Kolumne

Der Klima-Kult: Wie „Hitzetote“ und Waldbrände für politische Zwecke instrumentalisiert werden

Im Sommer folgt eine Wetter-Alarmmeldung auf die nächste. Doch wie belastbar sind die Zahlen und was belegen sie überhaupt?

Marcel Luthe
Marcel Luthe
9 Min
Feuerwehrleute bekämpfen einen von Unbekannten gelegten Brand im Südwesten Frankreichs.

Feuerwehrleute bekämpfen einen von Unbekannten gelegten Brand im Südwesten Frankreichs.

© Emma Da Silva/AP/dpa

Langebrück, am Nordrand Dresdens, ein Donnerstagabend im August. Aus der Heide weht der Geruch warmer Kiefern, aus den Gärten der von Holzkohle. Grillen zirpen gegen das Klappern von Geschirr an, zwei Häuser weiter protestiert ein Kind, das nicht einsehen will, dass ein Planschbecken um acht Feierabend hat. Die Nachbarin stellt die Gießkanne ab. Einer dieser Abende, an denen man begreift, wofür Menschen Gärten anlegen: damit der Sommer eine Adresse hat.

Dann leuchtet das Telefon. Eilmeldung: Westeuropa erlebt den heißesten Juni und Juli seit Beginn der Aufzeichnungen. Gleich dahinter die zweite: fast zwölftausend Hitzetote in Deutschland, mehr als je zuvor. Der Abend duftet noch nach Holzkohle und Idylle. Das Gerät aber meldet den Ausnahmezustand.

Beides existiert gleichzeitig – und genau das ist das Phänomen. Der Soziologe Jacques Ellul beschrieb 1962, dass moderne Propaganda nicht von der einzelnen Lüge lebt, sondern von der Dauer: Sie will nicht überzeugen, sie will umstellen – den Bürger in Daueralarm halten, bis er nicht mehr prüft, sondern reagiert. Die Meldung muss dafür nicht falsch sein. Sie muss nur unablässig eintreffen und stets dasselbe bedeuten: schlimmer als je, und schuld bist du. Sehen wir uns die Meldungen dieses Sommers einzeln an. Der Garten läuft nicht weg.

Der Rekord und die Toten

Die Rekordmeldung stammt vom EU-Dienst Copernicus, und man muss der Behörde beinahe dankbar sein: Die Einordnung ihrer Schlagzeile liefert sie gleich mit. „So warm wie noch nie“ war es demnach in Westeuropa – im Doppelfenster aus Juni und Juli. Europa insgesamt erlebte nur den elftwärmsten Juli seit Messbeginn. Elftwärmster. Der Rekord entsteht durch Zuschnitt: Region verkleinern, zwei Monate bündeln, fertig ist der Superlativ. Und „noch nie“ heißt hier: seit 1940. Gut fünfundachtzig Jahre Messtiefe – ein Wimpernschlag der Erdgeschichte, aus dem die Schlagzeile eine Ewigkeit macht. Beim parallel gemeldeten Ozeanrekord steht der Verstärker im Kleingedruckten: ein beginnender El Niño.

Auch die Messung selbst, wird mancher einwenden, sei angreifbar: Stationen verlegt, Geräte getauscht, Methoden geändert – dass dabei Erwärmung entsteht, wo keine ist, ist denkbar. Man muss das nicht behaupten. Es genügt, den Deutschen Wetterdienst selbst zu lesen: In seinen eigenen Berichten steht, dass Sprünge durch Stationsverlegungen „in der gleichen Größenordnung wie die zu erwartenden klimatischen Trends“ liegen. Die Störgröße erreicht das Signal; heraus rechnet sie ein Modell. Immerhin: Stationshistorien und Rohdaten liegen offen, die Fachebene arbeitet mit Unsicherheitsvermerken. Die Superlative entstehen eine Etage höher, dort, wo aus Vermerken Schlagzeilen und aus Schlagzeilen Maßnahmen werden.

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Zwölftausend Tote sind eine Ansage. Nur: Gezählt hat sie niemand. Das Robert-Koch-Institut schreibt selbst, dass Hitze auf dem Totenschein praktisch nie als Ursache steht; die Zahl ist eine Modellschätzung der Übersterblichkeit. Liegt das Wochenmittel über zwanzig Grad und die Sterblichkeit über dem Erwartungswert, gilt die Differenz als hitzebedingt. Für dieselbe Junihitze nannte der erste Wochenbericht rund 5100 Tote, die Übersterblichkeitsrechnung des Statistischen Bundesamts rund 6800; vier Wochen und viele Nachmeldungen später führt dasselbe Institut 9600 – und kumuliert für den Sommer 11.900. Vier Zahlen, ein Ereignis. Welche gilt, entscheidet nicht der Befund, sondern das Modell.

