Frostig

Kältewinter 2026/27 in Berlin? El Niño ist da – und diesmal rechnen die Modelle mit dem Extremfall

15 Winter in Folge waren zu warm. Jetzt läuft im Pazifik ein möglicherweise extremer El Niño. Die Datenlage, der Streit und der Blick auf Berlin und Brandenburg.

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Meterhoher Schnee auf einem Hausdach. Ob der kommende Winter solche Bilder liefert, entscheidet sich erst im Januar am Polarwirbel. (Symbolbild)

Meterhoher Schnee auf einem Hausdach. Ob der kommende Winter solche Bilder liefert, entscheidet sich erst im Januar am Polarwirbel. (Symbolbild)

© IMAGO/Bernd Feil/M.i.S.

Die Frage kommt in diesem Jahr früher als sonst: Wird der Winter kalt? Ausgelöst hat sie ein Klimaphänomen, das tausende Kilometer entfernt im Pazifik abläuft.

El Niño ist zurück. Und zwar deutlicher, als die meisten Prognosen im Frühjahr erwartet hatten.

El Niño läuft längst, die Zahlen sind alarmierend

Die US-Klimabehörde NOAA hat ihre Warnstufe schon im Juni auf „El Niño Advisory“ gesetzt. Das bedeutet: Das Ereignis ist nicht mehr Prognose, es ist Messwert.

Anfang Juli lag der maßgebliche Index für die Meerestemperatur im zentralen Pazifik bei plus 1,2 Grad über dem Mittel. Vor der Küste Südamerikas waren es plus 2,7 Grad.

Die Fachleute der NOAA geben eine Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent an, dass El Niño bis ins Frühjahr 2027 durchhält. Für Oktober bis Dezember beziffern sie die Chance auf ein sehr starkes Ereignis mit 81 Prozent.

Das wäre einer der größten registrierten El Niños seit 1950.

Das Kältewinter-Szenario läuft über den Polarwirbel

Damit daraus in Deutschland tatsächlich Frost wird, braucht es einen zweiten Schritt. Nicht der Pazifik entscheidet über den Berliner Januar, sondern ein Luftwirbel in rund 30 Kilometern Höhe über dem Nordpol.

Dieser stratosphärische Polarwirbel hält die arktische Kaltluft im Norden fest wie ein Deckel auf dem Topf. Rotiert er stabil, bleibt es bei uns mild und windig.

Er kann aber platzen. Fachleute sprechen dann von einer plötzlichen Stratosphärenerwärmung. Innerhalb weniger Tage kippt die Großwetterlage, arktische Luft schwappt nach Süden, Schnee fällt bis ins Flachland.

Daniela Matei vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg hält genau das für die entscheidende Fernwirkung. El Niño könne ab Januar die Wahrscheinlichkeit starker Kaltlufteinbrüche in Nord- und Mitteleuropa „deutlich erhöhen“, sagt sie gegenüber dem Science Media Center Germany.

Warum die Fachleute sich uneins sind

So klar sieht das längst nicht jeder. Der Deutsche Wetterdienst hat in einer Analyse den umgekehrten Mechanismus beschrieben: El Niño verschärfe die Temperaturgegensätze über dem Atlantik und stärke den Polarwirbel dadurch eher, statt ihn zu schwächen.

Andreas Fink, Meteorologe am Karlsruher Institut für Technologie, geht noch weiter. Für Europa ließen sich „keine belastbaren Aussagen treffen“, sagt er. Das Ereignis sei schlicht zu weit weg, das Signal werde vom zufälligen Wetterrauschen über dem Atlantik überlagert.

Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven sieht immerhin eine schwache Tendenz. In El-Niño-Wintern falle die Nordatlantische Oszillation eher negativ aus, was Südeuropa feuchter und Nordeuropa trockener macht.

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Was im Pazifik überhaupt passiert

Normalerweise schieben die Passatwinde warmes Oberflächenwasser Richtung Indonesien. Vor Südamerika steigt dafür kaltes Tiefenwasser auf.

