Russland hat im Juli mehr als die Hälfte der indischen Rohöleinfuhren geliefert. Das geht aus Handelsdaten hervor, die die Nachrichtenagentur Reuters am Freitag veröffentlichte. Danach bezog Indien im Juli 2,47 Millionen Barrel russisches Rohöl pro Tag. Das entspricht einem Anteil von 50,83 Prozent an den gesamten Rohöleinfuhren des Landes und ist ein neuer Höchstwert. Indien ist den Angaben zufolge der drittgrößte Ölimporteur und -verbraucher der Welt.
Rekordanteil trotz Mengenrückgang
Gegenüber dem Vorjahresmonat legten die Lieferungen aus Russland demnach um 62,4 Prozent kräftig zu. Im Vergleich zum Juni, in dem mit 2,6 Millionen Barrel pro Tag ein Mengenrekord verzeichnet worden war, gingen die Importe gleichzeitig um 4,8 Prozent zurück. In den ersten vier Monaten des indischen Haushaltsjahres, das im April begann, erreichte der russische Anteil laut Reuters durchschnittlich 43,25 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es rund 37 Prozent.
Verschiebung weg vom Nahen Osten
Der Zuwachs geht vor allem zulasten der Lieferanten aus dem Nahen Osten. Deren Anteil an den indischen Rohöleinfuhren sank Reuters zufolge im Zeitraum April bis Juli auf rund 30 Prozent, nach 43 Prozent im Vorjahreszeitraum. Der Anteil lateinamerikanischer Lieferanten stieg von 3,5 auf 12,7 Prozent, was Reuters vor allem auf höhere Einfuhren aus Brasilien und Venezuela zurückführt.
Hintergrund der Verschiebung sind laut Reuters die Lieferengpässe am Persischen Golf infolge des Iran-Krieges. Indische Raffinerien hatten Anfang des Jahres begonnen, Käufe russischen Öls zu reduzieren, um höhere US-Zölle zu vermeiden, während Neu-Delhi mit Washington über ein Handelsabkommen verhandelte.
Nach Unterbrechungen der Lieferungen aus dem Nahen Osten griffen die Raffinerien wieder verstärkt auf russisches Öl zurück. Nach Angaben von Quellen aus indischen Raffinerien, die Reuters zitiert, wird bei nicht sanktionierten Anbietern gekauft, nachdem Washington eine befristete Ausnahme bei den Sanktionen gegen russisches Öl zurückgenommen habe.
Russland erhöht Ausfuhren
Parallel zu diesen Entwicklungen weiteten russische Lieferanten ihre Ausfuhren aus. Nach einem Bericht des Finanzdienstes Bloomberg verschiffte Russland in den vier Wochen bis zum 21. Juni durchschnittlich 3,89 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Als Grund nannte Bloomberg ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien, in deren Folge nicht verarbeitetes Öl exportiert werde.
Neue Unsicherheit durch US-Zollvorstoß
Der weitere Bezug russischen Öls durch Indien ist nach dem Reuters-Bericht mit Unsicherheit belastet. Der US-Senat habe im August einen Gesetzentwurf verabschiedet, der dem Präsidenten 100-Prozent-Zölle gegen die größten Käufer russischen Öls ermöglichen würde. Ziel ist demnach, den wirtschaftlichen Druck auf Moskau im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg weiter zu erhöhen. Das Repräsentantenhaus habe der Maßnahme bislang nicht zugestimmt.
Als Reaktion auf den Iran-Krieg planen die staatlichen indischen Raffinerien nach Angaben von Bloomberg zudem eine breitere Aufstellung ihrer Bezugsquellen. Sie wollen demnach das Volumen langfristiger Lieferverträge mit Produzenten aus dem Nahen Osten verringern und stärker auf den Spotmarkt sowie auf Rohöl aus mehreren Regionen setzen, darunter aus Guyana, Brasilien und den USA.
Emirate rücken auf Platz zwei
Russland blieb den Daten zufolge im Zeitraum April bis Juli Indiens größter Rohöllieferant. Die Vereinigten Arabischen Emirate rückten laut Reuters auf den zweiten Platz vor und verdrängten den Irak. Die Emirate, die am 1. Mai aus dem Ölkartell Opec ausgetreten waren, hätten größere Mengen über kurzfristige Ausschreibungen angeboten.
Indien deckt nach den Angaben mehr als 90 Prozent seines Rohölbedarfs über Importe.
„Modis Krieg“? Die Wahrheit über Russlands Öl, Indiens Raffinerien und Europas Doppelbödigkeit
Brics im Aufwind: Warum Indien wieder auf Russland setzt
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]