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Amazonas-Geheimnis gelüftet: Laser enthüllen zehntausende antike Bauwerke im Regenwald

LiDAR-Scans im Amazonas-Regenwald zeigen 24.000 bis 30.000 Erdwerke – Forscher schätzen 1,25 bis 3 Millionen Bewohner um 200 nach Christus.

6 Min
Blick über das Kronendach des Amazonas-Regenwalds: Erst Laserscans machen sichtbar, was jahrhundertelang unter den Bäumen verborgen lag. (Symbolbild)

Blick über das Kronendach des Amazonas-Regenwalds: Erst Laserscans machen sichtbar, was jahrhundertelang unter den Bäumen verborgen lag. (Symbolbild)

© IMAGO/Vitor Marigo

Ein einmotoriges Flugzeug, gut 1100 Meter über dem Kronendach, an Bord ein Laser, der 1,6 Millionen Impulse pro Sekunde nach unten schickt.

Die allermeisten bleiben in Blättern und Ästen hängen. Ein paar finden eine Lücke, treffen den Waldboden und kehren zurück.

Aus diesen wenigen Treffern haben finnische und brasilianische Forscher ein Bild zusammengesetzt, das die Geschichte des Amazonas neu sortiert. Ihre Rechnung: Unter dem Regenwald der brasilianischen Bundesstaaten Acre und Amazonas liegen 24.000 bis 30.000 von Menschen angelegte Erdwerke.

Und in dieser Region lebten vor 1800 Jahren nach Schätzung des Teams 1,25 bis 3 Millionen Menschen. Die Studie ist an diesem Mittwoch im Fachblatt Nature erschienen.

Faktor fünf: Warum Satellitenbilder den Amazonas kleinrechnen

Der entscheidende Befund steckt in einem simplen Vergleich. Auf denselben Strecken hatte dasselbe Team zuvor per Satellitenbild 30 Anlagen gezählt. Der Laser fand 156.

Faktor fünf. Und zwar auf gerodeten Flächen, wo eigentlich alles offen zutage liegt.

Insgesamt flog das Team im Juni 2024 zehn Linien ab, 4430 Kilometer, knapp 4500 Quadratkilometer. Für Amazonien ist das ein Handtuch. Auf diesem Handtuch fanden die Forscher 432 Erdwerke – bekannt waren vorher gerade einmal 36.

Zum Vergleich: Eine vielbeachtete Science-Studie schätzte 2023 die Zahl der verborgenen Erdwerke in ganz Amazonien auf rund 10.000. Eine einzige Kulturregion liefert nun das Doppelte.

Fünf Meter tiefe Gräben, ausgehoben ohne Metallwerkzeug

Die Bauherren nennen die Forscher Aquiry. Über ihren Alltag weiß man wenig, über ihre Bauwut umso mehr: Zwischen etwa 600 vor Christus und 850 nach Christus zogen sie geometrische Gräben durch den Wald, gut 1500 Jahre lang.

Die Gräben sind neun bis 13 Meter breit und reichen bis zu fünf Meter in die Tiefe. Die meisten Anlagen messen zwischen 0,35 und 14 Hektar, die größte bekannte fast 50.

Gebaut wurde das ohne Metallwerkzeug, ohne Zugtiere, ohne Rad. Wer solche Erdmassen bewegt, braucht Arbeitskräfte, Arbeitsteilung und jemanden, der Winkel und Kreise beherrscht.

Eine der eindrucksvollsten Anlagen trägt den Namen D. Schaan: ein monumentales, mehrfach ineinander verschachteltes Rechteck, dazu mehrere exakt quadratische Einfassungen, verbunden durch breite Straßen. Pärssinen nannte den Fund gegenüber dem Wissenschaftsportal IFLScience „wirklich verblüffend“.

Die Anlage D. Schaan, sichtbar gemacht durch Laserscan: ein verschachteltes Rechteck, quadratische Einfassungen, verbunden durch breite Straßen.

Die Anlage D. Schaan, sichtbar gemacht durch Laserscan: ein verschachteltes Rechteck, quadratische Einfassungen, verbunden durch breite Straßen.

© Martti Pärssinen/Risto Kalliola/Fabio de Novaes

Anlagen für Gäste

Wohnhäuser standen dort offenbar nicht. Verteidigungswälle auch nicht. Die Anlagen wirken wie Orte, an denen sich Menschen verabredeten und danach wieder auseinandergingen.

Gebaut wurde also für Besucher, die von weit her kamen: für Zeremonien, für Verhandlungen, für Feste.

Dass so etwas funktioniert, zeigen die Nachfahren bis heute. Die Apurinã, die mitten im Erdwerk-Gebiet leben, versammeln sich zu ihren kyynyry-Zeremonien mit 200 bis 400 Menschen und legen dafür Freiflächen von ein bis zwei Hektar an.

