Der Käfig stand seit halb sieben am Abend. Als Köder lag darin, was die Tigerin ohnehin schon kannte: eine der Ziegen, die sie zwei Tage zuvor gerissen hatte.
Die Männer der Naturschutzbehörde BKSDA waren gerade erst zurück in ihrer Unterkunft, als das Telefon ging. Der Wachmann der Grundschule SDN 10 Angge Palimbatan hatte ein metallisches Klappen gehört.
19.35 Uhr Ortszeit. Die Käfigtür war unten. Insgesamt vergangen: 65 Minuten.
Sumatra-Tiger in Agam: erst der Hund, dann zwei Ziegen
Der Fall spielt in Pasia Laweh im Bezirk Agam auf West-Sumatra, nördlich der Stadt Bukittinggi.
Am 31. Juli meldeten Bewohner einen gerissenen Hund und eine Ziege. Am 10. August um 16.30 Uhr kam der Anruf, der alles beschleunigte: zwei Ziegen weg.
Die Wildlife Rescue Unit fand eine tote Ziege im Stall, Bissspuren am Hals. Von der zweiten lagen im Gebüsch nur noch die beiden Vorderläufe, berichtet die Zeitung Tribunnews unter Berufung auf das indonesische Forstministerium.
Fangkäfig 50 Meter hinter der Grundschule
Entscheidend war nicht der Schaden, sondern die Adresse.
Der Fundort lag rund 50 Meter hinter der Grundschule, 100 Meter von der weiterführenden Schule SMPN 1 Palupuh und 150 Meter von der Syukra-Moschee entfernt.
Da hört bei der Behörde die Geduld auf. Am Dienstagabend gegen 18 Uhr stellte das Team einen Kastenfang auf, zwei Meter lang, 90 Zentimeter breit.
Man rechnete mit Tagen. Es wurde gut eine Stunde.
Tierärzte untersuchen die gefangene Sumatra-Tigerin am 12. August 2026 in Agam auf West-Sumatra.
© IMAGO/Andri Mardiansyah
Tigerin Sari Palita: Den Namen geben die Dorfbewohner
Am nächsten Morgen hatte das Tier einen Namen: Sari Palita.
„Sari“ ist ein Frauenname, weil es sich um ein Weibchen handelt. „Palita“ steht für Palimbatan, den Weiler, in dem der Käfig stand.
Dahinter steckt eine feste Regel. Jeder gefangene Tiger werde vom Dorfoberhaupt und den örtlichen Ältesten benannt, erklärte Behördenvertreter Ade Putra der Agentur Antara. „Das gibt dem Tier eine Identität.“
Sari Palita ist nach Angaben der Behörde zweieinhalb bis drei Jahre alt, gesund, unverletzt.
Am Mittwochmittag betäubte eine Tierärztin sie. Dann trugen Behördenmitarbeiter, Polizei, Militär, die örtliche Bürgerpatrouille Pagari und Dorfbewohner den Käfig rund 100 Meter bis zum Wagen.
Erste Station: die Behördenstation in Bukittinggi. Von dort soll sie in den Tierpark Kandi in Sawahlunto, während Experten einen Ort für die Auswilderung suchen.
Zweite Tigerin in drei Monaten – im selben Bezirk
Und hier wird die Geschichte größer als eine hübsche Tiergeschichte.
Sari Palita ist nicht die erste. Am 22. Mai fing dieselbe Behörde im selben Verwaltungsbezirk Palupuh schon einmal eine junge Tigerin – nach acht Monaten vergeblicher Vergrämungsversuche, die im Oktober 2025 begonnen hatten. Sie war noch keine zwei Jahre alt. Die Bewohner nannten sie Puti Batuah.
Zwei Tigerinnen, zwei Namen, ein Bezirk, drei Monate.
Der Grund ist nicht, dass die Tiere aussterben. Zumindest nicht hier.
Kamerafallen zeigten in Palupuh eine ungewöhnlich hohe Tigerdichte, sagte BKSDA-Chef Hartono dem Portal Katasumbar. Die Population dort sei „außerordentlich“ deshalb müsse man erst analysieren, bevor irgendetwas entschieden werde.
Warum Sumatra-Tiger in den Dörfern landen
Für ganz Sumatra schätzt die Weltnaturschutzunion IUCN den Bestand auf gut 400 Tiere. Bali- und Java-Tiger sind längst ausgestorben.
Das Problem ist weniger die Zahl als der Platz. Zwischen 2000 und 2016 verlor die Insel nach IUCN-Angaben rund 27 Prozent ihres Tropenwaldes, vor allem an die Landwirtschaft. Bis zu 70 Prozent des verbliebenen guten Tigerlebensraums liegen außerhalb der Schutzgebiete.
Was bleibt, sind Waldinseln mit 20 bis 30 Tieren, getrennt durch Plantagen und Siedlungen. Wer als halbwüchsiger Tiger sein eigenes Revier sucht, hat kaum eine Richtung, in der kein Dorf liegt.
Wie ernst das werden kann, zeigte der Juli in der Nachbarprovinz Riau. Am 7. Juli starb ein zwölfjähriger Junge im Camp eines Forstunternehmens, drei Tage später ein 29-jähriger Arbeiter, der abends Handyempfang gesucht hatte. Die Behörden vermuten denselben Tiger, sicher ist das nicht.
Gemessen daran endete Agam gut: kein verletzter Mensch, ein lebendes Tier.
Sumatra-Tiger in Berlin: Die Tigerin heißt Lilly
Auch Berlin hat dieses Jahr eine Sumatra-Tigerin benannt, mit etwas mehr Zeremonie.
Am 2. Januar kam im Tierpark ein Weibchen zur Welt. Über 1000 Vorschläge landeten in der Ideenbox am Gehege, dann entschied eine „Tigerjury“ sich für Lilly – nach Tigerlily aus „Peter Pan“. Bei der Verkündung im Regenwaldhaus standen die Lichtenberger Bezirksstadträtin und Vertreter der indonesischen Botschaft.
Seit 1955 sind in Berlin mehr als 150 Sumatra-Tiger geboren worden. Im Zoo lebt seit Februar zusätzlich Kater Banyu aus Schweden, eine Empfehlung des europäischen Zuchtprogramms.
Drei Namen also in diesem Jahr: Lilly, Puti Batuah, Sari Palita.
Der erste stammt von einer Jury im Regenwaldhaus. Die anderen beiden von Menschen, die vorher ihre Ziegen gezählt haben.
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