Norwegen wird seine Öl- und Gasvorkommen in der Barentssee unabhängig von der Haltung der Europäischen Union weiter erschließen. Das kündigte Energieminister Terje Aasland in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters an, das am Montag vor Beginn der Energiekonferenz ONS in Stavanger veröffentlicht wurde.
In der gegenwärtigen geopolitischen und sicherheitspolitischen Lage, sagte Aasland, sei eine weitere Förderung in der Barentssee im Interesse Norwegens und Europas.
Reiches Ökosystem, große Rohstoffvorkommen
Die Barentssee ist ein Randmeer des Arktischen Ozeans nördlich von Norwegen und Russland und gilt als eines der artenreichsten Meeresgebiete der Erde. Dort leben nach Angaben des norwegischen Naturschutzverbands Naturvernforbundet unter anderem Eisbären, Buckel-, Grönland- und Weißwale sowie große Seevogelkolonien und Fischbestände.
Die norwegische Öl- und Gasbehörde Sokkeldirektoratet vermutet in der Barentssee rund 63 Prozent aller noch nicht erschlossenen Öl- und Gasvorkommen des Landes, allein im südlichen Teil rund 610 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Bislang fördern dort drei Felder: Snøhvit, Goliat und Johan Castberg.
Die EU unterstützt bislang aus Umweltgründen ein Verbot neuer Bohrungen in der Arktis, prüft ihre Position derzeit aber im Rahmen einer neuen Arktisstrategie. Eine Sprecherin der EU-Kommission sagte dem norwegischen Fachportal Energi og Klima, am Moratorium für Öl, Gas und Kohle in der Arktis halte die EU bislang fest.
Oslo pocht auf souveränes Recht
Aasland verwies auf das souveräne Recht Norwegens, die Ressourcen zu erschließen, auch wenn die EU an ihrem Moratorium festhalte. Norwegen werde diese Gebiete erschließen, und dann sei es Sache der EU, ob sie ein Moratorium auf den Kauf dieses Gases oder Öls verhänge, sagte er Reuters.
Arktisches Öl lasse sich ohnehin auf dem Weltmarkt absetzen, Gas könne als Flüssigerdgas weltweit exportiert werden.
Wichtigster Gaslieferant Europas
Norwegen ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 der größte Gaslieferant Europas und deckt rund 30 Prozent des Bedarfs der EU und Großbritanniens. Nach offiziellen Prognosen wird die Produktion nach 2030 stark zurückgehen, sofern keine neuen Vorkommen erschlossen werden.
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Für die laufende Vergaberunde hat Norwegen 70 zusätzliche Gebiete für die Öl- und Gassuche geöffnet, 38 davon in der Barentssee.
Umweltverbände warnen vor Risiken für die Arktis
Naturvernforbundet fordert die norwegische Regierung in einer Stellungnahme zur EU-Arktisstrategie auf, keine weitere Exploration, Förderung oder neue Gasinfrastruktur in der Barentssee zuzulassen. Die Arktis erwärme sich vier Mal schneller als der globale Durchschnitt, große Entfernungen und schwierige Wetterbedingungen erschwerten zudem Rettungseinsätze und die Beseitigung von Ölverschmutzungen im Fall von Unfällen.
Ein Bündnis aus der Umweltstiftung WWF, Greenpeace, Bellona Europa, Naturvernforbundet, Zero, Natur og Ungdom und dem Nordischen Zentrum für nachhaltige Finanzen appellierte an die EU, am Moratorium festzuhalten. WWF-Generalsekretärin Karoline Andaur nannte es peinlich, dass Norwegen gegenüber der EU als Öllobbyist auftrete.
Zweifel an der Wirtschaftlichkeit
Auch die Wirtschaftlichkeit ist umstritten. Analyst Marin Gillot von der Denkfabrik Strategic Perspectives sagte Energi og Klima, der EU-Gasbedarf werde bis 2040 so stark sinken, dass er über die vorhandene Infrastruktur in der Nordsee gedeckt werden könne.
Analyst John Olaisen von der skandinavischen Investmentbank ABG Sundal Collier sagte dem Portal E24, für eine neue Gaspipeline aus der Barentssee zum Kontinent müssten zusätzliche Reserven im Umfang von 400 bis 500 Millionen Barrel Öläquivalent, einer Vergleichseinheit für den Energiegehalt fossiler Rohstoffe, gefunden werden.
Eine Studie des Betreibers Gassco aus dem Jahr 2023 bezifferte die Kosten für eine neue Gasaufbereitungsanlage auf der Insel Melkøya und eine Rohrleitung in die Norwegische See auf rund 53 Milliarden Kronen.
Der frühere deutsche Vizekanzler Robert Habeck rief die EU laut der norwegischen Wirtschaftszeitung Dagens Næringsliv dazu auf, bei ihrer ablehnenden Haltung gegenüber neuer Arktisförderung zu bleiben. Europa müsse seine Abhängigkeit von fossiler Energie verringern.
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