Open Source

Wer ist ein Faschist und wer nicht: Herr Kowalczuk, erklären Sie mir Ihren Maßstab!

In einem Offenen Brief kritisiert der Autor den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Es geht um dessen Aussage zur AfD: „Wer Faschisten wählt, ist ein Faschist.“

Matthias Rackwitz
8 Min
Ilko-Sascha Kowalczuk bei einem Auftritt im Thüringer Landtag

Ilko-Sascha Kowalczuk bei einem Auftritt im Thüringer Landtag

© Marco Schmidt/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Sehr geehrter Herr Kowalczuk,

Sie haben im Interview mit Super-Illu, das inzwischen auch von Focus online verbreitet wird, eine bemerkenswerte These aufgestellt: „Wer Faschisten wählt, ist ein Faschist.“ Und Sie ahnen offenbar selbst, dass diese Aussage nicht ganz folgenlos bleibt.

Sie sagen dazu: „Meine Aussage mag manchem AfD-Wähler wehtun.“ Das ist bemerkenswert. Denn Sie erklären anschließend, Sie sagten dies gerade „aus Respekt vor deren Urteilsvermögen“. Wer also die AfD wählt, weiß Ihrer Ansicht nach, was er tut – und muss deshalb auch die Verantwortung für das tragen, was die AfD mit diesem Land macht.

Nun gut. Dann nehme ich Sie einmal beim Wort.

Ich bin Matthias Rackwitz, Ostdeutscher, politisch vermutlich immer schon links einzusortieren (wenn man das denn so macht), und ich halte die Faschismusaffinität erheblicher Teile der AfD tatsächlich für ein ernstes Problem. Ich habe deshalb überhaupt kein Bedürfnis, die AfD irgendwie schönzureden. Im Gegenteil: Wo sie rassistisch, autoritär, völkisch oder demokratiefeindlich argumentiert, sollte man das benennen. Aber gerade deshalb interessiert mich Ihre Methode. Denn wenn der Satz „Wer Faschisten wählt, ist ein Faschist“ mehr sein soll als eine zugespitzte Schlagzeile, dann müssten Sie zunächst einmal erklären, was für Sie einen Faschisten ausmacht.

Sie nennen als Begründung für Ihr Urteil über die AfD unter anderem deren Streben nach autoritären Staatsstrukturen und „rassistische Grundideen“. Gleichzeitig räumen Sie im Interview ausdrücklich ein, dass es völlig legitim sei, Migration, Asylpolitik und Islamismus zu kritisieren. Entscheidend sei lediglich, „aus welcher Richtung und mit welchem Ziel“ dies geschehe. Das ist interessant. Denn damit verlassen wir bereits die bequeme Welt der Etiketten und betreten die wesentlich schwierigere Welt politischer Analyse. Und genau dort würde ich Ihnen gern ein wenig auf die Sprünge helfen wollen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Welche Kriterien gelten denn nun eigentlich? Ist Faschismus eine bestimmte historische Bewegung? Ist er eine politische Methode? Ist er ein autoritäres Gesellschaftsmodell? Ist er gekennzeichnet durch Nationalismus, Führerkult, Gewaltverherrlichung, Feindbildproduktion, Entmenschlichung politischer Gegner, ethnische oder religiöse Ausgrenzung, Militarismus und die Beseitigung demokratischer Institutionen? Oder reicht bereits eine Kombination bestimmter Positionen? Und wenn Letzteres gilt: Welche Kombination?

Worüber man streiten kann

Denn wenn Sie diese Kriterien nicht präzisieren, wird aus „Faschismus“ sehr schnell ein politisches Schimpfwort, mit dem man zwar hervorragend Schlagzeilen produziert, aber historisch ziemlich schlecht arbeitet. Gerade von einem Historiker würde ich deshalb gern mehr wissen.

Sie sagen, die AfD sei eine faschistische Bewegung. Das kann man begründen und darüber kann man streiten. Aber dann interessiert mich die nächste Frage: Was ist mit Menschen, die autoritäre, nationalistische, rassistische oder militaristische politische Bewegungen außerhalb Deutschlands unterstützen?

