Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Wenn wir über das Datum des 28. August 1941 sprechen, fokussiert sich unsere Aufmerksamkeit auf das tragische Schicksal der Wolgadeutschen. Selten erinnern wir uns daran, dass die Wolgadeutschen – insgesamt ca. 450.000 – nur ein Drittel aller Deutschen im Riesenreich Russland ausgemacht hatten. Die übrigen zwei Drittel bleiben in der Regel unerwähnt, obwohl ihr Schicksal nicht weniger tragisch war. Eine mögliche Erklärung dafür, dass ihrer seltener gedacht wird, könnte darin liegen, dass sie nicht so kompakt lebten wie die Wolgadeutschen, die immerhin eine gewisse Form der staatlichen Organisation hatten – die autonome Republik, mit klar definierten administrativen Grenzen, mit flächendeckender Selbstverwaltung, eigener Gerichtsbarkeit, eigenen Schulen und eigener Presse.
Der Deportationserlass des Obersten Sowjets der UdSSR an jenem 28. August vor 85 Jahren richtete sich in seiner Begründung gegen die Wolgadeutschen – man unterstellte ihnen eine Kollaboration mit dem Feind –, aber gemeint waren alle Deutschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Sowjetunion aufhielten.
Ich möchte den Blick weiten auf alle Menschen, die Opfer dieser verbrecherischen Entscheidung wurden, sogar auf die Russen, denn unter dem Strich gehörten auch sie zu den Verlierern. Was ich einbringe, ist gewissermaßen mein Schwanengesang zu diesem Thema. Ich werde versuchen, ein Fazit zu ziehen, nur das zu sagen, was mir besonders wichtig erscheint. Natürlich könnte ich auch noch viele tragische Details erwähnen, z.B. was wir auf dem Weg nach Kasachstan erlebten, über den Angriff der Stukas auf unseren Transport kurz vor Stalingrad, als unsere Bewacher nur die ersten drei von den insgesamt zwölf Waggons aufgeschlossen hatten, um sich danach um die eigene Sicherheit zu kümmern. Nur so viel: Als die ersten Bomben fielen, packte mich meine Mutter und rannte mit mir auf dem Arm weg von den Gleisen ins offene Feld. Wir waren fünf Familien aus unserem Ort; die vier anderen hatten den Angriff nicht überlebt.
Eine Berlinerin in Sachsen-Anhalt: Ich wollte nur mein Fahrrad holen
Die Toten von Usedom: Sollte uns das nicht alles zu denken geben?
Intensive Heiratspolitik
Wichtiger als solche Dinge ist für mich allerdings etwas anderes: Es gab und gibt in der Welt keine zwei Völker, deren Geschichte so ineinander verwoben ist wie die Geschichte der Deutschen und der Russen. Bereits im 16./17. Jahrhundert hatten viele Deutsche versucht, der erstickenden Enge ihrer etwa 400 Kleinststaaten zu entrinnen. Man floh nach Amerika, aber noch öfter, weil dieses Ziel näher lag und leichter zu erreichen war, nach Russland. Dieses Streben nannte man später „Drang nach Osten“.
Deutsche Kaufleute drangen seit dem 16. Jahrhundert immer tiefer in das russische Landesinnere vor. Nowgorod wurde Mitglied der deutschen Hanse und in Moskau entstand die deutsche Siedlung – die немецкая слобода. In Moskau pflegt man bis heute liebevoll die Erinnerung an jene Zeit. Rund um die Metrostation Baumanskaja kann man auch heute an zahlreichen Häuserwänden die nachgezeichnete Silhouette der deutschen Siedlung bewundern.
Die Anwerbung und Ansiedlung der Deutschen in Russland wurden nicht erst von Katharina, der zerbst-anhaltinischen Prinzessin auf dem russischen Thron, begonnen, sondern lange davor von Peter dem Ersten. Peter, der in der Europäisierung Russlands die Hauptaufgabe seines Lebens sah, war ungeduldig. Das Problem des Fachkräftemangels sollte durch die Anwerbung der gebildeten Ausländer, vorzugsweise der Deutschen, gelöst werden.
Das erste Berufungsmanifest des Zaren, das in allen deutschen Landen verbreitet wurde, erschien am 16. April 1702. Was Peter vor allem brauchte, waren Militärs; später begann die Suche nach deutschen Gelehrten. Gegen Ende der Zeit Peters lebten in Sankt-Petersburg 70.000 Menschen, von denen 90 Prozent Deutsche waren. Die Verkehrssprache unter den führenden Militärs und in der von Peter gegründeten Kaiserlichen Akademie war Deutsch.
