Meine kleine Nichte hat eine rote Schnecke. Genauer: Sie hatte eine. Eine von sechs Holzschnecken aus „Tempo, kleine Schnecke!“, dem ersten Würfelspiel vieler Kinder, seit vier Jahrzehnten über sieben Millionen Mal verkauft. Man würfelt Farben, die Schnecken kriechen um die Wette zu den Salatköpfen, die schnellste hat gewonnen und darf sich sattfressen. Kinder lernen dabei Farben, Warten, Regeln und nebenbei die erste aller Wahrheiten: dass ein Rennen jemanden hat, der vorn ankommt.
Im Kindergarten meiner Nichte wird seit diesem Jahr anders gespielt. Keine Schnecke gewinnt mehr. Die Schnecke, wurde den Kindern erklärt, gehört allen; alle sechs werden gemeinsam ins Ziel geschoben, am Ende haben alle gewonnen. Der Hersteller liefert die Variante längst frei Haus, als Spiel ohne Gewinner und Verlierer. Meine Nichte hat das nicht kommentiert, Kleinkinder verfassen keine Protestnoten. Sie hat nur aufgehört, das Spiel zu mögen.
Man kann das rührend finden. Kein Kind soll weinen, keines zurückbleiben, jedes wird in Watte gepackt. Nur: Watte dämpft den Schlag und das Schulterklopfen gleichermaßen, und in Watte wächst nichts. Wer einem Kind das Gewinnen erspart, erspart ihm die Erfahrung, dass seine Anstrengung einen Unterschied macht.
Zonen statt Zentimeter
Was am Spieltisch als Fürsorge beginnt, wird auf dem Sportplatz Verordnung. Sie erinnern sich: der Geruch der Aschenbahn, das Herzklopfen an der Weitsprunggrube. Seit 1979 sind die Bundesjugendspiele Pflicht für jedes Kind bis zur zehnten Klasse. 2021 beschlossen Bundesausschuss und Sportkommission der Kultusminister die Neuausrichtung: Ab 2023/24 wurde in den Klassen eins bis vier in Leichtathletik und Schwimmen nicht mehr gemessen. Keine Stoppuhr, kein Maßband, Zonen statt Zentimeter.
Zwanzig Prozent einer Klasse erhalten bei den Bundesjugendspielen eine Ehrenurkunde kraft Rechenregel.
© sportfotodienst/Imago
Die Ehrenurkunde, das sei den Empörten gesagt, wurde nie abgeschafft. Es kam schlimmer: Sie wurde zur Quote. Zwanzig Prozent einer Klasse erhalten sie seither kraft Rechenregel, fünfzig die Sieger-, dreißig die Teilnahmeurkunde – gleichgültig, wie schnell irgendjemand lief. Das Papier trägt weiter die Unterschrift des Bundespräsidenten. Es weiß nur nicht mehr, wofür. Man muss den Reformern lassen: Sie haben erreicht, dass kein Kind mehr verliert, indem keines mehr gewinnt.
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Warum das kein Fortschritt ist, erklärte Friedrich August von Hayek 1968 in Kiel: Wettbewerb sei ein Entdeckungsverfahren – sinnlos, auch im Sport, auch bei Prüfungen, „wenn wir im Voraus wüssten, wer der Sieger sein wird“. Die Quote weiß es im Voraus; sie weiß sogar, wieviele.
Es folgte, was auf jede Nivellierung folgt: Spott, Streit, halbe Umkehr. Der Bundeskanzler forderte wieder Siegerurkunden statt Teilnehmerurkunden und bewies, dass er die Reform nicht gelesen hatte: Siegerurkunden gab es die ganze Zeit, nach Prozenten. Bayern hatte die neue Pflicht ohnehin nie vollzogen. Am 12. Juni 2026 beschloss die Ministerkonferenz die Rolle halb rückwärts: Die Klassen drei und vier dürfen ab dem neuen Schuljahr wieder messen.
Dürfen, wohlgemerkt, wenn die Schule mag. Fünf Jahre Kulturkampf, um wieder zuzulassen, was bis 2023 galt; die Jahrgänge dazwischen haben ihre Weite nie erfahren. Baden-Württemberg kündigt für 2027 Urkunden in Gold, Silber und Bronze an, und der Kultusminister verspricht amtlich: „Es gibt nur Gewinner.“ Ein Wettbewerb, der nur Gewinner kennt, schafft den Wettbewerb ab – in der Sprache der Siegerehrung. Dieselbe Watte, jetzt in Landesfarben.
