Der Krieg in der Ukraine könnte vor einer neuen Eskalationsstufe stehen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj behauptet, Russland bereite nach den Parlamentswahlen im September die Einberufung von rund 300.000 zusätzlichen Soldaten vor. Selenskyj beruft sich dabei auf ukrainische Geheimdienstinformationen. Eine entsprechende Ankündigung des Kremls liegt bislang nicht vor. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet zudem, dass Selenskyj bis 2027 mit einer noch größeren Mobilisierung von insgesamt bis zu 500.000 Soldaten rechnet.
Selenskyjs Behauptung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Kämpfe entlang der Front andauern. Besonders im Donbass bleibt die Lage angespannt. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten versucht Russland weiterhin, strategisch wichtige Orte einzunehmen. Gleichzeitig verweist Kiew auf eigene Geländegewinne im Südosten. Eine neue Mobilisierungsrunde würde den Druck auf die Ukraine weiter erhöhen.
Auch bei der Luftverteidigung ist die Lage angespannt. Kiew sieht sich angesichts russischer Raketenangriffe mit einem Mangel an Abfangsystemen konfrontiert. Zugleich bereitet sich die Ukraine auf mögliche Angriffe auf ihre Energieinfrastruktur im kommenden Winter vor.
Druck auf Unterstützer-Gipfel
Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick auf Europas Unterstützer. Frankreich, Großbritannien und Deutschland wollen am Montag gemeinsam eine weitere Sitzung der „Koalition der Willigen“ leiten. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der britische Premierminister Andy Burnham und Bundeskanzler Friedrich Merz sollen das Treffen führen. Selenskyj will aus Kiew zugeschaltet werden. Auch EU-Ratspräsident António Costa soll teilnehmen.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Unterstützung für die Ukraine verstärkt werden kann. Macron hatte Selenskyj zugesagt, die Lieferung französischer Militärtechnik und Raketen zu beschleunigen. Zudem soll Frankreich bei Verbündeten für zusätzliche Patriot-Abfangsysteme werben. Deutschland und Frankreich arbeiten an europäischen Alternativen zur Abwehr ballistischer Raketen.
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Endgame in der Ukraine: Zehn Jahre Krieg oder doch ein rasches Ende?
Die europäischen Staaten stehen vor einem Spagat. Sie wollen der Ukraine helfen, müssen aber zugleich die finanziellen und militärischen Belastungen berücksichtigen. Selenskyj beziffert die Finanzierungslücke im ukrainischen Verteidigungshaushalt 2027 auf rund 27 Milliarden Dollar.
Ein Signal der Unterstützung kam am Sonntag aus Norwegen. Oslo kündigte an, der Ukraine auch 2027 rund 85 Milliarden norwegische Kronen zur Verfügung zu stellen – etwa 9,2 Milliarden Dollar. Die Summe entspricht der für 2026 vorgesehenen Unterstützung. Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Store reiste mit Vertretern nordischer und baltischer Staaten nach Kiew.
Russland könnte aus Sicht Kiews seine militärischen Ressourcen weiter ausbauen, während die europäischen Partner ihre Unterstützung verstärken. Ob eine neue Mobilisierungswelle tatsächlich umgesetzt wird, bleibt offen. Politisch ist Selenskyjs Warnung jedoch ein deutlicher Appell an die Verbündeten, nicht auf eine baldige Entspannung des Krieges zu setzen.
Der Gipfel erhält damit besondere Bedeutung. Es geht nicht allein um kurzfristige Waffenlieferungen, sondern um die Frage, ob Europa bereit und in der Lage ist, die Ukraine langfristig militärisch, finanziell und politisch abzusichern. Angesichts der erwarteten russischen Verstärkung dürfte diese Belastbarkeit im Zentrum der Gespräche stehen.
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