Peters Politik sollte über seinen Tod hinauswirken. Um das zu gewährleisten, betrieb er intensiv eine Heiratspolitik, die die dynastischen Verbindungen Russlands mit deutschen Fürstenhäusern auf lange Sicht festigen sollte. Diese Methoden griffen Peters Nachfolger auf dem Thron auf, besonders Katharina die Große. Das Russische Kaiserreich wuchs und entwickelte sich unter maßgeblicher Anleitung der Deutschen. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass die grundlegenden Strukturen der russischen Staatlichkeit von den Deutschen entwickelt wurden, deren Spuren in der russischen Verwaltung bis heute sichtbar sind.
Beseelt vom Drang nach Süden
Den größten Beitrag leisteten dazu die Baltendeutschen, die an der Schwelle des 20. Jahrhunderts in allen Ecken des Riesenreiches anzutreffen waren. Sie haben die Erwartungen Peters nicht enttäuscht und wurden deshalb an den Schaltstellen der staatlichen Maschinerie eingesetzt. Mit ihrer Hilfe wurde Russland in einem Tempo modernisiert, das die europäischen Konkurrenten mit Sorge beobachteten, insbesondere die Briten.
So wie die Deutschen vom Drang nach Osten beseelt waren, waren die Russen beseelt vom Drang nach Süden. Das Gefühl, in der Tiefe der eurasischen Landmasse eingesperrt zu sein, ohne eisfreie Häfen, das raue, hart kontinentale Klima ließen sie von warmen Meeren träumen, von der Krim, vom Schwarzen Meer. Doch um diesen Traum zu verwirklichen, mussten die Russen die Osmanen besiegen, die zu dieser Zeit die Nordküste des Schwarzen Meeres samt der Krim und dem Asowschen Meer kontrollierten. In 13 blutigen Kriegen vom 16. bis in das 20. Jahrhundert hinein versuchten die Russen, ihren Traum zu verwirklichen. Zu keiner anderen Zeit, unter keinem anderen Kaiser ist das russische Reich so gewachsen wie gerade in der Regierungszeit Katharinas der Großen. Das Asowsche Meer, der Nordkaukasus, Kubanj, die Krim, die Nordküste des Schwarzen Meeres bis nach Bessarabien gehörten bald zu Russland.
Wenn unsere Politiker heute vom „imperialen Ausgreifen Russlands“ schwadronieren, vergessen sie zu erwähnen, welchen Anteil gerade die Deutschen an diesem „Ausgreifen“ hatten. Denn es war schließlich nicht nur die deutsche Frau auf dem russischen Thron, die diesen unter Bruch der Erbfolge gewaltsam usurpierte, mit von der Partie waren auch zahlreiche deutsche Offiziere, die die russischen Truppen führten.
Es wäre allerdings ungerecht, wenn unerwähnt bliebe, dass es Katharina um mehr ging als nur um den bloßen Besitz der genannten Territorien. Bei deren Erschließung, die sie sofort in Angriff nahm, sah sie die Gründung einer Reihe von Städten, die Errichtung von Häfen, den Bau von Straßen vor. Es entstanden Städte, deren Namen wir heute jeden Tag hören: Cherson, Mariupol, Nikolajew, Sewastopol (1784), Odessa (1794). Das im Zentrum von Odessa errichtete Denkmal der Begründerin der Stadt wurde von den ukrainischen Behörden kürzlich verhüllt und danach trotz heftigster Proteste der Bewohner demontiert. Bereits zu Katharinas Lebzeiten wurde „Neurussland“, wie diese Region lange Zeit hieß, zum Rückgrat der russischen Wirtschaft. Um dieses Erbe Katharinas führen heute Russland und die Ukraine einen blutigen Krieg.
Katharina die Große, russische Zarin, geboren als Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst
© imageBROKER/Michael Nitzschke/Imago
Drei Deutsche im Dienst des Zaren
Der historische Höhepunkt der deutsch-russischen Beziehungen war sicherlich das Jahr 1812. Als die Franzosen sich auf dem Rückzug aus Russland befanden, mussten die Preußen eine wichtige Entscheidung treffen – weiterhin die Flucht der Franzosen zu decken oder sich mit dem siegreichen Russland zu verbünden. Die Zeit drängte.