Fußball ohne Tabelle
Der Deutsche Fußball-Bund war schneller als die Schule. Seit 2024/25 gilt bundesweit verbindlich: Bis zur E-Jugend, also bis elf Jahre, gibt es keine Tabellen, Ergebnisse werden nicht über den Spieltag hinaus festgehalten; die Kleinsten spielen statt Meisterschaftsrunden „Festivals“, die Jüngsten ohne Schiedsrichter. Der Verband hält dagegen: Gewonnen und verloren werde weiterhin, sogar häufiger, weil mehr gespielt werde. Das stimmt, aber es trifft den Punkt nicht: Gewonnen wird noch, gezählt wird nicht mehr. Verboten ist nicht der Sieg, verboten ist seine Verbuchung – ein Siegverbot der leisen Art. Der Torschrei ist erlaubt. Das Erinnern nicht.
Das alles, könnte man einwenden, betrifft die Kleinen. Oben ist es dasselbe, nur eleganter. 2006 war jedes fünfte Abitur ein Einser-Abitur, heute ist es fast jedes dritte. Darüber, ob die Aufgaben leichter oder die Schüler klüger wurden, mag streiten, wer will: Eine Bestnote, die zur Drittelnote wird, zeichnet niemanden mehr aus. Die Ehrenurkunde für Erwachsene, die Quote von oben. Wir sind eben alle, alle, alle ganz toll.
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Hinter alldem steht eine Idee, die sich für menschenfreundlich hält, nämlich dass Kinder gleich seien und ein gerechtes System sie gleich zu behandeln habe: dieselbe Schule, derselbe Stoff, dieselbe Schablone. Das Bundesverfassungsgericht lehrt in ständiger Rechtsprechung das Gegenteil: Der Gleichheitssatz gebietet, wesentlich Gleiches gleich und wesentlich Ungleiches ungleich zu behandeln. Gleichheit ist nicht Gleichmacherei. Wer ungleich Begabte in dieselbe Schablone presst, erfüllt den Artikel 3 nicht – er karikiert ihn.
Denn es gibt sie, die Ungleichen; sie sind der ganze Reichtum eines Landes. Der Achtjährige, der die Funktionsweise seines Fahrrads von selbst begreift und es repariert, muss in klassischer englischer Literatur weder glänzen noch gedrillt werden; Lesen und Rechnen sind nicht verhandelbar, die Shakespeare-Exegese ist es. Wilhelm von Humboldt, auf den sich unser Bildungswesen beruft, ohne ihn zu lesen, nannte 1792 als wahren Zweck des Menschen die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte – „in ihrer individuellen Eigentümlichkeit“ – und: „Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung.“ Vom Staat erwartete er wenig; je mehr der sich einmische, desto gleichförmiger werde alles, was er berührt. Es ist die früheste Beschreibung des Wattestaats, die ich kenne.
Was aus den Ungleichen wird, wenn man ihre Stärke stärkt, statt ihre Lücken zu bewirtschaften, erzählt die Geschichte mit einer Ironie, die kein Lehrplan erfindet: Die beiden Männer, die der Menschheit das Fliegen beibrachten, waren Fahrradmechaniker. Wilbur und Orville Wright hatten keinen Schulabschluss und kein Studium; sie hatten eine Fahrradwerkstatt in Dayton, aus deren Kasse sie ihre Flugversuche bezahlten.
Am 17. Dezember 1903 trug ihr Apparat einen Menschen 852 Fuß weit durch die Luft – 59 Sekunden, die die Welt veränderten. Und Artur Fischer, der halb Europa an die Wand gebracht hat, war gelernter Schlosser, Realschule, kein Abitur; er meldete über 1100 Patente und Gebrauchsmuster an, vom Dübel bis zum Blitzlicht.
Die kognitive Psychologie hat einen Namen für das Gegenmodell. Martin Seligman nannte es 1967 erlernte Hilflosigkeit: Wer erfährt, dass das eigene Tun am Ausgang nichts ändert, hört auf, es zu versuchen. Ein halbes Jahrhundert später korrigierte er sich selbst, dunkler noch: Hilflosigkeit wird gar nicht gelernt, sie ist der angeborene Grundzustand. Gelernt werden muss das Gegenteil – die Kontrolle, die Erfahrung, dass Anstrengung zählt.