Es ist die alte Corona-Frage, die ich parlamentarisch immer wieder gestellt habe: an oder mit? Wer in einer heißen Woche stirbt, stirbt mit Hitze – so wie er im November mit Regen stirbt und im Januar mit Heizung. Die Zuschreibung „an“ leistet weder ein Totenschein noch eine Wochenstatistik. Das Institut wird antworten, es zähle gar keine Einzelfälle, sondern rechne. Eben. Gezählt wird niemand, errechnet werden alle – und das Wort „Hitzetote“ behauptet trotzdem die Zuschreibung, die die Rechnung nicht leistet. Eine Schätzung ist keine Zählung. Die Übersterblichkeit jener Juniwoche ist real und verdient Aufklärung. Aber wer sie mit einer Ursache etikettiert, übernimmt dafür die Beweislast. Korrelation ist keine Kausalität – im Ausschuss nicht und im Hochsommer nicht.

Das Wasser

Wo Wasser fehlt, so hören wir, muss der Bürger sparen; manche Landkreise verbieten das Gießen gleich ganz. Die Gegenseite der Bilanz: Bayerns Trinkwassernetze verlieren rund elf Prozent des eingespeisten Wassers; bundesweit sind es laut Umweltstatistik knapp neun. International ist das wenig; der Maßstab ist hier ein anderer: Technisch geboten wäre, jährlich ein bis anderthalb Prozent des Netzes zu erneuern; Bayern liegt seit Jahren darunter, das eigene Landesamt attestiert Handlungsbedarf. Die Behörde protokolliert ihr Versäumnis – und verordnet dem Bürger die Konsequenz.

Und die braunen Wiesen, die jede Dürremeldung bebildern? Wien gießt seine Rasenflächen erklärtermaßen nicht, nur die Jungbäume. Frankfurt hat die Rasenbewässerung abgestellt und wässert exakt 8000 junge Bäume. Kassel räumt ein, es müsste mehr gegossen werden, doch fehlten Personal und Geld. Rationiert wird hier kein Wasser, rationiert werden Budgets – Frankfurt stellt zugleich fest, ein Trinkwassernotstand liege nicht vor, für Gießverbote fehle die Rechtsgrundlage. Dazu die Bauweise: Unter Stadtrasen liegen nach Norm rund fünfzehn Zentimeter Vegetationsschicht, über Tiefgaragen Abdichtung, Trennlage, Speichermatte. Solches Grün hat keinen Anschluss ans Grundwasser; ohne Gießen verbrennt es planmäßig. Früher gab es das nicht, sagen Sie? Richtig – weil früher auf gewachsenem Boden gebaut wurde. Die braune Fläche beweist keinen Wassermangel, sondern eine Kostenentscheidung – die anschließend als Klimafoto dient.

Hitze und Trockenheit sind keine neuen Phänomene.

Hitze und Trockenheit sind keine neuen Phänomene.

© Matthias Bein/dpa

Bleibt die Hitze in der Stadt. Auch sie hat einen Bauherrn. Deutschland nimmt täglich rund fünfzig Hektar neu für Siedlung und Verkehr in Anspruch, viel davon versiegelt; das selbstgesetzte 30-Hektar-Ziel von 2002 galt für 2020, wurde gerissen und still auf 2030 verschoben. Versiegelter Boden speichert kein Wasser und kühlt nicht – das schreibt Copernicus selbst zur Bodenfeuchte. Die Stadt baut sich ihre Wärmeinsel, misst darin steigende Temperaturen und meldet Klima. Dass um manche Messstation aus Wiese Gewerbegebiet wurde, ist keine Verschwörung, sondern dokumentierte Stadtentwicklung. Wieviel Grad davon im Superlativ stecken, klärt allein die offene Rechnung.

Die Waldbrände, jeden Abend im Programm. Das Umweltbundesamt beziffert natürliche Ursachen – den Blitz – auf rund drei Prozent der Fälle; knapp die Hälfte bleibt ungeklärt, und von den geklärten ist nach dem zuständigen Bundesministerium fast alles menschengemacht: Fahrlässigkeit, Vorsatz. Der Wald liefert die Kulisse, der Mensch das Streichholz – und die Forstpolitik die Kiefernmonokulturen, die wie Zunder stehen.

Wussten Sie eigentlich, dass Brandstiftung in Europa inzwischen aktenkundig als Kriegs­mittel geführt wird? Den Warschauer Kaufhausgroßbrand erklärt die polnische Regierung für „von den russischen Spezialdiensten angeordnet“; die Staatsanwaltschaft hat Beteiligte angeklagt. Litauens Staatsanwaltschaft beschreibt eine Militärgeheimdienst-Gruppe hinter Anschlägen in drei Ländern, in London fielen für ein Wagner-orchestriertes Lagerhausfeuer Haftstrafen, in Leipzig fing ein präpariertes Luftfrachtpaket Feuer.

Aus Kalabrien berichtet der Zivilschutz in diesem Juli von Katzen, denen brennstoffgetränkte Lappen an die Schwänze gebunden wurden, dazu von Kerzen-Zeitzündern und weiteren Zündvorrichtungen in den Brandgebieten. Bestätigt ist dort nichts, die Ermittlungen laufen, aber das Instrument existiert, gerichtsfest anderswo. Ich habe mich mit solchen Methoden befasst, im Innen- wie im Verfassungsschutzausschuss, als Vizepräsident der Deutsch-Afghanischen Gesellschaft – und weiß: Für eine koordinierte Brandkampagne in Europa gibt es bislang keine Belege. Aber die Frage, welcher Anteil unserer „Klimabrände“ gelegt ist, ist keine Ketzerei. Sie ist Pflicht.