Wie nennen Sie beispielsweise Menschen, die politische Kräfte unterstützen, denen ebenfalls autoritäre, nationalistische oder ethnisch exkludierende Vorstellungen vorgeworfen werden? Wie nennen Sie Menschen, die einen Staat oder eine politische Bewegung bedingungslos unterstützen, obwohl diese im Krieg massive Menschenrechtsverletzungen begeht? Wie nennen Sie Menschen, die Vertreibung, Entrechtung oder die systematische Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen politisch rechtfertigen? Und vor allem: Gilt Ihr Maßstab auch dann, wenn die betreffende Bewegung auf der geopolitisch „richtigen“ Seite steht?

Alles Faschisten? AfD-Bundesparteitag in Erfurt

Alles Faschisten? AfD-Bundesparteitag in Erfurt

© Eibner-Pressefoto/Pia Schindler/Imago

Das ist keine rhetorische Nebelkerze. Es ist der Kern meiner Frage. Denn wir leben inzwischen in einer politischen Landschaft, in der dieselben Begriffe je nach Freund- und Feindlage erstaunlich unterschiedlich verwendet werden. Da wird über die AfD mit Recht über Rassismus, Nationalismus und Ausgrenzung gesprochen. Gleichzeitig wird anderswo mit erstaunlicher Gelassenheit über Nationalismus, ethnische Abgrenzung, religiösen Chauvinismus, militärische Gewalt und die Entrechtung von Menschen hinweggegangen, sofern die jeweils betroffene politische Seite zum eigenen geopolitischen Lager gehört.

Ich halte das für intellektuell unredlich. Und deshalb würde mich insbesondere interessieren, wie Sie mit den politischen Bewegungen in der Ukraine und in Israel umgehen, wenn Sie Ihren eigenen Faschismusbegriff konsequent anwenden.

Ich behaupte damit ausdrücklich nicht, dass „die Ukraine“ oder „Israel“ als Staaten schlichtweg „faschistisch“ seien. Eine solche Gleichsetzung wäre historisch genauso grobschlächtig wie das Etikettieren jedes AfD-Wählers als Faschisten. Ich frage vielmehr nach den konkreten politischen Strömungen, Organisationen, Akteuren und Positionen, die dort existieren oder existiert haben und bei denen sich faschistoide, ultranationalistische, ethnisch exklusive oder autoritäre Elemente erkennen lassen. Und ich frage, warum die politische Öffentlichkeit bei der einen Seite mit der Lupe sucht und bei der anderen Seite mit dem Fernglas.

Der Mangel an Komplexität

Besonders interessant wird es beim Antisemitismus und Antiislamismus. Sie stellen die AfD in Ihrem Interview unter anderem wegen ihrer rassistischen Grundideen in die faschistische Tradition. Gleichzeitig gibt es innerhalb der AfD zweifellos politische Positionen, die sich gegen Islamismus und islamisch begründeten Antisemitismus richten.

Nun kann man diese Positionen für opportunistisch, instrumentell oder politisch heuchlerisch halten. Aber man kann nicht so tun, als existierten sie nicht. Und deshalb stellt sich eine weitere unangenehme Frage: Kann ein politischer Akteur gleichzeitig rassistische oder faschistoide Tendenzen besitzen und bei einem anderen Thema eine Position vertreten, die man selbst für richtig hält? Ich meine: selbstverständlich. Nur dann müssen wir eben aufhören, politische Bewegungen nach dem Freund-Feind-Schema vollständig gut oder vollständig böse zu sortieren.

Das gilt übrigens auch für den Zentralrat der Juden in Deutschland. Wenn der Zentralrat eine politische Debatte über ein mögliches AfD-Verbot führt, dann interessiert mich nicht nur, was er dazu sagt, sondern auch, welche politischen Schnittmengen und welche Konfliktlinien sich beim Thema Islamismus und Antisemitismus ergeben. Denn auch dort scheint mir die politische Wirklichkeit komplizierter zu sein als manche moralische Sortiermaschine. Und genau diese Komplexität vermisse ich bei Ihnen.

