Ukrainische Truppen haben in der Nacht zum Dienstag die Region Moskau mit Hunderten Drohnen angegriffen. In mehreren Orten östlich der russischen Hauptstadt brachen Brände aus, ein zehnjähriges Mädchen wurde nach Behördenangaben verletzt, wie die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtet.
Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin sprach von 620 Drohnen, die in Richtung der Region geflogen seien, 180 davon seien zerstört worden.
Der nächtliche Drohnenangriff auf die Region Moskau traf laut Berichten Wohnhäuser, ein Ladenlokal und ein Lager des Onlinehändlers Wildberries. Das gesamte Ausmaß der Schäden blieb zunächst unklar.
620 Drohnen laut Sobjanin – die Angaben der Behörden
Sobjanin berichtete auf seinem Kanal im russischen Messengerdienst Max vom Ausmaß des Angriffs. „Zwischen gestern Abend und heute Morgen um 5 Uhr flogen 620 Drohnen in Richtung der Region Moskau, von denen 180 in der Region Moskau zerstört wurden“, so Sobjanin.
Der Gouverneur der Region, Andrei Worobjow, sprach von mehr als 150 abgeschossenen Drohnen. Zerstört worden seien sie unter anderem über Bogorodskoje, Ramenskoje, Pawlowski Possad, Orechowo-Sujewo, Woskresensk, Stupino, Kolomna und Elektrostal. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben zunächst nicht.
Brände in Pawlowski Possad, Kolomna und Kotelniki
Am schwersten traf es nach Worobjows Darstellung den Bezirk Pawlowski Possad. Im Dorf Kusnezy sei ein Privathaus vollständig niedergebrannt, in der Stadt selbst hätten das Dach eines Wohnhauses und ein weiteres Gebäude Feuer gefangen.
In Kolomna geriet nach dem Absturz einer Drohne ein Ladenlokal in Brand. Beschädigt wurden laut dem Gouverneur zudem ein Standesamt, ein Geschäft und die Fenster eines Wohnhauses am Sowjetskaja-Platz. In Kotelniki brannte es auf der Baustelle einer Wohnanlage, in Elektrostal wurden ein Auto und ein Umspannwerk beschädigt.
Gouverneur: Zehnjähriges Mädchen unter den Verletzten
Drei Menschen wurden nach Angaben des Gouverneurs verletzt. Ein zehnjähriges Mädchen erlitt eine Splitterwunde an der Hand, als eine Drohne im Bezirk Ramenski in ein Privathaus stürzte, und kam ins Krankenhaus.
Im Bezirk Bogorodski wurde eine Frau durch herabfallende Drohnenteile verletzt, in Kolomna ein 27-jähriger Mann. Alle drei seien in ärztlicher Behandlung, so Worobjow.
Wildberries-Lager erneut Ziel des Drohnenangriffs
Eine Drohne stürzte nach Angaben Worobjows in ein Lager des Onlinehändlers Wildberries nahe dem Atlant-Park. Das Feuer sei unter Kontrolle gebracht worden, Opfer gebe es nach vorläufigen Daten nicht.
Der Kyiv Independent berichtete zudem unter Berufung auf russische Telegram-Kanäle und den Monitoring-Kanal Exilenova Plus von weiteren Bränden – unter anderem an einem Aluminiumwerk in der Region und an einem Wohnhaus in Ljuberzy. Auch diese Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.
Massiver Angriff bereits am Wochenende
Der jüngste Angriff folgt auf einen der bislang größten Drohnenangriffe auf die Region Moskau. In der Nacht zum 16. August wurde nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums das größte Lager von Wildberries mit 250.000 Quadratmetern getroffen, wie Kyiv Independent berichtete.
Die Nachrichtenagentur Reuters meldete, in Podolsk südlich von Moskau sei bei den Angriffen ein 83-jähriger Mann getötet worden, mehrere Menschen seien verletzt worden. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, landesweit 822 Drohnen abgeschossen zu haben.
Der Guardian berichtete, nach Angaben russischer Behörden seien in jener Nacht landesweit mindestens sechs Menschen getötet worden – einer in der Region Moskau, fünf in der südrussischen Region Rostow. Das Verteidigungsministerium sprach von 1478 abgefangenen Drohnen; die Zahl ließ sich nicht unabhängig überprüfen, nach Einschätzung des Guardian dürfte sie überhöht sein.
Feuerwehrleute löschen am 16. August 2026 den Brand in einem Lagerhaus nahe Moskau nach einem ukrainischen Drohnenangriff.
© Stringer/Anadolu/imago
Warum Kiew Wildberries angreift
Die Ukraine hat nach Angaben von Reuters und dem Guardian zuletzt gezielt Anlagen von Wildberries ins Visier genommen. Kiew wirft dem Unternehmen vor, militärische Güter zu bewegen und seine Lager für den Nachschub zu nutzen.
Nach Darstellung des ukrainischen Militärs wurden sieben der zehn größten Lager des Konzerns außer Gefecht gesetzt. Kiew greift regelmäßig militärische Infrastruktur tief in Russland an, um die Kriegsführung Moskaus zu schwächen.
Flamingo-Marschflugkörper und FP-1: Kiews wachsende Reichweite
Die Angriffe auf russisches Gebiet nehmen seit Monaten zu. Laut Kyiv Independent sind Attacken auf Moskau durch die Weiterentwicklung ukrainischer Drohnen zuletzt häufiger geworden.
Nach Darstellung des Guardian hat die Ukraine im Jahr 2026 zudem ihre Fähigkeit zu Angriffen über große Distanzen deutlich ausgebaut. Eine wesentliche Rolle spielten dabei weitgehend im Inland entwickelte Waffen – darunter der Marschflugkörper Flamingo und die langstreckenfähige Drohne FP-1 des Herstellers Fire Point.
Mit diesen Systemen könne Kiew Lagerhäuser, Ölraffinerien, Häfen und militärische Anlagen in einer Entfernung von bis zu 1500 Meilen von der Grenze treffen, berichtete der Guardian. Damit reiche die Ukraine inzwischen fast an die Fähigkeit zu Tiefenschlägen heran, über die Russland seit Kriegsbeginn verfüge – schnelle ballistische Raketen wie Moskau besitze sie jedoch weiterhin nicht.
Serhii Kusan vom Ukrainian Security and Cooperation Center sagte dem Guardian: „Mit jedem erfolgreichen Schlag werden Russlands wirtschaftliche und militärische Fähigkeiten geschwächt, und der Kreml steht vor einem neuen Dilemma: wie er dem in einem Zermürbungskrieg begegnen soll.“
Selenskyj: Ukraine greift russisches Raketen- und Weltraumzentrum mit Flamingo-Raketen an
Putin will die Ukraine erfrieren lassen – früher, härter, gnadenloser als je zuvor
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]