Balkongelage

Besoffene Wespen: Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen

Im Spätsommer werden auch im steinernen Berlin unzählige Vespula-vulgaris-Exemplare zu nervend invasiven, aber im Rausch auch saukomischen Gästen.

3 Min
Wespen lieben Weißwein-Fruchtfleisch: Party unter Kapuzinerkresse-Ranken

Wespen lieben Weißwein-Fruchtfleisch: Party unter Kapuzinerkresse-Ranken

© Ruthe/Privat

Vielleicht kennen Sie ja den südafrikanischen Kultfilm „Das lustige Leben der Tiere“ von 1974? Und haben sich schiefgelacht über diese Szenen vom „großen Marula-Fressen“ der von den gärenden Früchten trunkenen Affen, Elefanten, Giraffen, Gnus und Warzenschweine?

Sie taumeln berauscht durch die Savanne, ihr Verhalten im Suff (ziemlich menschenähnlich) ist an Komik nicht zu überbieten. Regisseur Jamie Uys lässt dabei die schrille Musik „Danse du Grizzly“ von Pierre Avray erklingen.

Außer einer Raupe, die ein Schmetterling werden will, sieht man in dem alten Film allerdings keine Insekten inmitten dieser überreifen, von den Bäumen gefallenen, alkoholisch gärenden Früchte. Auf meinem Betonbalkon in Berlin-Mitte aber versammeln sie sich jeden Morgen zum Gelage.

Das beginnt zunächst mit Schwerstarbeit. Ganze Brigaden der (gemeinen) Wespe fliegen pünktlich ein, um aus zerteilten Weinbeeren mit ihren Beißwerkzeugen (Mandibeln) Fress-Rekorde aufzustellen. Sie benehmen sich mit größter Selbstverständlichkeit wie Kostgänger. Sobald ich die Balkontür öffne, lauern sie schon, umfliegen meine Nase.

Das ist die ungeduldige Begrüßung zu Schichtbeginn: Es wird Zeit, dass sie der Wespenkönigin im Wespennest oben auf dem begrünten Hausdach Nahrung bringen. Und diese pflichtbewusste Tätigkeit, wohl eine von der Evolution festgelegte Mission, hält sie sogar (friedfertig) davon ab, die Stacheln auszufahren.

Wespen wissen die Gastfreundschaft zu schätzen

Sie wissen sich als Gäste zu benehmen, summen dankbar, wenn ich ihnen jeden Morgen die Beeren hinstelle, sind halt instinktiv gescheit und beißen nicht die Hand, die sie füttert! Ein wenig Labsal serviert – und schon hängen sie in gelb gestreiften Haufen überm Obst.

Das brauchen die Arbeiterinnen für ihr emsiges Tagwerk, in dem sie seit Wochen aus italienischen Trauben-Innereien zigtausend winzige Kügelchen formen und das, was sie nebenbei nicht zu ihrer eigenen Ernährung verspeisen, flugs dorthin fliegen, wo die Staatschefin mit der Vespula-vulgaris-Nachkommenschaft pflichtergeben patriotisch fürs kommende Jahr über den Winter gebracht werden muss.

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Aber was, wenn die Wespenkönigin das wüsste? Denn neuerdings bricht spätnachmittags der Arbeitseifer ihres Arbeitsvolkes total ab. Die Wespen purzeln aus den geleerten Weinbeeren-Schalen heraus, torkeln steifbeinig über die alte Marmor-Tischplatte, knicken ein und schlittern auf dem Rücken umher.

Possierliche Slapstick-Kunst im Wespen-Zirkus! Dann berappeln sie sich – und fliegen weg, um den Traubensaft-Rausch auszuschlafen. Als wäre nichts gewesen. Bis morgen!

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