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Gerade hat in Südtirol die Apfelernte begonnen – in diesem Jahr etwas früher als gewohnt. Hohe Temperaturen haben den Reifeprozess beschleunigt und die Obstbauern zusätzlich unter Zeitdruck gesetzt. Den Auftakt macht Gala, später folgen Golden Delicious, Topaz und Red Delicious. Im Oktober und November werden die späten Sorten wie Granny Smith, Braeburn und Pink Lady geerntet.
Und dann liegen sie wieder in den Apfeltheken von Aldi, Edeka, Rewe, Lidl, Kaufland & Co.: die Äpfel des Südtiroler Erfolgsmodells.
In Berlin, im Osten, in ganz Deutschland begegnen sie uns. Im Supermarkt, auf dem Wochenmarkt, in der Kantine, in der Schulküche. Der Südtiroler Apfel ist längst Teil unseres Alltags geworden. Kaum jemand denkt aber darüber nach, welche Landschaft, welche Arbeit und welches gewaltige Produktionssystem hinter dieser kleinen Frucht stehen.
Eine Million Tonnen Äpfel werden in Südtirol auf einer Anbaufläche von insgesamt etwa 18.000 Hektar in einem durchschnittlichen Jahr geerntet. Eine Million Tonnen – aus einer vergleichsweise kleinen Region. Die Zahl steht für Millionen Bäume, Tausende Obstbauern, Erntehelfer, Traktoren, Bewässerungsanlagen, Kühlhäuser, Obstgenossenschaften, Lastwagen und ein internationales Vertriebsnetz. Und vielleicht beginnt genau hier die eigentliche Frage: Wie lange kann dieses System noch funktionieren?
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Ein Thema beschäftigt alle: die Ernte
Ich befinde mich gerade in Südtirol, zu einer Arbeitsklausur für meinen neuen Roman über die Geschichte des Marmors. Ich schreibe über den Stein, seine jahrmillionenlange Geschichte und die Menschen, die ihn aus dem Berg geholt haben. Und rings um mich herum beginnt gleichzeitig eine andere Geschichte. Die Geschichte der Äpfel.
Man spürt die Geschäftigkeit sofort. Rund um Schlanders treffen sich die Obstbauern im Bahnhofscafé, am Abend bei den Wirtinnen im Gasthof Sonne in Kortsch. Ein Thema beschäftigt die Runde quasi das ganze Jahr über: die Ernte. Helfer und Saisonarbeiter müssen eingeteilt, Unterkünfte organisiert, Maschinen vorbereitet werden. Alles muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Denn wenn der Apfel reif ist, wartet er nicht. Dann muss es schnell gehen.
Wenn man hier oben am Berg steht und über den Vinschgau blickt, bekommt man eine Vorstellung von der Dimension. So weit das Auge reicht, ziehen sich Plantagen über Hänge und Talböden. Reihe um Reihe stehen die Bäume, akkurat ausgerichtet. Über den Anlagen sind Netze gespannt. Sie dienen vor allem als Hagelschutz, schützen die Früchte vor Witterung und Sonnenbrand. Feinmaschige Kulturschutznetze halten zudem Schädlinge von den Früchten fern.
So weit das Auge reicht, ziehen sich im Vinschgau Plantagen über Hänge und Talböden.
© Jochen Tack/imago
Die Verwundbarkeit des Systems wird größer
Von oben betrachtet kann diese Landschaft wie ein riesiger grüner Flickenteppich wirken. Doch dieser Teppich ist eine Monokultur. Was von oben wie eine grüne Kulturlandschaft aussieht, ist in Wahrheit eine Matrix aus Millionen Bäumen, Bewässerung, Pflanzenschutz, Ernte, Sortierung, Kühlung, Vermarktung und internationalem Handel.
Seit einiger Zeit werden die kritischen Stimmen lauter. Die Frage lautet nicht mehr nur, wie hoch die Erträge gesteigert werden können. Sie lautet: Wie lange kann dieses System funktionieren?
Mit der intensiven Bewirtschaftung steigt die Abhängigkeit von Bewässerung, Düngung, Pflanzenschutz, Sortenauswahl, Lagerung und Vermarktung. Je stärker die Produktion konzentriert wird, desto größer wird zugleich die Verwundbarkeit.
