Ukraine-Krieg

Vor Satelliten verborgen: Neue Brücke könnte Putins Nordkorea-Nachschub tarnen

Russland und Nordkorea stehen vor der Eröffnung ihrer ersten Straßenverbindung. Eine Untersuchung sieht darin einen schwer überwachbaren Korridor für Soldaten, Waffen und Militärtechnik.

5 Min
Blick von China auf die Eisenbahnbrücke zwischen Russland und Nordkorea. Direkt daneben entsteht die erste Straßenverbindung beider Länder.

Blick von China auf die Eisenbahnbrücke zwischen Russland und Nordkorea. Direkt daneben entsteht die erste Straßenverbindung beider Länder.

© Yuri Smityuk/imago

Russland und Nordkorea stehen kurz vor der Fertigstellung ihrer ersten gemeinsamen Straßenverbindung. Die 850 Meter lange Brücke führt über den Tumen-Fluss und verbindet Chassan im äußersten Osten Russlands mit der nordkoreanischen Grenzstadt Tumangang. Offiziell soll das Bauwerk den Handel, den Tourismus und den Personenverkehr zwischen beiden Ländern ausweiten. Eine ukrainische Untersuchung kommt jedoch zu einem anderen Schluss: Die Brücke könnte vor allem dazu dienen, militärische Transporte für den Krieg gegen die Ukraine schwerer erkennbar zu machen.

Die Menschenrechtsorganisation Truth Hounds wertete Satellitenbilder und öffentlich zugängliche Informationen zu dem Bauprojekt aus. Ihre Untersuchung wurde dem britischen Guardian zur Verfügung gestellt. Demnach könnte die neue Verbindung als Logistikkorridor für nordkoreanische Soldaten, Waffen und militärische Ausrüstung dienen. In der Gegenrichtung könnten russische Technologie und Rohstoffe nach Nordkorea gelangen. Der tatsächliche Zweck der Brücke lässt sich unabhängig bislang nicht belegen.

Russland kommt beim Bau der Grenzanlagen nicht voran

Die Brücke selbst ist inzwischen weitgehend fertiggestellt. Nach einer Analyse des auf Nordkorea spezialisierten US-Portals 38 North sind auf nordkoreanischer Seite auch ein großes Lagerhaus, ein Parkplatz, asphaltierte Zufahrtsstraßen und ein Grenzposten nahezu fertig. Auf russischer Seite fehlen dagegen noch wesentliche Teile des geplanten Zollkomplexes.

Die ursprünglich für den 19. Juni vorgesehene Eröffnung wurde deshalb verschoben. Einen neuen Termin haben Moskau und Pjöngjang bisher nicht genannt. 38 North geht davon aus, dass bis zur Inbetriebnahme noch mehrere Monate vergehen könnten. Nach Angaben des russischen Verkehrsministeriums soll der Grenzübergang später bis zu 300 Fahrzeuge und 2850 Menschen pro Tag abfertigen können.

Die neue Straßenbrücke verläuft etwa 500 Meter neben der sogenannten Freundschaftsbrücke. Diese Eisenbahnverbindung aus dem Jahr 1959 ist bislang der einzige direkte Verkehrsweg zwischen Russland und Nordkorea.

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Lastwagen sind auf Satellitenbildern schwerer zu erkennen

Gerade die Umstellung von der Schiene auf die Straße macht die Verbindung nach Einschätzung von Truth Hounds militärisch interessant. Güterzüge können nur an wenigen festgelegten Bahnhöfen be- und entladen werden. Waggons stehen dort häufig über längere Zeit und lassen sich mit Satelliten vergleichsweise leicht beobachten.

Bei Lastwagen sei dies deutlich schwieriger, sagte Nazar Myhun, der die Recherche für Truth Hounds leitete, dem Guardian. Schon der Typ eines Güterwaggons könne Hinweise auf dessen Ladung geben. Manche Waren würden zudem in offenen Waggons transportiert und seien auf Satellitenbildern zu identifizieren.

„Lastwagen dagegen sehen auf Satellitenbildern fast immer gleich aus“, sagte Myhun. Sie könnten schneller beladen werden und ihre Ladung an zahlreichen Orten aufnehmen oder abgeben. Zudem seien die Straßennetze beider Länder wesentlich größer als das Schienennetz und daher kaum vollständig zu überwachen.

