Rügen

Kap Arkona war der nördlichste Punkt der DDR und ist heute noch ein beliebtes Ausflugsziel

Kap Arkona zieht jährlich 800.000 Gäste an – viele aus dem Osten. Natur, Türme, Marinebunker, Jaromarsburg und Vitt machen Rügens Nordspitze attraktiv.

Katja Frick
Katja Frick
9 Min
Wanderer auf der Straße in Richtung Breege am Kap Arkona auf Rügen.

Wanderer auf der Straße in Richtung Breege am Kap Arkona auf Rügen.

© IMAGO/Karina Hessland-Wissel

Wer zum Kap Arkona will, muss zuerst wie alle anderen Besucher der Insel über die Rügenbrücke und sich dann über die B96 vorarbeiten. Doch ab Sagard heißt es, links abbiegen zur Halbinsel Wittow, und es wird einsamer. Dort geht es ganz dicht am Meer vorbei an Glowe und Breege über Altenkirchen nach Putgarten. Hier fällt vor allem der große Parkplatz ins Auge – denn wer zum Kap der Sehnsucht möchte, muss von hier aus laufen oder in das Parkbähnchen steigen.

Kap Arkona ist autofrei

Doch in Putgarten erwartet die OAZ erst einmal der Chef der gemeindeeigenen Tourismusgesellschaft, Andreas Heinemann. Er hat den Job 2019 übernommen. „Ja, vielleicht bin ich präsenter als die ehrenamtliche Bürgermeisterin Iris Möbius“, sagt er. „Aber wir arbeiten sehr gut mit der Gemeinde zusammen.“

Kein Wunder. Sein eigener Vater Ernst Heinemann war von 1993 bis 2013 Bürgermeister von Putgarten und auch Chef der Tourismusgesellschaft, die seine eigene Erfindung war. Die Tourismusgesellschaft ist eine 100-prozentige Tochter der Gemeinde. „Wie sich Kap Arkona seit der Wende entwickelt hat, ist zu einem großen Teil der Weitsicht meines Vaters zu verdanken“, sagt der Sohn. Vielleicht hatte der Vater diese von seinem Dienst als Offizier bei der 6. Schnellboot-Flottille der DDR-Marine im nahegelegenen Dranske mitgebracht.

Ernst Heinemann sorgte jedenfalls dafür, dass das Flächendenkmal Kap Arkona autofrei wurde. Das tat der Natur gut, aber auch der Gemeindekasse. „Der Parkplatz ist unsere Haupteinnahmequelle. Unsere Besucher müssten hier zwar auch Kurtaxe bezahlen – aber wer macht das schon“, stellt Andreas Heinemann fest, der gleichzeitig Co-Vorsitzender des Tourismusverbandes Rügen ist. Denn die wenigsten Urlauber dürften wissen, dass die Kurtaxe, die sie an ihrem Übernachtungsort zahlen, nicht automatisch auch für alle anderen Orte auf Rügen gilt, die sie besuchen. „Daran arbeiten wir hier auf Rügen, an der gegenseitigen Anerkennung der Kurkarten.“ Dafür solle es irgendwann eine gemeinsame Kurkarte geben.

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Kap Arkona war die nördlichste Spitze der DDR

Kap Arkona könne da natürlich nicht mit Orten wie Binz mithalten, dessen 20.000 Gästebetten jährlich zehn Millionen Euro Kurtaxe einspielen. „Wir mussten im Laufe der Jahre anerkennen: Wir sind ein Tagesziel. Vielen ist aber nicht bewusst, wie wichtig Kap Arkona für die Ostdeutschen ist. Es war schließlich die nördlichste Spitze der DDR“, sagt Andreas Heinemann. „Die meisten unserer Gäste kommen aus Sachsen, Thüringen und Berlin.“ Immerhin 800.000 Menschen besuchen das Kap der ostdeutschen Sehnsucht.

Kap Arkona: Blick vom Leuchtturm auf den Gellort, den nördlichsten Punkt der DDR

Kap Arkona: Blick vom Leuchtturm auf den Gellort, den nördlichsten Punkt der DDR

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Viele Besucher kennen das Kap bereits aus ihrer Kindheit. Sie standen hier mit Eltern oder Großeltern vor den Leuchttürmen, gingen nach Vitt hinunter, ließen sich an der Steilküste oder am Sandstrand fotografieren. Heute kehren manche mit den eigenen Kindern zurück. Kap Arkona lebt deshalb nicht allein von der eindrucksvollen Landschaft und seinen Sehenswürdigkeiten, sondern auch von persönlichen Erinnerungen.

Zu DDR-Zeiten war Rügen eines der wichtigsten Ferienziele des Landes. Die Ostsee bot Strandurlaub, Erholung und einen Blick in die für die meisten unerreichbare Ferne. Kap Arkona besaß dabei eine besondere Symbolkraft. Die Türme hoch über dem Meer waren weithin sichtbar und auf unzähligen Postkarten und privaten Urlaubsbildern zu sehen.

