Tragisch

16.000 Rochen auf einem Footballfeld: In Kalifornien verschwindet der Sand unter den Tieren

Stachelrochen in Kalifornien: Marine Hitzewelle und El Niño treiben Rundstechrochen ans Ufer. 3100 Stiche an zwei Stränden bei Huntington Beach.

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Ein Stachelrochen liegt halb eingegraben im flachen Wasser. Genau so übersehen ihn Badegäste – bis sie darauftreten. (Symbolbild)

Ein Stachelrochen liegt halb eingegraben im flachen Wasser. Genau so übersehen ihn Badegäste – bis sie darauftreten. (Symbolbild)

© Imago

Vor Seal Beach in Kalifornien liegen an manchen Tagen so viele Rochen auf dem Meeresboden, dass der Sand darunter verschwindet.

„Es können so viele sein, dass sie den Boden regelrecht auslegen, man sieht den Sand nicht mehr“, sagt Chris Lowe der Nachrichtenagentur AP. Der Meeresbiologe leitet das Shark Lab der California State University in Long Beach und erforscht diesen Strandabschnitt seit Jahrzehnten.

Seine Schätzung: An einem einzigen Tag halten sich dort mehr als 16.000 Rundstechrochen auf einer Fläche von der Größe eines Footballfelds auf.

Ein Stück weiter südlich hat Jake Hemann erfahren, was das für Badegäste bedeutet. Der 31-Jährige aus New Mexico wollte am Bolsa Chica State Beach surfen lernen, stieg vom Board und trat auf etwas Spitzes. Er hielt es für einen Ast.

Eine Stunde später saß er an der Rettungsschwimmerstation und hielt seinen Fuß in einen Eimer mit heißem Wasser. Es habe ziemlich wehgetan, sagte er der Agentur, der Schmerz sei bis zum Knöchel gestrahlt. Vier weitere Badegäste saßen mit ihren Eimern daneben.

3100 Stiche an zwei Stränden

Südkalifornien erlebt eine Rochensaison, wie sie die Rettungsschwimmer dort noch nicht gesehen haben. Die State Beaches Bolsa Chica und Huntington melden für 2026 zusammen mehr als 3100 Vorfälle. Das ist doppelt so viel wie im gesamten Vorjahr.

Die Stadt Huntington Beach führt für ihre gut fünfeinhalb Kilometer Küste eine eigene Statistik und kommt auf über 2000 Fälle. In San Diego waren es allein im ersten Halbjahr mehr als 900 – mehr als in jedem ersten Halbjahr der vergangenen fünf Jahre.

„Wir sehen eindeutig eine Zunahme“, sagt Bryan R. Etnyre, Parkchef im nördlichen Orange County der Agentur. Das Wasser bleibe beständig zwischen 16 und 20 Grad warm. In keiner Woche des vergangenen Winters sei es unter rund 15,5 Grad gefallen.

Rundstechrochen: tellergroß und im Sand versteckt

Urobatis halleri, der Rundstechrochen, ist ungefähr so groß wie ein Essteller. Er lebt von Panama bis Südkalifornien, gräbt sich im flachen Wasser ein und wartet auf Muscheln und Würmer.

Angreifen tut er niemanden. Er schlägt den Schwanz nach oben, wenn ihm jemand auf den Rücken tritt, und darauf sitzt ein gezackter Stachel mit Giftdrüse. Das Prinzip kennt man an Nord- und Ostsee vom Petermännchen.

Rettungsschwimmer in Südkalifornien behandeln nach Lowes Angaben bis zu 10.000 solcher Verletzungen im Jahr.

El Niño und die marine Hitzewelle

Vor der Westküste hält sich derzeit eine marine Hitzewelle. Nach Angaben der US-Ozeanbehörde NOAA ist es erst das dritte Mal überhaupt, dass ein so großer Küstenabschnitt so lange so warm bleibt.

Im Juni kam ein El Niño dazu. Am 13. August meldete das Climate Prediction Center, dass er mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit sehr stark ausfällt. Für Oktober bis Dezember liegt die Chance auf ein historisches Ereignis, stärker als alles seit 1950, bei 69 Prozent.

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„Bei El Niños kommen mehr von ihnen aus dem Süden hoch, und sie kommen näher ans Ufer“, sagt Lowe der Agentur zufolge. „Dieses Jahr rechnen wir mit Rekordzahlen.“

Hinzu kommt ein Effekt, der nichts mit dem Wetter zu tun hat. Haie, Seelöwen und Riesen-Zackenbarsche fressen Rochen, und alle drei sind vor der kalifornischen Küste selten geworden. Der Fraßdruck auf die Bestände hat spürbar nachgelassen.

„Sie sind eigentlich eine subtropische Art, die am Rand ihres Verbreitungsgebiets aufblüht, weil sich das Klima ändert“, sagt Lowe.

„Ray Bay“: zwei Kraftwerke heizen das Wasser auf

Der Hotspot bei Seal Beach, 45 Kilometer südöstlich von Los Angeles, ist allerdings kein Naturphänomen. Dort mündet der San Gabriel River, und an beiden Ufern steht ein Kraftwerk: die Haynes Generating Station im Osten, die Alamitos Generating Station im Westen.

Beide kühlen seit knapp 60 Jahren im Durchlaufverfahren und leiten das aufgeheizte Wasser in den Fluss. Genau so lange sammeln sich dort auch die Rochen. Die Einheimischen nennen die Stelle längst „Ray Bay“.

Lowes Team zog dort an einem Morgen im August mit einer 23 Meter langen Strandwade rund 200 Tiere aus dem Wasser, vermaß sie und setzte sie wieder aus.

Warum abgeknipste Stacheln nichts bringen

Vor dem Freilassen knipsen die Forscher den Rochen die Stacheln ab. Das galt lange als die naheliegende Lösung für das Problem am Strand.

Sie funktioniert nicht. Die Stacheln wachsen zwischen August und Oktober nach. In einer Studie des Shark Lab wurden 2183 Rochen gefangen, gestutzt, markiert und freigelassen – wiedergefangen wurden in drei Jahren ganze 13 Tiere. Die Zahl der Verletzungen an diesem Strand ging nicht messbar zurück.

Der Bestand ist zu groß und zu mobil für diese Art von Eingriff.

Erste Hilfe nach einem Rochenstich: heißes Wasser

Was hilft, ist unspektakulär. Rettungsschwimmer raten, beim Hineingehen ins Wasser mit den Füßen zu schlurfen statt zu treten. Der Rochen spürt die Erschütterung und macht Platz.

Nach einem Stich kommt der Fuß in so heißes Wasser, wie man es gerade aushält. Das Gift ist hitzeempfindlich, bei den meisten Betroffenen ist der Schmerz nach einer knappen Stunde erträglich.

Halten Rötung und Schwellung länger als vier oder fünf Tage an, kann eine Infektion dahinterstecken oder ein abgebrochener Stachel im Fuß, sagt Christanne Coffey von der University of California in San Diego. Auf dem Röntgenbild wird er sichtbar.

Allen Lowry, 69, trat beim Spielen mit seinem siebenjährigen Enkel auf etwas Weiches und fuhr mit blutendem Fuß zur Rettungsstation. Schwimmen geht er trotzdem weiter, dreimal die Woche. Sei der Schmerz erst weg, sagt er, sei am nächsten Tag alles wieder in Ordnung.

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