Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Seit 2008 führe ich internationale Gäste durch Berlin. In dieser Zeit habe ich erlebt, wie Berlin vom Geheimtipp zur Weltstadt wurde – und wie die Stadt in den vergangenen Jahren einen Teil ihrer Anziehungskraft verloren hat. Die Zahlen geben diesem Eindruck recht. Berlin verzeichnet weiterhin Millionen Besucher, doch die Dynamik früherer Jahre ist verschwunden. Gleichzeitig schneidet die Hauptstadt in Image-Rankings schlechter ab als noch vor ein paar Jahren. Berlin wirkt inzwischen erstaunlich ideenlos für eine Stadt, die einst als kreativste Hauptstadt Europas galt. Das ärgert mich. Nicht nur, weil mein Beruf davon abhängt. Sondern weil ich jeden Tag sehe, wie viel ungenutztes Potenzial diese Stadt besitzt.
Lange Zeit war die Marke Berlin klar. Sie war rau, kreativ, improvisiert und voller überraschender Orte. Das Tacheles, verlassene Fabriken, wilde Clubs und Zwischennutzungen machten Berlin weltweit einzigartig. Die Stadt hat sich seitdem in Teilen selbst weggentrifiziert. Natürlich gibt es sie noch, diese Orte, die internationale Gäste begeistern: den Schwarzenberg Hof in Mitte, den Holzmarkt, den Teufelsberg oder bald wieder den Spreepark. Genau dort spürt man noch das Berlin, das viele Besucher erwarten. Doch Berlin kann nicht dauerhaft von Nostalgie leben. Die Stadt muss sich neu erfinden.
Eine Berlinerin in Sachsen-Anhalt: Ich wollte nur mein Fahrrad holen
Und alle fragen nach dem Führerbunker
Der erste Schritt wäre überraschend einfach: herausfinden, was Gäste eigentlich wollen. Die Antwort bekomme ich täglich auf meinen Touren. Menschen kommen nach Berlin wegen seiner Geschichte. Vor allem wegen des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Teilung. Kaum eine andere Stadt der Welt erzählt die großen Geschichten des 20. Jahrhunderts so eindrucksvoll wie Berlin. Und trotzdem nutzt die Hauptstadt dieses Potenzial nur teilweise.
Warum gibt es in Berlin kein großes, modernes Museum zum Zweiten Weltkrieg von internationalem Rang – vergleichbar mit dem Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig? Warum wird das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst, wo 1945 die deutsche Kapitulation unterzeichnet wurde, touristisch kaum vermarktet? Warum diskutieren wir über den Abriss des letzten erhaltenen Bunkers der Neuen Reichskanzlei, statt dort ein modernes Museum über Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus einzurichten? Der Führerbunker-Parkplatz gehört seit Jahren zu den meistnachgefragten Orten meiner Gäste. Menschen wollen verstehen und lernen. Sie wollen die Narben der Geschichte sehen. Berlin sollte dieses Interesse nicht als Problem begreifen, sondern als Chance.
Dass die Region dieses Interesse oft nicht ausreichend nutzt, zeigt sich auch in Brandenburg. Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen gehört zu den wichtigsten Erinnerungsorten Europas. Dennoch fehlt es seit Jahren an Geld. Ein durch einen Sturm zerstörter Abschnitt des historischen Wachzauns wurde seit Jahren nicht wieder aufgebaut, Teile der Ausstellungen wirken inzwischen veraltet. Viele internationale Besucher kennen Auschwitz oder Dachau. Sachsenhausen und auch Ravensbrück bleiben dagegen häufig unter dem Radar. Dabei könnten Investitionen in diese Orte nicht nur ihre internationale Sichtbarkeit erhöhen, sondern auch hier vor allem Bildung, Erinnerungskultur und Völkerverständigung stärken.
Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen gehört zu den wichtigsten Erinnerungsorten Europas. Doch bei internationalen Gästen bleibt es unter dem Radar.
© Christian Spicker/Imago
Erstaunlich halbherzig
Noch deutlicher wird das Problem am Flughafen Tempelhof. Sir Norman Foster bezeichnete das Gebäude einst als „Mutter aller Flughäfen“. Es ist eines der spektakulärsten Bauwerke Berlins. Trotzdem stehen große Teile des Gebäudes leer. Was könnte dort entstehen? Ausstellungsflächen, Kulturorte, Festivals. Apropos: Warum gibt es auf dem Tempelhofer Feld kein großes internationales Festival, das untrennbar mit Berlin verbunden ist? Budapest hat das Sziget-Festival. Berlin hat zwar das Lollapalooza, aber keine eigene internationale Kulturmarke. Warum nicht ein großes elektronisches Musikfestival, das Berlins Rolle als Welthauptstadt der Clubkultur feiert?
Auch die Geschichte der Teilung wird oft erstaunlich halbherzig präsentiert. Die Bernauer Straße ist wichtig, wirkt aber bis heute teilweise provisorisch. An der Bornholmer Straße erkläre ich Gästen regelmäßig die Ereignisse des 9. November 1989. Doch dann schauen die Besucher auf eine rostige, vermüllte und besprühte Brücke. Am historischen Ort des Mauerfalls müsste ein Denkmal von internationaler Bedeutung stehen. Ähnlich verhält es sich am Checkpoint Charlie. Trotz seiner weltweiten Bekanntheit wird der Platz seit Jahren von Provisorien geprägt. Das bestehende Privatmuseum erhält teilweise verheerende Bewertungen. Dabei könnte hier das weltweit beste Museum zum Kalten Krieg entstehen. Immerhin bewegt sich an der East Side Gallery etwas. Die Verbreiterung der Gehwege und die Verkleinerung der Parkflächen sind längst überfällige Verbesserungen.
