„Hier ist Freiraum. Was könnte daraus werden?“ Der Satz klebt auf einem einfachen Zettel an einem verwitterten Holzhäuschen mitten in Chemnitz. Darunter haben Menschen mit Kugelschreiber und Buntstift ihre Antworten hinterlassen: Creative Space. Eine Bar. Einfach ein Ort zum Begegnen.
Wenige Minuten später begegnet mir beim Gang durch die Stadt dieselbe Haltung wieder. Auf dem Garagen-Campus – dem ehemaligen Betriebshof der Chemnitzer Verkehrs-AG, heute ein Ort für Ausstellungen – hängen weitere Schilder. „Warum bist du hier?“ „Wie fühlt sich dieser Ort an?“
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Machen, nicht meckern: Dafür steht Chemnitz, die Kulturhauptstadt Europas 2025
Die Stadt Chemnitz stellt offene Fragen. Nicht: Was fehlt hier? Sondern: Was könnte hier entstehen? Für eine Stadt, die nach der Wende einen Großteil ihrer Einwohner verlor, ist das keine rhetorische Frage, sondern eine grundsätzliche: Kann Kreativität eine Stadt nicht nur für ein Kulturhauptstadtjahr aufhübschen, sondern dazu beitragen, Zusammenhalt und Lebensqualität dauerhaft zu stärken?
Wer durch Chemnitz läuft, merkt schnell, dass diese Fragen nicht auf Schildern enden. Hinter insgesamt 3000 ehemaligen Garagentoren entstehen in der ganzen Stadt verteilt Möbel, Kunstwerke, Konzerte, Werkstätten und Ateliers. Es riecht nach Holz, Metall und Farbe. Kaum eine Tür bleibt geschlossen.
Aus einer Werkstatt dringt das Kreischen einer Säge, wenige Meter weiter diskutieren zwei junge Frauen mit einem Schreiner. Als ich einen Moment vor einer offenen Werkstatt stehen bleibe, kommt eine Frau mit einem Farbeimer heraus. Sie bemerkt meinen neugierigen Blick, lächelt und sagt fast beiläufig: „Wir Chemnitzer sind Tüftler.“ Was sie genau damit meint, verstehe ich erst später.
Chemnitzer Garagen: Wo Möglichkeiten wichtiger sind als Perfektion.
© Ernesto Uhlmann
Immer wieder erinnert mich Chemnitz an Berlin Anfang der 2000er. Hier liegt dasselbe Gefühl in der Luft: dass Möglichkeiten wichtiger sind als Perfektion.
Lange schien die Antwort auf die Frage, wo Kreativität entsteht, eindeutig. Wer etwas ausprobieren wollte, zog nach Berlin. Die Lücken der Stadt, ihr Leerstand, bot Platz für Ideen und niedrige Mieten boten die Freiheit, scheitern zu dürfen. Dieses Versprechen hat in Berlin inzwischen sein Verfallsdatum überschritten. Wer heute dort ein Atelier sucht, kämpft gegen zahlreiche Mitbewerber und Staffelmieten.
Wie entsteht Kreativität?
Wie und wo entsteht also heute Kreativität? Eine erste Antwort gibt Chemnitz. „Eine Kulturhauptstadtbewerbung beginnt immer mit einer Defizitbeschreibung – mit der Frage: Was fehlt uns?“, sagt Programmgeschäftsführer Stefan Schmidtke, als wir uns in der Hartmannfabrik treffen – einer ehemaligen Maschinenhalle und heute Sitz der Kulturhauptstadt GmbH.
„Wir wollten keine Kunsthauptstadt werden, sondern Kulturhauptstadt.“ Statt spektakulärer Museumsbauten oder internationaler Prestigeprojekte sollte unter dem Motto „C the Unseen“ sichtbar werden, was längst da war: Werkstätten, Materialwissen und Erfindergeist.
Twister von Alice Aycock am Kunst- und Skulpturenweg Purple Path der Europäischen Kulturregion um die Kulturhauptstadt Chemnitz.
© IMAGO/imageBROKER/Oliver Gerhard
„Das Programm der Kulturhauptstadt machten die Chemnitzerinnen und Chemnitzer selber“, sagt Schmidtke und drückt mir das 509 Seiten dicke Programmbuch in die Hand. Aus den ursprünglich 72 Projekten im Bewerbungsbuch wurden schließlich 266. „Die Chemnitzer haben ihr eigenes Bewerbungsbuch vervierfacht.“
Mit dem „Purple Path“ entstand ein Kunstpfad, der fast 40 Orte der Kulturhauptstadtregion miteinander verbindet. Bei „Tanzende Nachbarn“ treffen sich bis heute jede Woche rund hundert Menschen unterschiedlichster Herkunft zum gemeinsamen Tanzen. Und in den #3000Garagen wird bis heute gemeinsam gewerkelt.