Der Fluss

Wenn dann der Rhein sinkt, meldet die Nachrichtenlage: Klimafolge Schifffahrt. Verschwiegen wird der ungebaute Teil der Wahrheit. Zwischen Budenheim und St. Goar ist die Fahrrinne auf 49 Kilometern zwanzig Zentimeter flacher als ober- und unterhalb; am Pegel Kaub kostet das jedes Schiff bei Niedrigwasser rund zweihundert Tonnen Ladung. Der Ausbau ist seit Dezember 2016 per Gesetz als vordringlich festgestellt, mit Nutzen-Kosten-Verhältnis 30,7 das dringendste Wasserstraßenprojekt des Landes. Gebaut: nichts.

Schon 2019 protokollierte der Bundestag die Verzögerung; Engpass laut Bund: das eigene Planungspersonal. 2020 kam das Projekt in ein eigens geschaffenes Beschleunigungsgesetz – das Ende 2023 aufgehoben wurde; die Verfahren wanderten zurück in die reguläre Planfeststellung. Zielhorizont: die 2030er. Gewiss: Die Vertiefung schafft kein Wasser, und das Welterbe Mittelrheintal verdient Abwägung. Aber ein Jahrzehnt zwischen Gesetz und Spatenstich ist kein Wetterphänomen.

Der Rheinpegel ist in Köln und Bonn derzeit auf einem Rekordtief.

Der Rheinpegel ist in Köln und Bonn derzeit auf einem Rekordtief.

© IMAGO/Christoph Hardt

Womit wir bei den Priestern wären. Seit Frazers „Goldenem Zweig“ kennt die Völkerkunde die Figur des Regenmachers: Er verspricht der Insel Regen und Ernte; dafür gebühren ihm Unterhalt, Ehrfurcht, ein gewichtiges Wort im Stamm. Bleibt der Regen aus, liegt es nie am Regenmacher. Es lag am Opfer: zu klein, zu spät, zu lustlos dargebracht. Also wird erhöht: erst ein Korb Früchte, dann die Ziege, dann die Kuh; wohin die Reihe führt, mag sich jeder Leser am Krater selbst ausmalen. Und jeder Kult findet seine Büßer.

Im Pestjahr zogen die Flagellanten für alle sichtbar selbstgeißelnd durch die Städte, um den Himmel mit dem eigenen Schmerz umzustimmen; heute klebt sich der Büßer auf den Asphalt und belästigt so seine Mitbürger. Die Priester nehmen das Opfer wohlwollend an: Nichts beglaubigt ihre Deutung so sehr wie der freiwillige Büßer. Karl Popper hätte an dem System seine Freude gehabt: Es kann nicht irren. Regen beweist die Macht der Priester, Dürre beweist die Knausrigkeit des Stammes. Und wer zweifelt, trägt die Beweislast – und ist ein Ketzer.

Das Umweltinformationsgesetz

Der Rechtsstaat hat eben diese Ordnung umgedreht. Hans Buchheim schrieb 1962 über die totalitäre Versuchung, sie erkenne „die Gesellschaft nicht als den dem Staat vorgeordneten Raum der Freiheit an“ und wolle „sich das Unverfügbare verfügbar“ machen. Das Wetter ist das Unverfügbarste, das wir haben. Wer daraus Abgaben, Verbote, Umbauten ableitet – also in Freiheit und Eigentum eingreift –, schuldet dem Souverän die nachprüfbare Begründung: Rohdaten, Stationshistorien, Modellannahmen, maschinenlesbar.

Das ist geltendes Recht: Das Umweltinformationsgesetz gibt jedermann Anspruch auf diese Daten, ohne ein rechtliches Interesse darlegen zu müssen. Der Bürger muss nichts beweisen und nichts glauben. Er darf verlangen, dass man es ihm zeigt. Im Innenausschuss habe ich Senatoren gern erinnert: Sie müssen nur wollen. Hier genügt weniger: Sie müssen nur zeigen.

In Langebrück ist es inzwischen still geworden. Die Holzkohle ist kalt, das Planschbecken abgedeckt; gegen drei Uhr, niemand sieht es, setzt Regen ein – auf den Garten, die Heide, das Land. Am Morgen wird die Wiese grüner sein, und keine Behörde hat Anteil daran. Sicher ist auf dieser Erde wenig, aber dies: Auf die Nacht folgt der Morgen, auf die Sonne folgt irgendwann der Regen, seit Zehntausenden von Jahren, ohne Priester, ohne Sondervermögen, ohne Dank an irgendwen. Wer Ihnen dennoch Opfer abverlangt, weil er das Wetter zu kontrollieren vorgibt, dem antworten Sie mit dem einen Satz, der Kult von Verfassung unterscheidet: Wer Opfer verlangt, schuldet Beweise.

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