Naturwunder

3700 Jahre alt und noch immer lebendig? Das Geheimnis von Portugals uralten Olivenbäumen

In Portugals Alentejo wachsen Olivenbäume, deren Wurzeln angeblich bis in die Bronzezeit zurückreichen. Doch ihr tatsächliches Alter zu bestimmen, ist für Forscher erstaunlich schwierig.

5 Min
Die Oliveira do Mouchão bei Abrantes in Portugal. Ihr Alter wird auf rund 3350 Jahre geschätzt, der Olivenbaum trägt bis heute Früchte.

Die Oliveira do Mouchão bei Abrantes in Portugal. Ihr Alter wird auf rund 3350 Jahre geschätzt, der Olivenbaum trägt bis heute Früchte.

© Andre Alves/imago

Er könnte schon dort gestanden haben, als in Europa die Bronzezeit herrschte. In der portugiesischen Region Alentejo wächst ein Olivenbaum, dessen Alter auf 3712 Jahre geschätzt wurde. Damit wäre die sogenannte Oliveira do Peso viele Jahrhunderte älter als das antike Rom.

Der Baum steht auf der Herdade do Peso bei Vidigueira im Süden Portugals. Das Weingut Sogrape bezeichnet ihn als ältesten datierten Olivenbaum des Landes. Rund 80 alte Olivenbäume wachsen dort insgesamt. Dokumente aus dem Jahr 1791 erwähnen bereits 57 Olivenbäume auf dem Anwesen. Ob es sich dabei tatsächlich um dieselben Exemplare handelt, lässt sich allerdings nicht sicher feststellen.

Euronews berichtet aktuell über die außergewöhnlichen Bäume und weitere jahrtausendealte Exemplare in Portugal. Doch hinter Altersangaben wie 3712 Jahren steckt eine Besonderheit: Der Baum wurde nicht anhand seiner Jahresringe oder durch eine Radiokarbonanalyse auf dieses Alter datiert.

Wie bestimmt man das Alter eines uralten Olivenbaums?

Die Schätzung stammt aus einem Verfahren der Universität Trás-os-Montes und Alto Douro, kurz UTAD. Gemeinsam mit der Firma Oliveiras Milenares entwickelte die Hochschule eine patentierte Methode, mit der sich das Alter sehr alter Olivenbäume bestimmen lässt, ohne ihnen Holz entnehmen zu müssen. Bei der Oliveira do Peso wurde ebenfalls dieses Verfahren eingesetzt.

Grundlage dafür waren Untersuchungen an rund 600 Olivenbäumen, die unter anderem beim Bau des Alqueva-Staudamms und neuer Straßen im Alentejo gefällt worden waren. An ihnen analysierten die Forscher, wie sich die Stämme unter den dortigen Boden- und Klimabedingungen über die Jahre entwickeln. Rund fünf Jahre benötigte das Team nach Angaben des beteiligten Forschers José Luís Louzada, um daraus ein mathematisches Modell zu entwickeln.

Das Verfahren nutzt messbare Größen des Stamms wie Radius, Durchmesser oder Umfang, die mit dem Alter in Beziehung gesetzt werden. Bei jüngeren Exemplaren, deren Inneres noch erhalten ist, können die Forscher zusätzlich die Wachstumsstrukturen untersuchen. Die daraus gewonnenen Daten dienen dazu, das Alter immer größerer und älterer Bäume zu berechnen, deren Stamm im Zentrum bereits hohl ist. Auf dieser Grundlage wurde das Alter der Oliveira do Peso auf 3712 Jahre berechnet. Es handelt sich also nicht um eine Einschätzung nach dem bloßen Aussehen des Baums, sondern um eine wissenschaftlich entwickelte Modellrechnung.

