Ein internationales Forschungsteam hat erstmals direkte molekulare Belege für Pocken in einer indigenen Gemeinschaft Südamerikas aus der Zeit der spanischen Kolonisierung vorgelegt. Die am Donnerstag im Fachmagazin Science veröffentlichte Studie beschreibt zwei rekonstruierte Genome des Variolavirus aus zwei natürlich mumifizierten Menschen aus dem Norden Chiles. Die Funde stammen den Autoren zufolge aus der Zeit zwischen etwa 1492 und 1631.
Die Koautorin Constanza de la Fuente Castro von der Universidad de Chile betonte laut der Nachrichtenagentur Reuters, es handle sich nicht um künstliche Mumifizierung wie in Ägypten. Die Toten seien in Bündeln aus Kamelidenwolle bestattet worden, eine Praxis, die vor der Inkazeit in der Region verbreitet gewesen sei.
Untersucht wurden Knochenproben von insgesamt 13 Individuen aus der Fundstätte Camarones 9 nahe der Pazifikküste. Zwei Proben enthielten Virus-DNA: Sie gehören zu einer im Alter von 30 bis 35 Jahren verstorbenen Frau und zu einem Mann, der 18 bis 20 Jahre alt wurde.
Beide lebten den in Science veröffentlichten Analysen zufolge im Einflussgebiet des Inkareichs. Die beiden gewonnenen Virusgenome stimmen zu 99,9 Prozent überein, was nach Angaben der Forscher darauf hindeutet, dass beide während desselben Ausbruchs oder mit derselben Virusvariante infiziert waren.
Bislang unbekannte, ausgestorbene Viruslinie
Die Auswertung ordnet die Erreger einer inzwischen ausgestorbenen Linie zu. Diese habe sich rechnerisch um das Jahr 1296 von den mittelalterlichen europäischen Pockenstämmen abgespalten, aber vor der Entstehung der später weltweit zirkulierenden Varianten des 20. Jahrhunderts. Das liefere nach Darstellung der Autoren einen direkten molekularen Nachweis, dass die Pocken mit der europäischen Kolonisierung nach Amerika gelangten.
Nach der Studie verlangsamte sich die Rate genetischer Veränderungen des Virus während der großen Kolonialepidemien und nahm erst nach Einführung der ersten Impfung 1796 wieder zu. Die Autoren führen das darauf zurück, dass sich der Erreger in immunologisch ungeschützten Bevölkerungen ohne größeren Anpassungsdruck ausbreiten konnte.
Erstautor Bruno Romero González vom Trinity College Dublin verwies gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters darauf, dass der erste dokumentierte Pockenausbruch in Amerika 1518 auf der Insel Hispaniola während der spanischen Kolonisierung stattfand. Sein Kollege Shigeki Nakagome bezeichnete die Pocken als eine der folgenschwersten Infektionskrankheiten der Menschheitsgeschichte: Vor ihrer Ausrottung durch eine weltweite Impfkampagne im Jahr 1980 seien schätzungsweise Hunderte Millionen Menschen an ihr gestorben.
Neubewertung früherer Befunde
Die Studie stellt zudem frühere Deutungen zu den Camarones-Funden infrage. Hautveränderungen an einigen Individuen der Fundstätte waren bislang chronischer Arsenbelastung zugeschrieben worden. Nach Einschätzung der Autoren könnte ein Teil dieser Veränderungen auch auf Pockeninfektionen zurückgehen. Beides schließe sich nicht aus.
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