Gefährlich

20 Gerettete an einem Tag: Schottlands beliebtester Wanderweg überfordert seine Besucher

Skye Trail in Schottland: Bergretter halfen 20 Wanderern in 13 Stunden. Warum der Fernwanderweg auf der Isle of Skye unterschätzt wird.

5 Min
Wolken über den Bergen der Isle of Skye: Bei solchen Bedingungen wird der Skye Trail zur Bergtour. (Symbolbild)

Wolken über den Bergen der Isle of Skye: Bei solchen Bedingungen wird der Skye Trail zur Bergtour. (Symbolbild)

© IMAGO

Um sieben Uhr morgens ging der erste Notruf ein. Der letzte kam 13 Stunden später.

Dazwischen half das Skye Mountain Rescue Team auf der schottischen Isle of Skye 20 Menschen aus dem Gelände, in mehreren voneinander unabhängigen Einsätzen. Zeitweise liefen mehrere davon gleichzeitig, alle verfügbaren Freiwilligen waren gebunden.

Einsatzleiter Paddy Stephenson beschrieb den Freitag bei BBC Radio Scotland mit einem Jahrmarktsspiel: Whac-a-Mole, bei dem man Plastikmaulwürfe zurück in ihre Löcher hämmert. Kaum ist einer unten, kommt der nächste hoch.

Es war einer der arbeitsreichsten Tage in der Geschichte des Teams. Und alle Betroffenen waren auf derselben Route unterwegs.

Trotternish Ridge und angeschwollene Bäche: Wo die Wanderer festsaßen

Ein Teil der Gruppe saß auf dem Trotternish Ridge fest, dem hochgelegenen Kammabschnitt der Strecke. Wind und Regen machten den Grat unpassierbar.

Andere kamen zwischen Sligachan und Camasunary nicht weiter. Dort waren Bäche und Flüsse nach dem Regen so angeschwollen, dass eine Querung nicht mehr infrage kam.

Alle Einsätze seien wetterbedingt gewesen, sagte Stephenson, und alle Betroffenen seien Touristen aus Europa. Um welche Nationalitäten es ging, nannte er nicht.

Unerfahren seien die Geretteten nicht gewesen. Sie hätten nur keine Vorstellung davon gehabt, wie schlecht schottisches Wetter werden kann und wie wenig es nachlässt.

Am Ende dieses Tages halfen die Retter Wanderern auch dabei, ihre zerstörten Zelte zu entsorgen. Die Menge davon nannte der Einsatzleiter unglaublich.

Der Old Man of Storr am Trotternish Ridge: Auf diesem Abschnitt des Skye Trail saßen am Freitag mehrere Wanderer fest. Bei gutem Wetter ist die Isle of Skye ein Postkartenmotiv – bei schlechtem oft unpassierbar. (Symbolbild)

Der Old Man of Storr am Trotternish Ridge: Auf diesem Abschnitt des Skye Trail saßen am Freitag mehrere Wanderer fest. Bei gutem Wetter ist die Isle of Skye ein Postkartenmotiv – bei schlechtem oft unpassierbar. (Symbolbild)

© IMAGO/Alfredo Ruiz

Warum das Wort „Trail“ in die Irre führt

Das Wetter an diesem Freitag war nach Angaben der Bergwacht besonders schlecht, aber nicht außergewöhnlich für Skye. Vorhergesagt war es ohnehin.

Genau deshalb stellte das Team einen Tag später auf Facebook eine unbequeme Frage: Wenn 20 Menschen auf derselben Route am selben Tag Hilfe brauchen, in getrennten Vorfällen, steckt dann nicht eine größere Botschaft darin?

Kritik an den Geholfenen sei das ausdrücklich nicht, betonten die Retter. Ihre Aufgabe sei es, ohne Urteil zu helfen. Für einen Teil des Problems halten sie den Namen des Weges.