Der Klimawandel macht diese Frage dringlicher. Höhere Temperaturen, wärmere Nächte, veränderte Niederschläge und neue Schädlingsbedingungen setzen den Obstbau unter Druck. Was gestern noch funktioniert hat, muss morgen möglicherweise mit größerem Aufwand aufrechterhalten werden.
Der Stein kann warten, der Apfel nicht
Während ich hier über Laaser Marmor schreibe, habe ich diesen Gegensatz jeden Tag vor Augen. Das „weiße Gold“ aus dem Vinschgau trägt seine Geschichte seit Jahrmillionen im Berg. Schon in der Antike wurde er für Meilensteine an der Via Claudia Augusta verwendet, aus Findlingen geschlagen.
Marmorverarbeitung in der Laaser Marmorindustrie
© Frank Heuer/picture alliance
Seit dem 19. Jahrhundert findet Laaser Marmor Verwendung im Kirchenbau und in der Bildhauerei, bei Habsburgern und Wittelsbachern. Und dann: Laas–New York. Zwischen 2012 und 2016 lieferte die Lasa Marmo für den neuen U-Bahnhof am Ground Zero, den World Trade Center Transportation Hub, Boden- und Wandplatten, Treppenstufen und weitere Bauteile aus Lasa Bianco Nuvolato®. Vom Findling an der Römerstraße bis zum Ground Zero: ein Stein aus dem Vinschgau, der die Welt erreicht hat.
Die Apfelplantagen dagegen sind das Ergebnis einer Landwirtschaft, die jede Phase ihres Produktionsprozesses kontrollieren möchte. Der eine entsteht in geologischen Zeiträumen. Der andere wird innerhalb weniger Monate produziert. Der eine wird aus dem Berg gebrochen, der andere vom Baum gepflückt. Und doch geht es bei beiden um dasselbe Verhältnis des Menschen zur Natur: Wir nehmen etwas aus ihr heraus und versuchen zugleich, ihren Rhythmus unseren Bedürfnissen anzupassen.
Vielleicht ist genau das die Verbindung zwischen meinem Roman und dieser Landschaft. Der Marmor zwingt uns, in Jahrmillionen zu denken. Der Apfel zwingt uns, in Erntefenstern zu denken. Der Stein kann warten. Der Apfel darf nicht warten. Zwischen diesen beiden Zeitvorstellungen beginnt für mich die eigentliche Geschichte.
Noch immer von Hand gepflückt
Die von den Saisonarbeitern von Hand gepflückten Äpfel kommen in große Transportkisten und werden mit kleinen Traktoren, die gut durch die engen Pflanzreihen kommen, zur Obstgenossenschaft gebracht. Dort türmen sich die Kisten auf den Lagerflächen so hoch, dass sie im Dorf fast die Kirchturmspitze überragen.
Ein Teil der Äpfel gelangt in verarbeitende Betriebe, wo das Rohobst zu Säften, Kompott, Püree oder frisch geschnittenen Produkten für Bäckereien und die Lebensmittelindustrie verarbeitet wird. Andere werden sortiert, vermessen, nach Farbe, Größe und Qualität klassifiziert und anschließend in riesigen Kühlhäusern eingelagert. In Lagerräumen mit kontrollierter Atmosphäre werden der Sauerstoffgehalt abgesenkt und die Luft reguliert. So lassen sich der Stoffwechsel der Früchte verlangsamen und ihre Reifung hinauszögern.
Darin liegt etwas Faszinierendes, aber auch Beunruhigendes. Denn eigentlich müsste jeder Apfel anders sein. Jeder Boden ist anders. Jedes Tal hat sein eigenes Mikroklima. Jede Hanglage bekommt ein anderes Maß an Sonne und Regen. Jeder Baum steht anders. Eigentlich müsste man diese Unterschiede schmecken können. Der Boden müsste im Apfel wiederzufinden sein. Das Klima. Die Hanglage. Vielleicht sogar die Geschichte des Ortes.
Doch der moderne Apfel soll vor allem eines sein: gleich. Gleich groß. Gleich rot. Gleich fest. Gleich lange lagerfähig. Und möglichst gleich im Geschmack.
Sieht so der perfekte Apfel aus?
© ingimage/imago
Warme Nächte erschweren die Ausbildung der Farbe
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte hinter dem perfekten Apfel: Nicht nur seine Herstellung wird industrialisiert. Auch seine Zeit. Der Apfel darf nicht mehr einfach reifen, wann er reif ist. Die Natur wird nicht abgeschafft. Aber sie wird geregelt, verlangsamt, beschleunigt, sortiert, normiert und schließlich verkauft. Von weitem wirkt diese Landschaft idyllisch. Doch wer genauer hinsieht, erkennt eine hoch industrialisierte Agrarlandschaft.