Bei El Niño erlahmt dieses System. Die Winde schwächeln, das warme Wasser schwappt zurück nach Osten, der Ostpazifik heizt sich auf.

Weil dort die tropische Gewitterzone hängt, verschiebt sich die gesamte globale Zirkulation mit. Der Pazifik ist der Taktgeber der Weltwetterküche.

Den Begriff „Super-El-Niño“, der gerade durch die sozialen Netzwerke geht, hören Forscher übrigens ungern. Die dafür übliche Zwei-Grad-Schwelle habe keine besondere physikalische Bedeutung, betont Matei. Ein sehr starkes Ereignis erhöhe vor allem die Wahrscheinlichkeit von Folgen, nicht automatisch deren Wucht.

Brandung an einem Pier an der US-Pazifikküste: In El-Niño-Jahren treffen die Winterstürme die Westküste Nordamerikas mit voller Wucht.

Brandung an einem Pier an der US-Pazifikküste: In El-Niño-Jahren treffen die Winterstürme die Westküste Nordamerikas mit voller Wucht.

© Mark Conlin / Imago

Was die Statistik der El-Niño-Winter zeigt

Ein Blick zurück macht die Sache nicht leichter. Der bislang letzte sehr starke El Niño fiel in den Winter 2015/16, und der wurde in Deutschland einer der mildesten seit Aufzeichnungsbeginn 1881.

Die Durchschnittstemperatur lag bei 3,6 Grad, das sind 3,4 Grad über dem Referenzmittel. Der Dezember 2015 war der wärmste seit mindestens 1881. Auch der Winter 1997/98 nach dem starken El Niño jenes Jahres zählt bis heute zu den 13 wärmsten der Messreihe.

Der Winter 2009/10 fiel allerdings ebenfalls in eine El-Niño-Phase. Er ging als kalter, extrem schneereicher Schneewinter in die Bücher, mit minus 1,3 Grad im Bundesmittel und 1,5 Grad unter dem Klimawert.

Zwei Rekordmildwinter, ein Winterchaos. Die Statistik liefert für beide Lager Munition.

Für Berlin und den Osten steht am meisten auf dem Spiel

Wenn der Polarwirbel kippt, trifft es den Nordosten am härtesten. Im Winter 2009/10 lag die negative Abweichung im Osten Deutschlands bei rund zweieinhalb Grad, im Südwesten bei knapp einem.

Der kälteste Wert jenes Winters wurde am 27. Januar 2010 in Bad Muskau in der Oberlausitz gemessen: minus 24,3 Grad.

Umgekehrt kam Brandenburg im milden El-Niño-Winter 2015/16 auf 3,5 Grad im Mittel und war das zweittrockenste Bundesland. Zwischen diesen beiden Extremen liegt die ganze Spannbreite für die Region.

Der Trend, der alles überlagert

Eines lässt sich unabhängig vom Pazifik sagen. Laut Umweltbundesamt war der Winter 2025/26 bereits der 15. zu warme Winter in Folge. Wer auf harte Winter setzt, wettet gegen eine sehr lange Serie.

El Niño hebt die globale Mitteltemperatur zusätzlich um etwa 0,1 bis 0,2 Grad, weil weniger Wärme im tropischen Pazifik gespeichert bleibt. Mehrere der befragten Forscher halten es für wahrscheinlich, dass 2027 den globalen Rekord von 2024 übertrifft.

Wann es Klarheit gibt

Die NOAA aktualisiert ihre ENSO-Diagnose Mitte August. Dann zeigt sich, ob das Ereignis weiter Fahrt aufnimmt.

Belastbare Hinweise auf den Zustand des Polarwirbels gibt es frühestens ab November. Die meisten Stratosphärenerwärmungen ereignen sich im Januar oder Februar.

Für den Winter vor der eigenen Haustür heißt das: Der Pazifik hat vorgelegt. Entschieden wird über dem Nordpol, und zwar erst mitten im Winter.

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