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So kommen die Forscher auf drei Millionen Menschen

Um von Bauwerken auf Menschen zu schließen, rechnet das Team über den Arbeitsaufwand. Für Bau und Instandhaltung einer durchschnittlichen Anlage veranschlagt es rund 300 Personen.

Dann folgt die entscheidende Frage: Wie viele Anlagen waren gleichzeitig in Betrieb? 162 Radiokarbondaten aus 32 Fundorten legen den Höhepunkt auf die Jahre 100 bis 300 nach Christus. Für diesen Zeitraum nehmen die Forscher an, dass 25 bis 60 Prozent der Anlagen genutzt wurden.

Das ergibt 1,25 bis 3 Millionen Menschen. Weil der dichte Wald einen Teil der Strukturen selbst vor dem Laser verbirgt, halten die Autoren bis zu 3,8 Millionen für möglich.

Das wären 7 bis 16 Menschen pro Quadratkilometer, im Kerngebiet womöglich mehr als 30.

Heute leben im Bundesstaat Acre 830.000 Menschen auf 164.000 Quadratkilometern, macht 5,1 pro Quadratkilometer. Der Wald war vor 1800 Jahren dichter besiedelt als die Gegenwart.

Deutschland im 15. Jahrhundert als Maßstab

Wem 300 Menschen pro Zentrum wenig vorkommt, dem halten die Autoren einen Vergleich entgegen, der für deutsche Leser reizvoll ist.

Im Deutschland des 15. Jahrhunderts gab es rund 3000 Städte. In 2800 von ihnen lebten zwischen 100 und 1000 Menschen – mit Marktplatz, Kirche und öffentlichen Gebäuden.

Die Größenordnung im Amazonas liegt damit genau dort, wo im spätmittelalterlichen Europa der Stadtbegriff begann.

Guter Boden – und ein Loch in der Karte

Lange galt als ausgemacht, dass die kargen Böden Amazoniens keine großen Bevölkerungen tragen konnten. Für die Aquiry-Region gilt das nicht: Eine aktuelle Nährstoffkarte weist sie als eine der fruchtbarsten Terra-firme-Zonen des gesamten Beckens aus.

Nachgewiesen sind Mais und Kürbis, wahrscheinlich kamen Maniok, Süßkartoffel, Chili, Bohnen und Erdnüsse dazu. Rund um die Erdwerke stehen bis heute Paranussbäume, deren Schalen sich in den Grabungen finden.

Bemerkenswert ist auch eine Leerstelle. Auf rund 800 Flugkilometern zwischen den Flüssen Purus und Juruá entdeckte das Team kein einziges Erdwerk. Entweder war der Wald dort zu dicht für den Laser – oder es lebte tatsächlich niemand dauerhaft in diesem Streifen.

Was die Studie offenlässt

Die 20.000 sind eine Hochrechnung. Systematisch abgesucht wurden 2380 Quadratkilometer, gezählt wurden dort 347 Anlagen. Alles Weitere ist Extrapolation, und das schreiben die Autoren auch so.

Sie rechnen selbst vor, wo es hakt: In Teilen des Untersuchungsgebiets kam der Laser auf bis zu 54 Prozent der Fläche nicht bis zum Boden durch. Im Bundesstaat Rondônia fehlen archäologische Untersuchungen fast vollständig, dort bleibt die Zuordnung offen.

Auch die Bevölkerungszahl hängt an einer Annahme. Waren die Langhäuser der späteren Dorfsiedlungen Mehrfamilienhäuser, kommt man auf Millionen. Wohnte dort jeweils nur eine Familie, bleiben 250.000 bis 600.000 Menschen übrig. Die Autoren halten die zweite Variante für sehr unwahrscheinlich, ausschließen können sie sie nicht.

Der harte Kern des Befunds bleibt trotzdem stehen: Selbst die zurückhaltendste Rechnung ergibt für diese eine Region so viele Bauwerke, wie bisher für ganz Amazonien vermutet wurden.

Warum das für die Klimaforschung zählt

Klimamodelle und Biodiversitätsstudien arbeiten mit Annahmen darüber, wie stark Menschen den Amazonas vor 1492 verändert haben. Diese Annahmen könnten deutlich zu niedrig sein.

Der Regenwald wäre dann kein Naturzustand, sondern das Ergebnis von Jahrtausenden menschlicher Arbeit – sichtbar bis heute in Bodenchemie, Baumbestand und Artenvielfalt.

Die Autoren fordern deshalb, die präkoloniale Bevölkerungsdichte Amazoniens neu zu berechnen. Ihre Laser haben dafür 4430 Kilometer weit geschaut. Amazonien ist 6,7 Millionen Quadratkilometer groß.

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