Sie sagen: „Wer Faschisten wählt, ist ein Faschist.“ Gut. Dann frage ich Sie: Was ist mit jemandem, der Faschisten auf einer Seite erkennt, aber dieselben oder ähnliche autoritäre, nationalistische oder menschenfeindliche Tendenzen auf einer anderen Seite ebenfalls erkennt? Ist der ein Faschist? Ist er ein „Extremist der Mitte“? Ist er ein „Putin-Versteher“? Ist er ein „Querfrontler“? Ist er schlicht ein politischer Idiot?

Widerspruch auch in Sachen Bundesrepublik

Oder könnte es möglicherweise sein, dass er einfach versucht, Faschismus nicht anhand einer politischen Lagerzugehörigkeit, sondern anhand seiner tatsächlichen Merkmale zu erkennen? Ich frage das auch ganz persönlich. Ich erkenne in Teilen der AfD eine gefährliche Faschismusaffinität. Ich erkenne sie aber überhaupt nicht nur dort. Ich möchte Faschismus nicht auf Art von Hitler-Folklore reduzieren, nicht auf Springerstiefel, Glatze und Hakenkreuze, nicht auf die historische Kopie des Nationalsozialismus.

Wenn Faschismus nur dann Faschismus wäre, wenn er sich möglichst genau wie 1933 verhält, wäre die historische Kategorie ziemlich nutzlos. Aber gerade deshalb muss sie universell anwendbar sein. Sonst bleibt am Ende nur: „Faschist ist, wer auf der falschen Seite steht.“ Und das wäre für einen Historiker doch etwas wenig.

Sie werfen der AfD vor, sie zeichne Deutschland viel schlechter, als es tatsächlich sei. Sie selbst erklären die Bundesrepublik dagegen zu einem der „besten Systeme“, die es in der Weltgeschichte je gegeben habe, und sprechen von Problemen „auf einem Luxusniveau“. Auch hier würde ich gern widersprechen.

Nicht weil ich glaube, dass wir in einer Diktatur leben. Tun wir derzeit nicht. Nicht weil ich die derzeitige Bundesrepublik für den schlechtesten Staat der Welt halte. Tue ich also ebenfalls nicht. Sondern weil mir Ihre Wohlstandsstatistik als politische Theorie etwas zu bequem erscheint.

Ein Mensch kann in einem materiell wohlhabenden Land leben und trotzdem politische, soziale oder kulturelle Gründe haben, mit der Entwicklung dieses Landes unzufrieden zu sein. Und wer diese Unzufriedenheit nicht verstehen will, überlässt sie eben denjenigen, die sie politisch instrumentalisieren.

Sie sagen selbst, Demokratie und Freiheit funktionierten nur, wenn Menschen sich „in unsere eigenen Angelegenheiten einmischen“. Da stimme ich Ihnen sogar ausdrücklich zu. Nur gehört zur Einmischung auch das Recht, Ihnen zu widersprechen. Und zwar ohne anschließend zum politischen Patienten erklärt zu werden.

Ich erwarte von Ihnen deshalb keine Entschuldigung für Ihre AfD-Kritik. Ich erwarte auch keine Rücknahme Ihrer Aussage. Ich erwarte etwas viel Einfacheres: Erklären Sie mir Ihren Maßstab!

Das, was man einem Historiker nicht wünschen möchte

Und wenden Sie ihn anschließend konsequent auf alle politischen Lager an. Nicht nur auf diejenigen, die Sie ohnehin für gefährlich halten. Denn wenn Ihr Satz wirklich lautet: „Wer Faschisten wählt, ist ein Faschist“, dann möchte ich von Ihnen gern wissen: Wer Faschisten unterstützt, deren Faschismus gerade politisch nützlich erscheint – was ist der?

Und wenn Ihre Antwort lautet, dass selbstverständlich auch dort dieselben Maßstäbe gelten, dann könnten wir möglicherweise sogar wieder miteinander ins Gespräch kommen.

Wenn nicht, bleibt mir nur der Verdacht, dass Ihr Satz weniger eine historische Definition als eine politische Grenzziehung ist. Und das wäre dann doch ziemlich genau das, was man einem Historiker eigentlich nicht wünschen möchte.

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Rackwitz, Ostdeutscher, Demokrat, Bürgerrechtler, Natur- und Umweltschützer und gelegentlich unangenehm hartnäckiger Fragesteller.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner