Die Ukraine hat Russland über einen Vermittler eine gegenseitige Aussetzung von Angriffen auf zivile Ziele im Schwarzen Meer vorgeschlagen. Moskau erklärt, bislang keinen formellen Vorschlag erhalten zu haben.
Kiew hat Moskau einen Vorschlag zur gegenseitigen Einstellung von Angriffen auf zivile Ziele im Schwarzen Meer übermittelt. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag unter Berufung auf eine mit dem Vorgang vertraute Person. Das Angebot sei über einen Dritten weitergeleitet worden, eine Antwort aus Moskau stehe noch aus.
Reeder meiden Odessa
Hintergrund ist eine Zunahme von Angriffen auf Schiffe und Häfen in der Region. Sowohl Russland als auch die Ukraine werfen einander verstärkte Attacken auf Exportschiffe vor. Nach russischen Angriffen auf mehrere Frachter im südukrainischen Gebiet Odessa hatten laut Reuters Ende Juli zahlreiche Reeder ihre Anläufe der dortigen Häfen ausgesetzt. Kiew musste auf Ausweichrouten umsteigen.
Russland wiederum stoppte nach einem ukrainischen Angriff am Mittwoch und Donnerstag den Betrieb aller drei Terminals im Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Betroffen ist auch der russische Getreideexport insgesamt: Der Schiffsverkehr im Asowschen Meer, über das nach Angaben des US-Senders CNN normalerweise rund ein Viertel der russischen Weizenausfuhren abgewickelt wird, blieb nach ukrainischen Drohnenangriffen zuletzt stark eingeschränkt. Russland musste den Verkehr durch den Don-Asow-Kanal und die Straße von Kertsch zeitweise einstellen.
Türkei drängt auf Moratorium
Der stellvertretende russische Außenminister Alexander Gruschko sagte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, in jüngster Zeit seien über verschiedene Kanäle Ideen zu einem Moratorium oder einer Feuerpause im Schwarzen Meer geäußert worden. Formalisierte Vorschläge lägen jedoch nicht vor. Der Kreml und das russische Außenministerium äußerten sich laut Reuters zunächst nicht zu dem Bericht über das ukrainische Angebot.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan bei einem Fernsehauftritt in Ankara
© Mustafa Hatipoglu/imago
Der türkische Außenminister Hakan Fidan hatte bereits am 8. August in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Anadolu erklärt, Ankara habe seine Sorge über die Angriffe sowohl an Russland als auch an die Ukraine herangetragen. Beide Seiten sollten nach türkischer Auffassung ein Moratorium für Angriffe im Schwarzen Meer erklären.
Getreideexporte im freien Fall
Die Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen wirkt sich laut Reuters deutlich auf die Ausfuhren aus. Die ukrainischen Getreideexporte seien im bisherigen August im Vergleich zum Vorjahresmonat um 76 Prozent zurückgegangen. Der Agrarsektor warnt demnach vor erheblichen Folgen für die Wirtschaft, sollte die Lage anhalten. Alternativrouten über Schiene und Donau seien nach Angaben aus Kiew stark begrenzt.
Nach Angaben der EU-Kommission wurden im April rund 90 Prozent der ukrainischen Ausfuhren von Getreide, Ölsaaten und verwandten Produkten über die Schwarzmeerhäfen abgewickelt. Besonders betroffen von den Lieferausfällen sind Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten, die auf ukrainische und russische Lieferungen angewiesen sind und bei anhaltenden Störungen auf andere Exportländer wie Frankreich, Kanada oder die USA ausweichen müssten.
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Nach dem russischen Einmarsch 2022 hatten die Vereinten Nationen und die Türkei ein Abkommen vermittelt, das ukrainische Getreideausfuhren ermöglichte. Russland verlängerte die Vereinbarung 2023 nicht. Die Ukraine richtete daraufhin eine eigene Seeroute ein, die bis zur jüngsten Eskalation genutzt wurde.
An den europäischen Terminmärkten gaben die Weizenpreise nach dem Reuters-Bericht einen Teil ihrer zuvor verzeichneten Kursgewinne wieder ab.
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