Im Hauptquartier des preußischen Generals Johann David Ludwig Yorck erwartete man jeden Augenblick die Ankunft der russischen Unterhändler. Bald standen sie auch schon auf der Schwelle, drei russische Offiziere, und man achte nun bitte auf ihre Namen: Carl von Clausewitz, Fürst Sayn-Wittgenstein und Hans von Diebitsch. Diese drei Männer, die im Dienst des russischen Zaren standen, waren keine Einzelgänger, sie vertraten den bereits erwähnten deutsch-baltischen Adel, der in Petersburg, dem von italienischen Architekten erbauten „Venedig des Nordens“, für sich bessere Karrierechancen sah als im zersplitterten Deutschland.
Die Formalisierung der preußisch-russischen Bündnisbeziehungen gab dem Drang nach Osten einen neuen Auftrieb. Zahlreiche Deutschbalten, Militärs, Staatsbeamte, Wissenschaftler, Ingenieure traten in den russischen Dienst ein. Diese hochmotivierten Menschen waren keine Statisten, sie entwickelten und prägten die staatlichen Strukturen Russlands, seine Verwaltung, seine Gerichtsbarkeit, sein Bildungswesen.
1863 stellten die Deutschen 15 Prozent aller Minister, 25 Prozent der Mitglieder des höchsten Staatsorgans, des Staatsrates, 50 Prozent aller Generäle und 63 Prozent aller Gouverneure. Diese Menschen bildeten an der Schwelle des 20. Jahrhunderts die zweite große Gruppe der Deutschen in Russland.
Privilegien für die Spezialisten
Zeitgleich damit wuchs rasch die dritte Gruppe, die sogenannten Schwarzmeerdeutschen. Die neuerworbenen Gebiete im Süden Russlands waren, nachdem die Türken diese verlassen hatten, weitgehend menschenleer. Erneut, nunmehr zum dritten Mal, intensivierte der russische Staat seine Besiedlungspolitik des russischen Südens. Besonders große Privilegien gewährte man den Spezialisten im Schiffsbau, den Stahlkochern und Spezialisten im Weinanbau.
Im Schicksalsjahr 1812 lebten bereits 100.000 Deutsche in Neurussland und auf der Krim. An zweiter Stelle folgten die Serben, Kroaten, Vertreter anderer orthodoxer Völker auf dem Balkan. Die Unterdrückung der „Bratuschki“, der orthodoxen Brudervölker auf dem Balkan durch die Osmanen, setzte Russland zunehmend unter Druck, denn die russische Gesellschaft, allen voran die sogenannten Panslawisten, forderte von der Regierung ein Eingreifen Russlands zum Schutz der orthodoxen Brüder auf dem Balkan. Nun war zwar die Befreiung dieser Völker schon lange das Ziel der Russen, jedoch war Russland nach der Niederlage im Krimkrieg geschwächt. Zu den demütigenden Bedingungen des Pariser Friedensvertrages von 1856 gehörte die Entmilitarisierung des Schwarzen Meeres – Russland durfte dort keine Kriegsschiffe mehr halten.
Es ist schon erstaunlich, dass sich bestimmte, für nicht mehr wiederkehrend gehaltene Schlüsselereignisse der Weltgeschichte nach einer gewissen Zeit doch wiederholen – schon wieder, wie während des Krimkrieges, erklären die Briten, es sei ihr Ziel, die Russen aus dem Schwarzen Meer zu vertreiben.
Eine schmerzhafte Lektion
Doch die Situation in Europa begann sich damals zu ändern; Preußen wurde immer stärker und Bismarcks Vision der Gründung des deutschen Kaiserreichs machte Frankreich Angst. Paris ließ deshalb nichts unversucht, Russland auf seine Seite zu ziehen – vergebens. Mit dem treuen Russland im Rücken nahm Bismarck die Verwirklichung seiner Vision in Angriff. Der Sieg des Norddeutschen Bundes unter der Führung Preußens über Frankreich machte den Pariser Friedensvertrag in den Augen Russlands obsolet. In Sankt Petersburg glaubte man, mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs einen mächtigen Verbündeten zu bekommen, der, so wie Preußen, stets an der Seite Russlands stehen würde.
Hier zeigte sich die bis in die Gegenwart nicht überwundene Neigung der Russen, sich auch in der Außenpolitik vertrauensselig auf so etwas wie Freunde und Freundschaft verlassen zu können. Die schmerzhafte Lektion, dass dies ein Irrtum war, wurde Russland ausgerechnet von Deutschland erteilt, und zwar auf dem Höhepunkt des bis dahin größten militärischen Triumphes der Russen in ihrem Kampf gegen die Türkei.
