Elf Ziegel am Tag. 25 Jahre lang. Ohne Wochenende.
So ungefähr lässt sich das Lebenswerk von Chris van der Sman in eine Rechnung fassen. Der 91-Jährige aus Nootdorp nahe Delft hat in seinem Hinterhof eine Kirche gebaut, wie die niederländische Zeitung Algemeen Dagblad berichtet. Rund 100.000 Ziegel, Stein für Stein gemauert, eine Miniatur der Nieuwe Kerk.
Das Ergebnis wiegt rund zwölf Tonnen. Das sind etwa 19 Kleinwagen.
Miniatur-Kirche in Nootdorp: Ein Turm über den Hecken
Der Turm überragte jahrelang die Gärten der Nachbarschaft. Ein Kirchturm ohne Gemeinde, dafür mit Rasen drumherum.
Und die Leute kamen. Wer vorbeilief, blieb stehen; wer stehen blieb, sagte irgendwann, dass dieses Ding erhalten werden müsse.
Vor drei Jahren nahm sich dann ein Delfter der Sache an und betrieb den Umzug so lange, bis er tatsächlich stattfand.
Umzug per Kran: Stahlträger unter dem Fundament
Am Donnerstag vergangener Woche wurde es ernst. Arbeiter gruben Löcher unter die Betonplatte, schoben Stahlträger darunter und lösten die Kirche zentimeterweise aus dem lehmigen Boden.
Besonders heikel war der Turm. Er wurde eigens gesichert, damit die filigrane Konstruktion den Ruck nicht mit einem Rissbild quittiert.
Dann hob ein Kran das Bauwerk aus dem Garten, vor versammelter Nachbarschaft. Ziel ist der Hortus Botanicus in Delft, wo die Miniatur zwischen Bäumen millimetergenau auf ein neues Fundament gesetzt werden muss.
40.000 Euro Crowdfunding – die Stadt Delft zahlte nichts
Bezahlt hat den Spezialtransport nicht die Stadt, sondern die Öffentlichkeit. Rund 40.000 Euro kamen per Crowdfunding zusammen.
Die Stadt Delft habe keinen Cent beigesteuert, sagt der Initiator der Aktion. Bemerkenswert für eine Kommune, die gerade ein 25-Jahre-Denkmal ihrer eigenen Hauptkirche geschenkt bekommt.
Für Van der Sman ist der Umzug auch ein Abschied. Nach 56 Jahren ist der Garten leer. „Der Turm war das Gesicht der Straße“, sagt er.
Das Original steht weiter am Markt in Delft: Die Nieuwe Kerk ist die Grabkirche der Oranier-Nassau, ihr Turm misst rund 109 Meter. Van der Smans Version kommt ohne Aufzug aus.
Grabkirche des niederländischen Königshauses: In der Nieuwe Kerk in Delft liegen die Oranier-Nassau seit Wilhelm von Oranien.
© Imago/Jan Kranendonk
Kirche im Garten: Was in Deutschland erlaubt ist
Bleibt die Frage, die sich beim Betrachten solcher Bilder unweigerlich stellt: Ginge das auch hierzulande?
Eher nicht. Baurecht ist Ländersache, und schon beim Maßstab hört die Einigkeit auf. Die meisten Bundesländer rechnen in Kubikmetern Brutto-Rauminhalt, einige dagegen in Quadratmetern Grundfläche.
Die Spannweite ist beachtlich. Bayern stellt Gebäude bis 75 Kubikmeter verfahrensfrei, sofern sie nicht im Außenbereich stehen. In Berlin ist bei zehn Quadratmetern Grundfläche Schluss.
Verfahrensfrei gilt dabei fast überall nur für schlichte Nebengebäude ohne Aufenthaltsraum, Toilette oder Feuerstätte. Sobald geheizt, gekocht oder gewohnt wird, greift die Genehmigungspflicht.
Mehrere Länder haben ihre Grenzen zuletzt angehoben, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen etwa auf 75 Kubikmeter. Wer plant, sollte die aktuelle Fassung seiner Landesbauordnung prüfen. Viele Übersichten im Netz stehen noch auf altem Stand.
Außerhalb bebauter Ortslagen ist verfahrensfreies Bauen fast überall ausgeschlossen. Im Kleingarten wiederum gilt bundesweit das Bundeskleingartengesetz mit 24 Quadratmetern für die Laube, überdachter Freisitz eingerechnet.
Und verfahrensfrei heißt noch lange nicht folgenlos. Abstandsflächen, Bebauungsplan, Denkmalschutz und örtliche Gestaltungssatzungen gelten weiter. Wer unsicher ist, fragt besser vorher beim Bauamt nach als hinterher beim Anwalt.
Zwölf Tonnen Ziegel im Garten wären hier also vor allem ein Fall für die Bauaufsicht. In Nootdorp standen sie 25 Jahre lang einfach hinterm Haus.
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