Das Wort „Trail“ suggeriere eine feste, ausgebaute Route, wie man sie von anderen Fernwanderwegen kennt. Tatsächlich handele es sich um eine Tour durch ernstes, abgelegenes und anspruchsvolles Gelände, mit Abschnitten ohne jeden erkennbaren Pfad.

Der Fernwanderweg, den es offiziell gar nicht gibt

Der Skye Trail ist keine offizielle Route. Er ist nicht ausgeschildert, keine Behörde unterhält ihn, und selbst über seine Länge herrscht keine Einigkeit.

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Die BBC nennt 113 Kilometer von Rubha Hunish im Norden bis Broadford im Süden. Andere Beschreibungen kommen auf bis zu 134 Kilometer, je nachdem, welche Varianten sie einrechnen.

Bekannt wurde die Strecke durch die Sendung „The Adventure Show“ des britischen Senders, in der der Wanderer Cameron McNeish sie ablief – über den Trotternish Ridge, durch die Cuillin Hills bis an die Südküste.

Wer sie heute geht, plant meist sieben Tage ein. Buchen kann man sie inzwischen bei kommerziellen Anbietern, als geführte oder selbst organisierte Wanderreise, oft samt fertiger Route für die Wander-App.

450 Meter Höhe – und trotzdem gefährlich

Bei gutem Wetter, sagt Stephenson, sei der Weg relativ einfach. Bei schlechtem oft schlicht unpassierbar. Auf dem Trotternish Ridge bei Sturm habe niemand etwas verloren.

Der Weg führt je nach Abschnitt auf 450 bis 600 Meter. Für mitteleuropäische Ohren klingt das nach Harz oder Schwarzwald, nach einem Sonntagsausflug.

In den Alpen liegen viele Ausgangsorte höher als der höchste Punkt dieser Route. Nur stehen dort Wälder, Täler und Hütten dazwischen.

Auf Skye steht zwischen dem Atlantik und dem Wanderer nichts. Kein Baum, kein Dorf, kein Unterstand.

Influencer, Apps und die Illusion der Sicherheit

Die Bergretter nehmen auch die Vermarktung ins Visier. Manche Anbieter würben vernünftig für den Weg, andere weniger, sagte Stephenson und nannte dabei Influencer in sozialen Netzwerken.

Sein Einwand ist simpel: Mit Videos von Dauerregen gewinnt online niemand Reichweite. Zu sehen sind deshalb die schönen Abschnitte, nicht die Stunden im Moor.

Ein Kommentar unter dem Facebook-Post bringt es aus Sicht der Anwohner auf den Punkt. Man treffe regelmäßig Wanderer vor der eigenen Haustür, die nicht einmal den Startpunkt bei Rubha Hunish fänden.

Auch die Navigation per App sehen die Retter kritisch. Eine klare Linie auf dem Display vermittle eine Sicherheit, die es im Gelände nicht gebe.

Eine vorbereitete Route ersetze nicht die Fähigkeit, selbst zu navigieren, das Gelände einzuschätzen und zu entscheiden, ob ein Weitergehen noch vertretbar ist. Akkus werden leer, Geräte werden nass, Technik fällt aus.

Skye Trail wandern: Was die Bergretter empfehlen

Karte und Kompass gehören ins Gepäck, und man sollte damit umgehen können. Das ist die erste Empfehlung des Teams.

Dazu kommt die Kenntnis der eigenen Route samt möglicher Ausstiege ins Tal. Wer nicht weiß, wo er abbrechen kann, kann auch nicht abbrechen.

Für die Vorhersage verweist die Bergwacht nicht auf die Wetter-App des Smartphones, sondern auf spezialisierte Bergwetterdienste wie den britischen Mountain Weather Information Service (MWIS).

Und dann wäre da noch ein Plan B.

Die Zahl der Einsätze an diesem Freitag nannte Stephenson fast nicht mehr tragbar. Die Natur wolle er trotzdem nicht überreguliert sehen. Aber so ende es eben, wenn Menschen ins Unbekannte aufbrechen, ohne sich vorzubereiten.

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