Ein Senator im flauschigen weißen Elefantenkostüm mit großen Ohren und langem Rüssel – dieses Bild ging in Kolumbien viral. Hinter dem „Elefante Blanco“ („Weißer Elefant“) steckt Luis Carlos Rúa, ein 34-jähriger Ingenieur und Antikorruptions-Aktivist, der im Kongress in Bogotá kürzlich seinen Amtseid ablegte.
Fünf Jahre lang hatte er anonym Verschwendung öffentlicher Gelder aufgedeckt. Erst drei Tage vor der Parlamentswahl im März nahm er die Maske ab und zeigte sein Gesicht – nach eigenen Worten zum Schutz seiner Sicherheit. Mit rund 124.000 Stimmen gewann er einen Sitz im Senat.
Wer ist der Elefante Blanco?
Der Begriff „weißer Elefant“ steht in Lateinamerika umgangssprachlich für kostspielige, unvollendete oder nutzlose Bauprojekte, die meist mit öffentlichem Geld finanziert wurden. Genau diese prangert Rúa seit Jahren an.
Rúa wurde im Jahr 1992 in Pereira geboren, studierte Elektrotechnik und arbeitete zunächst als Kommunikationsbeauftragter für den damaligen Bürgermeister seiner Heimatstadt. Er ist zudem Programmierer und Dozent.
Im Jahr 2019 wurde er zum Whistleblower: Er machte öffentlich, dass die Stadtverwaltung Beschäftigte unter Druck gesetzt haben soll, Stimmen für einen Kandidaten zu mobilisieren. Als Beleg zeichnete er ein Telefongespräch auf und spielte es den Medien zu.
„Sie nannten mich Judas. Sie nannten mich Verräter“, erinnerte sich Rúa im AFP-Gespräch an die Reaktion seiner Kollegen. Nach Morddrohungen musste er die Stadt verlassen.
Vom anonymen Video zum Senatssitz
In Medellín entschied Rúa, weiter Missstände aufzudecken – aber anonym. Er ließ das Elefantenkostüm anfertigen und veröffentlichte im November 2021 sein erstes Video über eine unfertige Straße.
Es folgten dutzende Beiträge über Brücken, Schulen, Tunnel und Krankenhäuser, erzählt mit verzerrter Stimme. Mal watet der Elefant durch Schlamm, mal durch trübes Wasser, das das weiße Plüschkostüm verschmutzt – ein Ersatzkostüm hat Rúa deshalb parat.
„Es ist extrem heiß da drin, aber es muss trotzdem sein, weil ich an Orte gehe, an die der Staat nicht geht“, sagte Rúa der britischen Zeitung The Guardian.
Finanziert wurden die Reisen durch Spenden, den Verkauf von Elefanten-Plüschtieren und Crowdfunding. Weil das nicht nachhaltig war, kandidierte er – laut AFP auf Idee seiner Anhänger – für den Senat, um mit dem Gehalt seine Kontrollarbeit fortzusetzen und staatlichen Schutz zu erhalten. Der Wahlkampf fand ausschließlich im Internet statt, ohne Kundgebungen oder Plakate.
Das Ausmaß des Problems in Zahlen
Wie groß das Thema in Kolumbien ist, zeigt ein Kontrollbericht der Rechnungsprüfungsbehörde Contraloría zur Strategie „Salvando Obras“, über den die kolumbianische Zeitung El Colombiano Mitte Juli berichtete.
Demnach gelten 1970 Projekte als „elefantes blancos“ – unvollendet oder kritisch, mit gebundenen Mitteln von 67,07 Billionen Pesos. 1029 Projekte im Wert von 54,17 Billionen Pesos blieben ungelöst, 134 weitere gelten als nicht mehr rettbar.
Der Vorwurf der Widersprüchlichkeit
Rúa versteht sich als unabhängig: „Ich bin weder links noch rechts noch aus der Mitte. Ich bin unabhängig“, sagte er dem Guardian. In der Präsidentschaftsstichwahl zwischen dem Linkspolitiker Iván Cepeda und dem rechtsgerichteten Juristen Abelardo de la Espriella gab er nach eigenen Angaben einen leeren Stimmzettel ab.
Kritik erntete er dennoch: Rúa stimmte im Senat dafür, die Amtseinführung von de la Espriella von Bogotá ins rund 450 Kilometer entfernte Cali zu verlegen. Der Antrag passierte den Senat mit 58 zu 30 Stimmen.
Die gewählte Abgeordnete Laura „Lalis“ Beltrán warf ihm daraufhin Heuchelei vor: „Schluss mit den Widersprüchen!“, so ihre Kritik laut dem Nachrichtenportal Infobae Colombia. Ein Verschwendungs-Jäger, der einen teuren Umzug mittrage, sei inkohärent.
Rúa verteidigte sich: Er wolle „ein Signal staatlicher Präsenz in einer historisch vernachlässigten Region“ senden. Die Zeremonie sollte trotz Ortswechsel weniger kosten als die von Präsident Gustavo Petro 2022.
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