Was war passiert? Anfang Januar 1878, nach zwei Jahren blutiger Kämpfe, war der elfte russisch-türkische Krieg zu Ende. Es schien, dass der jahrhundertealte Traum der Russen, die „bratuschki“, die Brudervölker des Balkans, vom türkischen Joch zu befreien, Konstantinopel „heimzuholen“ und die Türken aus Europa zu vertreiben, verwirklicht sei. Die russische Armee stand in den Vororten Konstantinopels. Die Porta war geschlagen. Die Russen waren damals noch sehr gläubig, sie sahen in diesem Sieg den Triumph des Christentums über den Islam. Nach der Abwehr der mongolischen Reiterheere, die sich im 13. Jahrhundert anschickten, Europa zu verwüsten, glaubten die Russen, dass der Sieg bei San Stefano ihnen einen unvergänglichen Ruhm und ewigen Dank des christlichen Europas bringen würde. Es kam anders.
England und Frankreich, denen die russische Kontrolle über Bosporus und Dardanellen nicht ins Konzept passte, forderten die Revision des bereits unterzeichneten Friedensvertrags. Sollten die Russen nicht nachgeben, drohten die Briten und Franzosen mit einem neuen Krieg. Die Mittelmeerflotten Frankreichs und Englands nahmen Kurs auf das Schwarze Meer. Angesichts eines drohenden großen europäischen Krieges bot Berlin seine Vermittlung an. Die Russen waren sicher, dass der Berliner Kongress unter Leitung Bismarcks, der etliche Jahre als Gesandter in Sankt Petersburg verbracht hatte, ihren Sieg über die Osmanen nicht gefährden würde. Der Berliner Kongress endete mit der fast vollständigen Revision der wichtigsten Bestimmungen des Vertrages von San Stefano.
Maßgeblichen Anteil daran hatte der deutsche Kanzler. Unter seiner Regie wurden die Ergebnisse von elf Kriegen zunichte gemacht und Tausende und Abertausende von russischen Soldaten waren umsonst gestorben. Der Tag der Unterzeichnung des Friedensvertrages von San Stefano bleibt in Bulgarien bis heute ein nationaler Feiertag.
Wem gehört die Heimat? – Teil 2: Das ZDF, die AfD und der Kulturkampf in Sachsen-Anhalt
Die Reisebeschränkungen nach Russland – wie ein Déjà-vu aus DDR-Zeiten
Eine teuflische Idee
Dieses Ereignis, das heute in der Erinnerung der Deutschen bedeutungslos ist, ist im historischen Bewusstsein der Russen und der Balkanvölker weiterhin sehr präsent. Der Staat, der seine Entstehung nicht zuletzt der Unterstützung Russlands zu verdanken hatte, hatte es aus der Sicht der Russen verraten. Dieses Gefühl ist im historischen Bewusstsein der Russen auch deshalb stark, weil es nicht bei diesem einen Vertrauensverlust blieb. Weitere kamen hinzu – etwa die teuflische Idee, Russland mithilfe der Bolschewiki zu destabilisieren, die erfolgreich umgesetzt wurde.
Was das deutsche Auswärtige Amt und die militärische Führung damals wohl nicht ahnten: Der von Deutschland eingefädelte und großzügig finanzierte Erfolg Lenins und seiner Partei führte nicht nur zur „Destabilisierung“ Russlands, sondern zur Zerstörung wichtiger Ergebnisse der Europäisierung des Landes, zur Zerstörung des in Jahrhunderten gewachsenen Vertrauens zwischen Deutschen und Russen und zur Vernichtung der deutschen Existenz in Russland, die jetzt, wenn es nach Kiesewetter ginge, ebenfalls vernichtet werden sollte. Der gewaltige Beitrag von Millionen Deutschen zur Europäisierung und Modernisierung Russlands ist weitgehend entwertet, und was die Russen heute aus Deutschland täglich hören, bestärkt sie in dieser Sicht.
Sergej Henke, geb. 1940 am Don (Russland), 1991 bis 1999 Lehrtätigkeit an der Uni Potsdam, 1999 bis 2003 Direktor des deutsch-russischen Hauses in Königsberg (heute Kaliningrad), danach Rentner, Bezirksverordneter in Marzahn-Hellersdorf.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]