Der Baum soll nicht einfach Früchte tragen. Er soll möglichst gleichmäßig große, schön gefärbte, lagerfähige und makellose Äpfel liefern. Doch der Klimawandel verändert die Bedingungen. Hohe Temperaturen und vor allem warme Nächte erschweren bei Gala die Ausbildung der Farbe. Der Apfel reift weiter, aber die Färbung kommt nicht im gleichen Maß nach.
Das Erntefenster wird kleiner. Mensch und Maschine müssen schneller werden. Was früher ein natürlicher Rhythmus war – Blüte, Wachstum, Reife, Ernte – wird zum präzise getakteten industriellen Vorgang.
Die Produktionsfähigkeit als das Maß aller Dinge
Südtirol ist das Land der Berge, Wälder, Weinberge und Obstgärten. Doch die Obstgärten sind keine natürliche Landschaft. Viele kleine Flächen ergeben zusammen ein riesiges, nahezu geschlossenes Anbaugebiet.
Das Problem liegt deshalb nicht beim einzelnen Bauern, sondern im System. Je größer die Anbaufläche und je stärker die Konzentration auf wenige Sorten, desto größer die Abhängigkeit von einem funktionierenden Pflanzenschutz.
Der Preis der Produktivität ist eine Landwirtschaft, die ständig gegen das kämpft, was in der Natur selbstverständlich ist: Insekten, Pilze, Krankheiten und Konkurrenzpflanzen. Pflanzenschutzmittel wie Mospilan® SG, Exirel® oder Coragen® sollen Schädlinge kontrollieren.
Denn der Apfel ist nicht einfach ein Apfel. Er ist Identität. Wer ihn kritisiert, kritisiert deshalb schnell die Region selbst.
Eine Million Tonnen Äpfel. Jedes Jahr. Ist diese Menge langfristig noch sinnvoll? Überproduktion beginnt nicht erst dort, wo Äpfel vernichtet werden. Sie beginnt dort, wo ein System seine eigene Produktionsfähigkeit zum Maß aller Dinge macht.
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Eine neue Sorte aus den USA
Hinter der Fassade der Beschaulichkeit, hinter den touristischen Gassen, Plätzen, Märkten, Kirchen und Burgen Südtirols, verbirgt sich ein industriell-landwirtschaftlicher Komplex.
Mit einer neuen, noch früher reifenden Apfelsorte versucht man nun, noch vor Gala in die Apfelernte einzusteigen und mit einem neuen Produkt zusätzlichen Profit zu generieren. SweeTango, offiziell Minneiska, wurde in Minnesota, USA, gezüchtet. Die Sorte ist zuckersüß, aber auch leichter verderblich.
Der moderne Apfel soll vor allem eines sein: gleich.
© Südtirolfoto/imago
Vielleicht wird hier eine Ausbeutung des Bodens, der Erde vorangetrieben, die irgendwann einen Kipppunkt erreichen könnte: Aus einem mühsam gewonnenen Acker, der einst sumpfiger Untergrund war und über Jahrtausende kultiviert wurde, könnte eine ausgelaugte und ausgebeutete Landschaft werden, die erst über Generationen wieder rekultiviert werden kann.
Südtirol wird auch künftig Äpfel produzieren. Die Frage ist: wie? Vielleicht mit weniger Intensität und mehr Vielfalt. Mit mehr biologischer Landwirtschaft, Hecken, Blühflächen und ökologischen Ausgleichsräumen. Vielleicht auch mit mehr regionaler Wertschöpfung.
Die Ernte hat gerade begonnen. Gala macht den Anfang. Im November wird Pink Lady den Abschluss bilden. Was kostet es uns?
Andreas Lechner ist Musiker, Autor, Regisseur, Produzent und Schauspieler – ein unermüdlicher Suchender zwischen Kunst und Gesellschaft. Seit 2018 betreibt er in Berlin die Galerie und Brettl-Bar Tor218 Artlab, einen Ort, an dem Lesungen, Ausstellungen und englischsprachige Stand-up-Comedy-Formate auf einer lebendigen Brettlbühne zusammenkommen.
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