Jetzt verstehe ich langsam den Satz der Frau mit dem Farbeimer. Tüfteln ist in Chemnitz eine Lebenseinstellung: Nicht auf die perfekte Idee warten, sondern einfach mal anfangen.
Lausitz: „Ihr seid unsere Botschafter.“
Rund 150 Kilometer nordöstlich, wo einst Braunkohlebagger meterhohe Wände in die Erde fraßen, liegen heute Seen, in denen sich der Himmel spiegelt – über 130 Dörfer sind dafür verschwunden. In dieser Landschaft, geprägt von Verlust und Neuanfang, findet seit 2020 das Lausitz Festival statt.
Vom 25. August bis 13. September 2026 ziehen auch dieses Jahr Theater, Konzerte, Literatur, Tanz und zeitgenössische Kunst in die Lausitz – gespielt wird nicht nur in Theatern, sondern auch in einer Brikettfabrik, in Schlössern, Kirchen und ehemaligen Industrieanlagen.
Wie das aussieht, erzählt Intendant Daniel Kühnel anhand der vergangenen Spielzeit. Zur Eröffnung inszenierte das Festival Shakespeares Sonette in der Brikettfabrik Louise in Domsdorf, der ältesten erhaltenen Brikettfabrik Europas. Im Publikum saßen überwiegend Menschen aus der Region, viele ehemalige Werksarbeiter.
Die Sonette wurden wiederholt, bis sich ihr Klang einprägte – und irgendwann sprach das Publikum leise mit. Sie erzählen von Trennung, Vergänglichkeit und Sehnsucht. Am Ende kamen Zuschauer zu Kühnel und sagten: „Ihr seid unsere Botschafter.“
Three Jokers of Jazz: Brikettfabrik Louise, Domsdorf
© Ben Wiesenfarth
Jedes Jahr steht das Festival unter einem selbstgewählten „Inspirationswort“. 2026 lautet es „geschöpferisch“. Für Intendant Daniel Kühnel beschreibt es eine Haltung: zu handeln, ohne den Ausgang zu kennen. Genau darin liege die Möglichkeit, immer wieder neu anzufangen. „Wir sind Geschöpfe und Schöpfer gleichzeitig.“
Niederlausitz: Der „Rohkunstbau“ übt die Grenzüberschreitung
Auch im Schloss Altdöbern zeigt sich, wie Vergangenheit zum Ausgangspunkt für etwas Neues werden kann. Hier balancieren zwei aufblasbare Figuren aufeinander, dort erklingt aus einer verschlossenen Holzhütte ein selbstspielendes Klavier. Seit mehr als 30 Jahren bringt „Rohkunstbau“ zeitgenössische Kunst in historische Schlösser und Herrenhäuser.
Für Inka Thunecke, Vorsitzende des Vereins der Freunde des Rohkunstbau, liegt genau darin die besondere Kraft der Ausstellung. Manche Besucher seien zunächst skeptisch. „Warum lässt man die Vergangenheit nicht einfach ruhen?“, sei eine Frage, die sie immer wieder höre. Gerade deshalb brauche es das Konzept. Die Ausstellung wolle Geschichte nicht konservieren, sondern weiterdenken.
Skulptur von Kateřina Vincourová im Rohkunstbau
© Waldemar Brezinski
Das Thema der aktuellen Ausgabe heißt „Die Kunst des Überschreitens“. Gemeint ist zunächst das Überschreiten von Genregrenzen, wenn Skulptur auf Klang trifft oder Installation auf historische Architektur. Doch der Begriff zielt weiter: Es geht auch darum, gesellschaftliche Grenzen und Gewissheiten zu verlassen – und zu fragen, ob das Neue tatsächlich automatisch das Bessere ist.
Kreativität entsteht im Austausch
Ich bin mit der Frage losgereist, wo heute neue kreative Orte in Deutschland entstehen. Zurück komme ich mit der Erkenntnis, dass Kreativität kein Produkt von Größe, Szene oder Budget ist. Sie entsteht dort, wo Menschen ihren Ort gemeinsam gestalten, unterschiedliche Perspektiven aushalten und Verantwortung füreinander übernehmen.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Chance von Chemnitz und der Lausitz. Hier treffen Geschichte, Wandel und Gemeinschaft unmittelbar aufeinander. Aus diesem Miteinander entsteht etwas, das sich nicht planen lässt: Vertrauen. Und oft etwas ganz Neues.
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