Die Cheerleaderin
Man muss niemandem Versagen einimpfen. Es genügt, das Gelingen unmessbar zu machen. Am Ende steht die graue sozialistische Soße, in der nichts hervorschmecken darf, weil alles gleich schmecken soll. Mittelmaß aber ist kein Zustand, sondern ein Gefälle: Wer es zum Ziel erklärt, landet darunter. Ein Land, das seine praktischen Talente in Vergleichsarbeiten ertränkt, statt sie in Werkstätten glänzen zu lassen, zählt mitten in der Rezession rund 134.000 fehlende technische Fachkräfte. Die Tüftler und Schrauber fehlen zuerst.
Am Sonntag ist Hayden Panettiere gestorben, in Greenville, South Carolina, fünf Tage vor ihrem 37. Geburtstag. Was bleibt, ist eine Rolle, die größer wurde als die Frau, die sie spielte: Claire Bennet, die unzerstörbare Cheerleaderin aus „Heroes“. Die Serie erzählte ab 2006 von gewöhnlichen Menschen, die entdecken, dass jeder etwas Außergewöhnliches kann. Und sie gab der Entdeckung sechs Worte mit: „Rette die Cheerleaderin, rette die Welt.“ Das Besondere schützen heißt, das Ganze retten. Eine Fernsehserie hat das verstanden, zwanzig Jahre bevor eine Kultusministerkonferenz es wieder erwägen mochte.
Hayden Panettiere als unzerstörbare Cheerleaderin in der Serie „Heroes“
© Imago
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Panettiere hat den Satz zuletzt auf sich selbst gewendet. Ihre Memoiren über Kindsruhm, Sucht, Depression und Verluste, im Mai erschienen, trugen in der Ankündigung einen Untertitel, den man heute mit einem Kloß im Hals liest: „How the Cheerleader Saved Herself“ – wie die Cheerleaderin sich selbst rettete. Sie hielt das Besondere in sich für rettenswert, noch als es sie beinahe erdrückt hätte. Ein Land, das seinen Kindern das Besondere austreibt, sollte wenigstens wissen, was es da austreibt.
Ist das alles Zufall – Kita, Verband, Ministerkonferenz, lauter gut gemeinte Einzelfälle? Leser dieser Kolumne wissen, dass ich das Wort von der kognitiven Kriegsführung nicht leichtfertig verwende. Eine Studie im Auftrag des Nato-Strategiekommandos beschreibt seit 2020 den Menschen selbst als das umkämpfte Gebiet: Erobert wird nicht Gelände, erobert werden Denkgewohnheiten und Normen.
Ich behaupte nicht, dass da ein Regisseur sitzt, der deutschen Kitas Schneckenregeln diktiert. Es braucht keinen Regisseur. Der Mechanismus läuft von selbst, sobald eine Gesellschaft die Erfahrung des Scheiterns aus der Kindheit entfernt, und wer ihn nutzen will, muss ihn nicht erfunden haben. So entsteht, Schonung um Schonung, der Wattestaat. Sein Angriff trägt keine Uniform. Er trägt Watte.
Wer dem Kind das Maßband nimmt, nimmt ihm die erste Zahl, die es sich selbst verdankt. Wer dem Verein die Tabelle nimmt, nimmt ihm das Gedächtnis für das Gelungene. Wer der Eins die Seltenheit nimmt, nimmt ihr die Ehre. Und wer einem Land alles drei zugleich nimmt, der nimmt ihm am Ende die Menschen, die es retten könnten – leise, durch Entwöhnung.
Zuversicht muss gelernt werden
Dagegen hilft, was gegen jede Vergiftung hilft: Immunisierung. Man erkenne den Mechanismus, und er verliert seine Macht. Wer weiß, dass Hilflosigkeit der Grundzustand ist und Zuversicht gelernt werden muss, lässt sein Kind wieder verlieren und wieder gewinnen; er fragt bei der nächsten Reform, wer hier vor wem geschützt wird. Jeder Mensch kann irgendetwas besonders gut; Exzellenz ist kein Privileg der wenigen, sie ist die Anlage aller. Aber sie ist eine Pflanze, die Licht braucht und Wind, in Watte geht sie ein. Ungenutztes Potenzial ist der Luxus, den sich dieses Land längst nicht mehr leisten kann.
Meine Nichte spielt wieder. Zu Hause, am Küchentisch, nach den alten Regeln. Neulich hat die rote Schnecke das Rennen gemacht, und ein kleiner Mensch hat gejubelt, als wäre es ein Weltrekord. Beim nächsten Mal verlor die Rote; es gab Tränen, zwei Minuten lang, dann wurde neu gewürfelt. Genauso lernt man leben. Tempo, Tempo, kleine Schnecke – lauf. Rette die Cheerleaderin? Rette die Welt.
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