Leuchtturm seit Juni 2026 wieder offen

Auch heute sind die weithin sichtbaren Türme die Wahrzeichen des Kaps. Besonders erfreulich für Besucher: Der große Leuchtturm ist seit dem 23. Juni 2026 wieder geöffnet. Rund neun Monate war das mehr als 120 Jahre alte Seezeichen wegen einer umfassenden Sanierung geschlossen. Das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) investierte etwa 700.000 Euro. Dafür wurden 5500 schadhafte Steine ausgetauscht, historische Fenster aufgearbeitet sowie Dachwerk und Geländer erneuert. Das Leuchtfeuer blieb während der Bauzeit in Betrieb.

Der 1902 vollendete und seit 1905 als Seezeichen betriebene Rundturm ist etwa 35 Meter hoch. Wer die mehr als 160 Stufen bewältigt, blickt über die Halbinsel Wittow, die Ostsee und bis nach Hiddensee. Bei besonders klarer Sicht lässt sich sogar die Küste der dänischen Insel Møn erkennen. Rund 50.000 Menschen besteigen den Turm nach Angaben der Tourismusgesellschaft jährlich. Die reguläre Kernöffnungszeit ist derzeit täglich 10–16 Uhr, kann aber abhängig von Saison und Wetter verlängert werden. Vor dem Besuch empfiehlt sich deshalb ein Blick auf die aktuellen Hinweise.

Kap Arkona: Leuchtturm und Schinkelturm

Kap Arkona: Leuchtturm und Schinkelturm

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Direkt daneben steht der kleinere, quadratische Schinkelturm. Der klassizistische Backsteinbau wurde nach Entwürfen Karl Friedrich Schinkels errichtet und 1828 in Betrieb genommen. Damit gilt er als zweitältester Leuchtturm an der deutschen Ostseeküste. Heute dient er nicht mehr der Schifffahrt. Dafür befinden sich in dem rund 20 Meter hohen Gebäude eine Ausstellung, eine Aussichtsplattform und ein Standesamt – eine außergewöhnliche Adresse für Hochzeiten.

In diesem Jahr feiert der Schinkelturm seinen 200. Geburtstag – die Grundsteinlegung war 1826 – mit einer besonderen Ausstellung. „Das WSA will den Schinkelturm verkaufen“, weiß Andreas Heinemann. Die Gemeinde wäre interessiert, es gibt Gespräche.

Die Jaromarsburg – wichtigstes Heiligtum der Ranen

Zum Turmensemble gehört der ehemalige Marinepeilturm aus den 1920er-Jahren – er gehört der Gemeinde. Unter seiner gläsernen Kuppel reicht der Blick ebenfalls weit über Wittow und das Meer. Aber nicht zuletzt ermöglicht er einen Blick auf das, was von der Jaromarsburg übrig ist, denn die Überreste der Burg dürfen nicht mehr betreten werden.

Nachdem das Hauptheiligtum der Nordwestslawen, der Tempel von Rethra, 1068 vom Heer des Bischofs von Halberstadt zerstört worden war, wurde das Heiligtum der Ranen für den viergesichtigen Swantevit auf Kap Arkona ihr wichtigstes Heiligtum. Es befand sich innerhalb der Jaromarsburg.

Kap Arkona: Blick vom Leuchtturm auf die frühere Bunkeranlage der DDR-Marineführung

Kap Arkona: Blick vom Leuchtturm auf die frühere Bunkeranlage der DDR-Marineführung

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Der Burgwall ist in der Nähe des Peilturms noch zu erkennen. Große Teile der Anlage sind allerdings im Laufe der Jahrhunderte durch die natürliche Küstenerosion in die Ostsee gestürzt. Archäologische Funde wie Perlen, Pfeilspitzen und eine Lanzenspitze geben Hinweise auf das Leben an diesem Ort. Wegen seiner historischen Bedeutung ist das gesamte Kap als Flächendenkmal geschützt.

Doch warum nennt sich Kap Arkona das „Kap der vier Türme“? „Seit 2025 gibt es noch den kleinen Leuchtturm. Den hat unser Ingenieur zusammen mit einigen Leuten selbst gebaut. Sie glauben gar nicht, wie wichtig den Leuten dieser Leuchtturm ist und wie oft der fotografiert wird“, erzählt Andreas Heinemann.

Von slawischer Kultstätte zum Militärstandort der DDR

Was so gut wie alle früheren DDR-Urlauber nicht ahnten: Genau unterhalb des Leuchtturms befand sich ein unterirdischer Marineführungsbunker der NVA mit rund 2000 Quadratmetern Grundfläche. Die Anlage vom Typ FB-75 war eine der geheimen militärischen Einrichtungen der DDR. Zu der Anlage gehörten drei große und zehn kleine Bunker.

