Im tropischen Pazifik wächst das stärkste El-Niño-Ereignis seit rund 150 Jahren heran.
Die britische Wetterbehörde Met Office erwartet einen Anstieg der Meeresoberflächentemperatur um mehr als drei Grad, wofür es in modernen Klimaaufzeichnungen keinen Vergleichswert gibt. Erste Folgen sind bereits messbar, der Panamakanal drosselt ab September den Schiffsverkehr.
2,6 Grad über normal: Was die Modelle jetzt zeigen
Gemessen wird El Niño in einem Streifen des zentralen und östlichen Pazifiks, der Niño-3.4-Region. Ab 0,5 Grad über dem langjährigen Mittel gilt das Ereignis als ausgerufen, ab zwei Grad sprechen Fachleute von einem Super-El-Niño. Das gab es bisher zweimal, 1997/98 und 2015/16.
Aktuell liegt die Region rund 2,6 Grad über dem gleitenden 30-Jahres-Mittel, und die Langfristprognose des Met Office aus dem GloSea-System zeigt für die kommenden Monate mehr als drei Grad.
„So ein starkes El-Niño-Signal habe ich in unseren Prognosen noch nie gesehen“, sagt Adam Scaife, Leiter der Langfristvorhersage am Met Office, in einer Mitteilung der Behörde. Ein gewöhnlicher El Niño erwärme den äquatorialen Pazifik um ein bis zwei Grad, wobei zwei Grad bereits als sehr großes Ereignis gälten. Gegenüber der BBC sagte Scaife, 2026 werde alles übertreffen, was die Behörde in den vergangenen Jahrzehnten gemessen habe.
Die Messwerte anderer Wetterdienste stützen das. Australiens Wetterbehörde registrierte für die Woche bis zum 9. August plus 2,2 Grad. Japans Wetterdienst misst in einem etwas weiter östlich gelegenen Streifen und meldete für Juli plus 2,5 Grad – gleichauf mit dem Rekordjuli 1997.
97 Prozent: Der Höhepunkt kommt erst im Winter
Die US-Wetterbehörde NOAA hat den El Niño offiziell ausgerufen und beziffert die Chance auf ein sehr starkes Ereignis im Herbst und Winter 2026/27 auf über 90 Prozent. Mit 97 Prozent Wahrscheinlichkeit hält die Lage bis ins Frühjahr 2027 an.
Der Ozean gibt in dieser Phase große Wärmemengen an die Atmosphäre ab, allerdings mit Verzögerung. Met-Office-Forscher Nick Dunstone hält es deshalb für sehr wahrscheinlich, dass 2027 das Jahr 2024 als wärmstes Jahr der Messgeschichte ablöst.
Unsicher bleibt die Spitzenintensität. Bei jüngeren Ereignissen fiel die Reaktion der Atmosphäre schwächer aus, als die Ozeanwerte erwarten ließen, weil auch der Indische und der Atlantische Ozean ungewöhnlich warm sind und gegensteuern.
34 Prozent weniger Regen: Der Panamakanal drosselt ab September
Warum das ausgerechnet Panama trifft, hat mit der Mechanik des Phänomens zu tun. Der erwärmte Pazifik zieht die Regenwolken nach Osten auf den offenen Ozean hinaus, Mittelamerika liegt dann auf der trockenen Seite dieser Verschiebung. Seit 1900 fielen vier der fünf niederschlagsärmsten Jahre der Region in El-Niño-Jahre.
Zwischen Mai und August fiel im Einzugsgebiet des Panamakanals rund ein Drittel weniger Regen als im historischen Mittel, die Zuflüsse lagen 44 Prozent unter dem Normalwert.
Der Kanal braucht dieses Wasser, weil bei jeder Schleusung Süßwasser ins Meer abfließt. Es stammt aus dem Gatúnsee und dem Alajuelasee – und aus denselben Stauseen kommt das Trinkwasser für mehr als die Hälfte der panamaischen Bevölkerung.
Die Kanalbehörde reagiert. Ab dem 4. September sind nur noch 34 buchbare Durchfahrten pro Tag erlaubt, ab dem 15. September 32 statt bisher 36. Der Verband Deutscher Reeder nennt das eine spürbare Einschränkung und verweist auf die Dürre 2023/24, als zeitweise nur 22 Passagen möglich waren.
Der Vergleichsfall von 1877
Das stärkste bekannte El-Niño-Ereignis liegt 149 Jahre zurück und ist in der Klimaforschung gut rekonstruiert. 1877/78 blieb der Monsun aus, in Indien starben nach Schätzungen zwischen 5,6 und 9,6 Millionen Menschen, in Nordchina zwischen 9,5 und 13 Millionen, dazu kamen Dürre und Hunger in Brasilien und Ostafrika. Historiker beziffern die weltweite Zahl der Toten auf bis zu 50 Millionen, drei bis vier Prozent der damaligen Menschheit.
9 Prozent: Was in Deutschland ankommt
Auf das Wetter in Mitteleuropa wirkt El Niño nur indirekt. Das Met Office erwartet für Nordwesteuropa im Herbst und frühen Winter erhöhte Chancen auf nasse, stürmische Phasen, weil Atlantiktiefs leichter durchkommen. Auf die globale Mitteltemperatur schlägt ein starkes Ereignis mit rund 0,1 bis 0,2 Grad durch. Regional lässt sich dieser Anteil nicht herausrechnen.
Spürbarer wird der Effekt an der Supermarktkasse. Betroffen sind Kakao, Kaffee, Zucker, Reis und Weizen, in Australien droht ein deutlicher Rückgang der Weizenernte, in Indien fällt der Monsun bereits unterdurchschnittlich aus.
Die Europäische Zentralbank rechnete für ein starkes Ereignis mit bis zu neun Prozent höheren globalen Lebensmittelrohstoffpreisen. Der IWF setzte den Aufschlag beim Endkunden bei früheren El Niños auf durchschnittlich fünf Prozent an, wirksam meist erst sechs bis zwölf Monate nach dem Höhepunkt.
Ethel Caterham feiert 117. Geburtstag – erste Britin in diesem Alter
Buckelwal Timmy beschäftigt den Landtag – Minister Backhaus im Kreuzverhör
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]