Gerade bei uralten Olivenbäumen ist das nötig. Ihre Stämme wachsen über Jahrhunderte äußerst unregelmäßig und werden im Inneren häufig hohl. Ausgerechnet das älteste Holz in der Mitte des Stamms fehlt dann. Hinzu kommt, dass sich bei Oliven echte Jahresringe nur schwer von zusätzlichen Wachstumsstrukturen unterscheiden lassen. Eine klassische Altersbestimmung durch einfaches Zählen der Ringe funktioniert deshalb oft nicht zuverlässig.

Warum Jahresringe bei Olivenbäumen kaum helfen

Wie schwierig die Datierung ist, zeigte bereits eine 2013 im Fachjournal PLOS One veröffentlichte Untersuchung. Forscher analysierten Olivenholz von der griechischen Insel Santorini mit unterschiedlichen Verfahren. Ihr Ergebnis: Die Jahresringe ließen sich nicht zuverlässig zählen. Innerhalb desselben Stamms konnten verschiedene Messrichtungen sogar unterschiedliche Ringfolgen ergeben.

Damit bleibt bei lebenden alten Olivenbäumen ein grundsätzliches Problem. Das UTAD-Verfahren kommt ohne Eingriff in den Baum aus, bestimmt sein Alter aber anhand eines mathematischen Modells. Eine Radiokarbondatierung untersucht dagegen direkt das Alter des vorhandenen Holzes. Doch auch dabei gibt es ein Problem: Gerade das älteste Holz im Zentrum jahrhundertealter Oliven fehlt häufig, weil der Stamm dort bereits hohl ist.

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Sind 3700 Jahre wirklich möglich?

Genau an diesem Punkt wird die Geschichte wissenschaftlich besonders interessant. Eine 2024 im Fachjournal Dendrochronologia veröffentlichte Studie untersuchte Altersdaten alter Olivenbäume aus mehreren Mittelmeerländern. Die Wissenschaftler kombinierten Radiokarbondatierungen mit Messungen der Stämme und entwickelten daraus ebenfalls ein Modell zur Altersabschätzung.

Ihr Befund fällt deutlich vorsichtiger aus als manche spektakulären Altersrekorde. Die meisten bislang wissenschaftlich untersuchten alten Olivenbäume seien etwa 200 bis 700 Jahre alt. Einzelne Exemplare könnten tatsächlich mehr als 1000 Jahre erreichen, mehrere Jahrtausende alte Bäume seien nach den vorhandenen Daten jedoch ausgesprochen selten.

Bei einem Olivenbaum im nordlibanesischen Bshaaleh bestimmten die Forscher mittels Radiokarbonanalyse ein Alter von 1161 Jahren plus oder minus 131 Jahre. Die Autoren bezeichneten ihn als ältesten Olivenbaum, dessen Alter in ihrer Untersuchung auf diese Weise bestimmt wurde.

Das bedeutet nicht, dass die portugiesische Oliveira do Peso unmöglich 3712 Jahre alt sein kann. Es zeigt aber, warum die Zahl nicht mit einer direkt gemessenen Lebensdauer gleichgesetzt werden sollte. 3712 Jahre sind das Ergebnis eines mathematischen Modells, keine Radiokarbondatierung des ältesten Holzes.

Portugals Oliven-Methusalems leben weiter

Die Oliveira do Peso ist dabei nicht der einzige außergewöhnliche Baum Portugals. Lange galt die Oliveira do Mouchão bei Abrantes als ältester Baum des Landes. Die UTAD schätzte ihr Alter 2016 mit ihrer Methode auf rund 3350 Jahre. Der gewaltige Stamm misst in Brusthöhe etwa 6,5 Meter im Umfang. Trotz seines geschätzten Alters trägt der Baum weiterhin Oliven.

Ob Portugals älteste Olivenbäume am Ende tatsächlich drei Jahrtausende oder „nur“ viele Jahrhunderte überdauert haben, lässt sich damit nicht zweifelsfrei sagen. Außergewöhnlich sind sie in beiden Fällen: Sie haben Generationen von Menschen, wechselnde Landschaften und Jahrhunderte landwirtschaftlicher Nutzung überstanden und wachsen bis heute weiter.

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