Hinzu kommt ein technisches Problem der bisherigen Bahnverbindung. Russland und Nordkorea verwenden unterschiedliche Spurweiten. Damit Züge weiter in das jeweils andere Land fahren können, müssen ihre Radsätze ausgetauscht werden. Für Lastwagen besteht dieses Hindernis nicht.

Satellitenbilder zeigen auf russischer Seite außerdem weitere Anlagen, darunter einen Hubschrauberlandeplatz. Die Brücke ist sieben Meter breit und verfügt über zwei Fahrspuren. Einschließlich der Zufahrtsstraßen erstreckt sich der neue Grenzübergang über rund 4,7 Kilometer.

Russland und Nordkorea sprechen von Handel und Tourismus

Russland weist dem Projekt offiziell eine wirtschaftliche Bedeutung zu. Der russische Verkehrsminister Andrei Nikitin erklärte, die Brücke werde den gegenseitigen Handel steigern, die Logistik verbessern, kulturelle Verbindungen stärken und die Grenzregionen in wachsende Wirtschaftszentren verwandeln.

Auch die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA bezeichnete das Projekt als wichtigen Beitrag zu Tourismus, Handel und Personenverkehr. Der Gouverneur der russischen Region Primorje erklärte, die Straßenverbindung werde zudem die Fahrtstrecke zwischen Wladiwostok und der nordkoreanischen Hafenstadt Rason auf 320 Kilometer verkürzen.

Truth Hounds hält die wirtschaftliche Begründung allerdings für wenig überzeugend. Der Bau soll mehr als 100 Millionen US-Dollar kosten. Der gesamte Handel zwischen Russland und Nordkorea hatte 2024 nach den von der Organisation ausgewerteten Zahlen lediglich einen Wert von rund 34 Millionen US-Dollar.

Auch der Tourismus ist bislang überschaubar. Rund 10.000 Russen sollen Nordkorea im Jahr 2025 besucht haben. Reisen in das weitgehend abgeschottete Land sind streng kontrolliert und finden gewöhnlich in begleiteten Gruppen statt. Die Hauptstadt Pjöngjang, das wichtigste Ziel ausländischer Besucher, liegt mehr als 500 Kilometer von der neuen Brücke entfernt.

Selenskyj warnt vor weiteren 30.000 Soldaten aus Nordkorea

Die Arbeiten an der Brücke begannen im April 2025. Vereinbart worden war das Projekt während des Besuchs von Russlands Präsident Wladimir Putin bei Kim Jong-un im Juni 2024. Beide Staatschefs unterzeichneten damals einen Vertrag über eine umfassende strategische Partnerschaft, der auch gegenseitigen militärischen Beistand vorsieht.

Nordkorea schickte danach nach Schätzungen rund 14.000 Soldaten in die russische Region Kursk. Dort kämpften sie an der Seite russischer Truppen gegen ukrainische Einheiten. Pjöngjang lieferte Russland zudem Artilleriemunition und ballistische Raketen. Untersuchungen von Satellitenbildern dokumentierten bereits seit 2023 umfangreiche Transporte aus dem nordkoreanischen Hafen Rason in den russischen Fernen Osten.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte am Samstag vor einer weiteren Ausweitung der Zusammenarbeit. Russland wolle zusätzliche 30.000 nordkoreanische Soldaten in den Krieg holen. Seit Juni würden in der russischen Region Woronesch Vorbereitungen für ihre Ankunft getroffen, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache.

Nordkorea bereite außerdem die Lieferung neuer Abschussvorrichtungen für ballistische Raketen vor. Unabhängig überprüfen ließen sich diese Angaben zunächst nicht. Russland und Nordkorea äußerten sich nicht dazu.

Truth-Hounds-Ermittler Myhun bezeichnete die Zusammenarbeit zwischen Moskau und Pjöngjang als einen der Faktoren, die Russlands militärische Stärke im Krieg gegen die Ukraine beeinflussten. Der Austausch von Waffen und Technologie sei durch die engere Verbindung „einfacher und weniger transparent“ geworden. Dies stelle nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die Nachbarstaaten Nordkoreas ein Risiko dar.

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