Die Anlage diente als geschützter Gefechtsstand der auf dem Bug bei Dranske stationierten 6. Flottille der Volksmarine. Darüber hinaus war die Anlage für die Führung von Kräften der Vereinigten Ostseeflotte vorgesehen. Zu diesem Bündnis gehörten die Seestreitkräfte der DDR, Polens und der Sowjetunion, die im Kriegsfall gemeinsam im Ostseeraum operiert hätten.

Einer der drei großen früheren Marineführungsbunker der DDR mit einer Seezeichen-Ausstellung

Einer der drei großen früheren Marineführungsbunker der DDR mit einer Seezeichen-Ausstellung

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Von Kap Arkona aus sollten in einem militärischen Ernstfall Marineeinsätze geplant, koordiniert und geführt werden. Die Besatzung hätte dort Informationen über die Lage auf See ausgewertet, Meldungen entgegengenommen und Befehle an unterstellte Einheiten weitergegeben. Seine Lage an der Nordspitze Rügens war dafür strategisch günstig: Von hier aus ließ sich der zentrale Ostseeraum überblicken, während sich der wichtige Stützpunkt der 6. Flottille in relativer Nähe befand.

Massive Wände, Luftschleusen und technische Versorgungssysteme sollten sicherstellen, dass die dort eingesetzten Soldaten ihre Aufgaben auch unter Kriegsbedingungen erfüllen konnten. Der Bunker sollte seine Besatzung unter anderem vor radioaktiver Strahlung und chemischen Kampfstoffen schützen. Die Räume waren so angelegt, dass der Führungsstab zeitweise von der Außenwelt abgeschottet arbeiten konnte.

Tourismusgesellschaft übernahm DDR-Marinebunker

Der Bau zog sich bis in die 1980er-Jahre hin. Allerdings wurde die Anlage nach Angaben der Tourismusgesellschaft 1985 enttarnt. Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor der Gefechtsstand seine militärische Funktion, am 3. Oktober 1990 wurde er stillgelegt.

Heute können Besucher durch Teile der unterirdischen Anlage gehen. Ausgestellt sind unter anderem historische Navigationsgeräte, Seezeichen und Modellschiffe. Die originalen Röhren, Schleusen und Gänge vermitteln dabei einen Eindruck davon, unter welchen Bedingungen die Soldaten im Ernstfall hätten arbeiten müssen.

Kap Arkona: Tourismuschef Andreas Heinemann

Kap Arkona: Tourismuschef Andreas Heinemann

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

„Die Mitglieder des Fördervereins haben dort sehr engagiert die Ausstellung aufgebaut und Führungen angeboten. Aber sie wurden immer älter, und so hat die Tourismusgesellschaft 2024 die Anlage vom Verein übernommen“, erklärt Andreas Heinemann. Der Besuch wurde automatisiert, die Bunkeranlage ist über ein Drehkreuz passierbar, im Inneren können über QR-Codes Audiobeiträge mit Wissenswertem angehört werden.

Im Fischerdorf Vitt gibt’s Fischbrötchen mit Aussicht

Zu einem Besuch am Kap Arkona gehört unbedingt ein Abstecher nach Vitt. Das denkmalgeschützte Fischerdorf liegt knapp anderthalb Kilometer südöstlich des Kaps in einer geschützten Uferschlucht. Seine 13 reetgedeckten Häuser gruppieren sich oberhalb des kleinen Hafens. Vom Strand kann man auf die Abbruchkante der Jaromarsburg sehen.

Blick vom Fischerdorf Vitt auf die Abbruchkante der Jaromarsburg am Kap Arkona

Blick vom Fischerdorf Vitt auf die Abbruchkante der Jaromarsburg am Kap Arkona

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

„Die Leute mögen die Ursprünglichkeit dort“, sagt der Tourismuschef. Tatsächlich könnte die Reporterin behaupten, dass sie nirgendwo sonst ihr Fischbrötchen mit einer besseren Aussicht aufs Meer genießen konnte und dass das Restaurant Goldener Anker mit seinem Hauskater zu den urigsten Kneipen gehört, in denen sie jemals war. Auch in Vitt müssen übrigens Autos draußen bleiben.

Auf kleinster Fläche können Besucher am Kap Arkona neben der mal milden und mal wilden Ostsee also die Geschichte der Nordwestslawen, der Fischer, der Seefahrt, der DDR und des Kalten Krieges erfahren. Ohnehin ist das Kap Arkona noch immer der nördlichste Punkt Ostdeutschlands. Es bleibt zu hoffen, dass es mehr und mehr zu einem gesamtdeutschen Reiseziel wird.

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