ist, ob es einen oder mehrere Täter gab; dazu gebe es unterschiedliche Aussagen, so die Polizei. Das Gebiet rund um den Tatort wurde großräumig abgesperrt und der Tiergarten mit Wärmebildkameras abgesucht. Die Polizei ging zuletzt nicht davon aus, dass sich der Täter noch in diesem Bereich aufhält, sondern anderswo in Berlin.

Lage am Sonntagmorgen: Großaufgebot, abgesagte Veranstaltungen

Seit dem Samstagmorgen waren nach Polizeiangaben mehr als 2200 Polizisten in Berlin im Einsatz, teils schwer bewaffnet, darunter auch verdeckte Kräfte. Die Polizei sprach mit Blick auf die Fahndung von „mehreren hundert Einsatzkräften“; bei der Suche kamen demnach auch Hubschrauber mit Wärmebildkameras zum Einsatz.

In der Nacht sagten die CSD-Veranstalter zwei für Sonntag geplante Veranstaltungen ab.

Die Berliner Polizei hatte die Öffentlichkeit aufgerufen, den Bereich zu meiden und weiträumig zu umfahren; die Gegend um den Tatort wurde geräumt.

Reaktionen aus Politik – und Warnung vor Spekulationen

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verurteilte eine „abscheuliche Tat“. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sprach von einem „Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft“. Auf die Frage, ob es sich um einen Terroranschlag handle, entgegnete Wegner: „Es ist zu früh, das heute zu sagen.“

Auch der Berliner Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) warnte vor Spekulationen über den Hintergrund; man könne dazu im Moment noch nichts sagen. Weil sich die Tat nicht in der Veranstaltung selbst, sondern im Tiergarten abgespielt habe, sei die Lage so unübersichtlich.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bot noch am Abend den Landesbehörden die Unterstützung des Bundes an. Nach Angaben eines Regierungssprechers stehen Merz und Dobrindt „in engstem Kontakt“ und wollen sich „mit besonderem Nachdruck für Aufklärung und Ahndung der abscheulichen Tat einsetzen“.

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