Berlin-Fragebogen

Musikerin Mine über Berlin: „Auf jeden Fall bin ich Team Osten!“

Friedrichshain ist super, findet Sängerin Mine, die vor neun Jahren nach Berlin gezogen ist. Hat die Stadt ihr Versprechen von Freiheit und persönlicher Entfaltung gehalten?

7 Min
Mit Hang zu ausgefallenen Sonnenbrillen: die Musikerin Mine

Mit Hang zu ausgefallenen Sonnenbrillen: die Musikerin Mine

© Bastian Bochinski

Wer auf der Suche nach spannenden deutschsprachigen Künstlerinnen ist, der kommt an Mine nicht vorbei. Starker Pop made in Berlin: Auch auf ihrem sechsten Solo-Album „Killer“, das am 4. September erscheint, zeigt sie ihre vielfältigen musikalischen Talente.

Mine schreibt sämtliche Arrangements selbst, sie beherrscht das Songwriting und produziert den Großteil ihrer Musik. Ihre Shows denkt sie als Gesamtkunstwerk; für ihre letzte Tour hat sie ein Jahr lang mit einer Trainerin für ihre Luftakrobatik-Performance geübt.

Hingabe und Disziplin – wie passt das zu ihrer Wahlheimat Berlin und wo lässt sich die Musikerin hier am liebsten inspirieren? Antworten liefert unser Stadtfragebogen.

1. Mine, Sie sind 1986 in Stuttgart zur Welt gekommen und dort in der Nähe auch aufgewachsen. Wann hat es Sie nach Berlin verschlagen?

Ich habe knapp zehn Jahre in Mainz gewohnt und bin dann 2017 nach Berlin gezogen, weil ich Lust hatte, mehr Kulturangebote mitzunehmen, und weil ich wegen meiner Arbeit sowieso oft da war. Berlin bietet einfach deutlich mehr Möglichkeiten, auf Konzerte zu gehen und andere Kunst zu konsumieren. Das fand und finde ich immer noch spannend, auch weil es für meine eigene Musik hilft, inspiriert zu bleiben und sich nicht zu wiederholen.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich sowieso jedes Wochenende dort war, für Konzerte, für Freunde, für Arbeit. Also hab ich Mainz aufgegeben und bin ganz nach Berlin gezogen. Das war für mich einfach der logische nächste Schritt.

2. Wie war Ihr erster Eindruck von der Stadt?

Damals: groß, aufregend, anonym. Wenn man in einem Dorf aufwächst, wo jeder jede kennt und wo Abweichungen von der Norm generell kommentiert werden, dann wirkt Berlin schon sehr frei. Genau diese Anonymität fand ich sehr entspannt. Außerdem trifft man dadurch auch auf viele Personen, die ähnlich unterwegs sind.

3. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gewohnt – und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben? 

Ich fühle mich in Friedrichshain zu Hause. Eine Zeit lang habe ich aber auch mal am Treptower Park gewohnt, das war auch süß. Ich mag den Plänterwald auch sehr gerne. Vor allem die obere Seite.

Auf jeden Fall bin ich Team Osten. Vor allem, weil hier mein soziales Netz ist; der Großteil meiner Freunde wohnt in der Nähe, ich hab Stammplätze und Stammcafés hier.

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Bastian Bochinski

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Mine (bürgerlich: Jasmin Stocker) nahm schon als Kind an Gesangswettbewerben teil und bekam Instrumental- und Gesangsunterricht. Sie studierte Jazzgesang, Producing und Composing. Ihr 2024 erschienenes Studioalbum „Baum“ stieg auf Platz 7 der deutschen Albumcharts ein. Ihr neues Album „Killer“ erscheint am 4. September auf ihrem eigenen Label, man kann es jetzt bei love your artist vorbestellen.

4. Viele kommen ja für ein Versprechen von Freiheit und persönlicher Entfaltung nach Berlin. Wie war das bei Ihnen? Und hat die Stadt ihre Versprechungen gehalten?

Ich fühle mich hier definitiv freier, als ich mich je woanders gefühlt habe. Hier kann ich mich auch mutiger ausdrücken, ohne viel kommentiert zu werden – sei es beim Anziehen, beim Reden oder einfach dabei, wie ich mein Leben gestalte. Aber es hängt auch total viel davon ab, wie man dieses Angebot nutzt und ob man bereits Struktur im Leben hat. Ich glaube, viele sind auch relativ schnell lost, die nach Entfaltung suchen.

Und Anonymität bringt auch mit sich, dass die Menschen weniger Rücksicht aufeinander nehmen und weniger aufeinander aufpassen. Stichwort Zivilcourage. Soziale Ungleichheit ist viel sichtbarer – und auch wie die Regierenden hier ihren Job verkacken.

5. Wieviel hat Ihre Musik mit Berlin zu tun – und wo in der Stadt treten Sie am liebsten auf?

Schwer zu beantworten, dafür bin ich zu nah dran an der Musik. Den zunehmenden Bock auf elektronische und analoge Elemente hab ich wohl auch durch Berlin, würde ich behaupten. Alles, was man hört, fließt in den eigenen Geschmack mit ein. Und hier ist man davon umgeben.

Ganz ehrlich, ich trete überall gerne auf. Ich hab’s geliebt im Lido, Frannz Club, Columbiahalle und auch in der Uber Eats Music Hall, auch wenn der Name scheiße ist und es sich draußen eher anfühlt wie eine Messehalle. Am Ende zählt für mich sowieso mehr, wer zu den Konzerten kommt, als die Location.

6. Schaut man in die sozialen Medien, ist der Blick auf Berlin oft ein kritischer. Viele beklagen, die Stadt habe sich verändert, sei dreckiger geworden und verwahrlose zusehends. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich nehme das ähnlich wahr. Die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist einfach sehr laut und sichtbar geworden, sie spiegelt wider, dass unsere Regierung darauf keine Priorität legt.

Man sieht das an jeder Ecke: Menschen die auf der Straße leben, Verdrängung, steigende Mieten, das ist kein Zufall, sondern Politik, oder eben fehlende Politik. Ich finde es aber Quatsch, die Stadt dafür zu blamen. Berlin ist nicht schuld daran, dass es so aussieht, wie es aussieht. Man sollte lieber die Verantwortung annehmen und dazu politisch laut werden, statt auf die Stadt selbst zu schimpfen.

7. Was nervt Sie am meisten an Berlin – und was heitert Sie wieder auf?

Es nervt, dass Kinder wenig willkommen sind in vielen Bereichen, sei es im Restaurant oder einfach im öffentlichen Raum. Aber das ist, glaub ich, in ganz Deutschland so. Und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid von fremden Personen ist auch schwer zu ertragen, man geht an so vielen einfach vorbei.

Was mich aufheitert, ist, wie unterschiedlich Berlin auf so vielen Ebenen ist, wenn man nur den Bezirk oder den Kiez wechselt. Und das Essen. Definitiv das Essen!

8. Haben Sie eine persönliche No-go-Area?

Alex. Ein Ort, an dem ich wirklich nur bin, wenn ich umsteigen muss.

9. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Treptower Park, Boxi ... Ich klinge wie eine Zugezogene, ich bin eine Zugezogene. Holzmarkt, weil ich da gern trainiere, und Moabit an der Spree habe ich gerade erst für mich entdeckt.

Berlin hat einfach für jede Stimmung eine Ecke und man entdeckt immer wieder neue Orte. Ich kenne noch nicht mal 50 Prozent der Stadt, obwohl ich hier schon neun Jahre wohne.

10. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert? 

Unaufgeregt mag ich’s am liebsten. Aber ich habe kein Lieblingsrestaurant, dafür wechselt das bei mir zu oft. Hier einige, die mir spontan einfallen: Golden Fleece, Ali Baba in der Krossener Straße, das Jemenitische Restaurant in Neukölln, Mibap in der Torstraße, Moim Po:cha (vor allem das Eierstichgericht), Lemon Feinkost in der Wühlischstraße, Sabor a mí in der Grünberger (beste Tacos, aber man bekommt selten einen Platz). Ich probier mich gerne durch – also falls ihr Tipps habt, gerne an mich.

11. In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?

Werk23 und Kuboraum. Es ist wirklich schlimm, wieviel Geld ich für Brillen ausgebe. Wird an der Stelle leider auch schnell teuer.

12. Welcher ist der beste Stadtteil Berlins? Oder der schlimmste?

Na Friedrichshain natürlich, allein weil meine Kinder da geboren sind.

Welcher der schlimmste ist, kann ich nicht sagen, dafür kenne ich die Stadt immer noch zu wenig. Ich hab bis jetzt in jedem Kiez irgendwelche guten Ecken entdecken können. Außerdem ist ja jede Ecke auch irgendjemandes Zuhause. Wer bin ich zu sagen, ein kompletter Kiez sei schlimm?

13. Wie sieht für Sie das perfekte Berlin-Wochenende aus: vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?

Das gibt es nicht, weil das Gute an Berlin die Abwechslung ist und dass man jeden Tag anders gestalten kann. Aber Kaffee und gutes Essen kommt drin vor, das ist sicher, egal wie der Rest des Tages läuft. Sport, Konzerte, Theater oder irgendwas, was ich noch nicht gemacht habe. Ich bin auf jeden Fall eher ein Tag- als ein Nachtmensch. Am liebsten bin ich draußen.

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