In Berlin werden Baustellen zum Dauerzustand: wie hier vor dem Pergamonmuseum.
© Sabine Gudath/Imago
Berlin lebt von Kultur. Umso absurder ist es, dass zentrale Institutionen wie beispielsweise das Pergamonmuseum jahrelang nicht oder nur eingeschränkt zugänglich sind. In Berlin werden Baustellen eben auch mal zum Dauerzustand.
Warum kein Museum über die Goldenen Zwanziger?
Tourismus funktioniert über Geschichten. Hollywood weiß das seit Jahrzehnten. Warum erzählt niemand die Geschichte Otto Weidts so groß, wie Steven Spielberg einst Oskar Schindler bekannt machte? Nach Bridgerton könnte es eine Fernsehserie über das unterhaltsam-komplizierte Vater-Sohn-Verhältnis zwischen dem Soldatenkönig und Friedrich dem Großen geben. Berlin hat unzählige Geschichten, die verfilmt werden könnten. Wer weiß, vielleicht wird eine davon zum nächsten globalen Hit? Allerdings: „Babylon Berlin“ hat die Goldenen Zwanziger unglaublich populär gemacht. Doch wer heute versucht, Besuchern das Berlin der 1920er Jahre zu zeigen, stößt schnell an Grenzen. Warum gibt es kein großes Museum über die Goldenen Zwanziger?
Außerdem könnte die Stadt viel offensiver auf Unesco-Welterbestatus setzen. Gerade die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße wäre ein überzeugender Kandidat. Der Bau ist eines der bedeutendsten Beispiele der neomaurischen Architektur des 19. Jahrhunderts. Die Architektur war Ausdruck eines selbstbewussten deutschen Judentums, das seinen Platz in der Gesellschaft einforderte. Der Wiederaufbau der Kuppel in den Neunzigerjahren war ein starkes Zeichen. Noch stärker wäre die Rekonstruktion des gewaltigen Hauptschiffs und prachtvollen Innenraums. Die Botschaft an die Welt wäre klar: Jüdisches Leben gehört sichtbar und selbstverständlich zur deutschen Gesellschaft.
Graffiti statt Gedenken: die Bornholmer Brücke, die ja eigentlich Bösebrücke heißt.
© Jürgen Ritter/Imago
Auch andere Berliner Orte hätten Unesco-Potenzial. Der Jüdische Friedhof Weißensee zählt zu den größten und bedeutendsten erhaltenen jüdischen Friedhöfen Europas. Tempelhof besitzt architektonisch und historisch gesehen internationale Bedeutung. Langfristig könnte sogar die Geschichte der deutschen Teilung selbst Teil einer transnationalen Welterbe-Bewerbung werden.
Auch historische Stadtbilder ziehen Besucher an. In Berlin dagegen entstehen am Molkenmarkt vielerorts erneut austauschbare Neubauten. Niemand fordert eine vollständige Rekonstruktion. Aber warum nicht wichtige historische Akzentgebäude zurückholen, wie es Potsdam erfolgreich vorgemacht hat? Das Nikolaiviertel bleibt trotz seines Charmes sichtbar ein Produkt der Achtzigerjahre. Und warum wird die Gegend rund um den Hackeschen Markt nicht zur großen Fußgängerzone? Sie ist weitgehend erhalten geblieben, besitzt kaum Durchgangsverkehr und könnte Berlin auf einfache Weise ein Stück Altstadtgefühl zurückgeben.
„Bedingungen wie keine andere Stadt in Europa“: So schafft Berlin die Verkehrswende
Das große Zeugnis für Berlins Radwege: Zehn von zwölf Bezirken fallen durch
Berlin und Potsdam sollten gemeinsam vermarktet werden
Überhaupt sollten Berlin und Potsdam gemeinsam vermarktet werden. Es ist erstaunlich, wie viele internationale Gäste Potsdam noch immer auslassen. Dabei liegt dort ein Teil dessen, was viele Reisende in Deutschland suchen: Schlösser, historische Stadtbilder und alte Geschichte. Und warum nicht noch größer denken? Berlin könnte sich gemeinsam mit Potsdam, Dresden, Lutherstadt Wittenberg, Quedlinburg, Erfurt und Schwerin als Kulturregion vermarkten. Viele internationale Gäste haben Bayern oder das romantische Rheinland vor Augen, wenn sie an Deutschland denken. Dabei liegt direkt vor den Toren Berlins eine der spannendsten Kulturlandschaften Europas.
Berlin braucht aber nicht nur neue Ideen für seine Geschichte, sondern auch mehr Mut für die Gegenwart. Warum entstehen rund um den Hauptbahnhof austauschbare Gebäude, während Städte wie Kopenhagen zeigen, wie spannend, kreativ und lebenswert moderne Architektur sein kann? Auch beim Verkehr droht Berlin den Anschluss zu verlieren. Während Paris und London in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Bahnstrecken eröffnet haben, wird in Berlin oft jahrelang geplant und diskutiert, bevor überhaupt gebaut wird. Noch immer ist unklar, ob die U7 jemals den Flughafen BER erreichen wird. Ähnlich verhält es sich mit dem BER selbst. Berlin ist die Hauptstadt der größten Volkswirtschaft Europas, verfügt aber weiterhin über vergleichsweise wenige Langstreckenverbindungen. Wer internationaler Tourismusmagnet sein will, muss auch international erreichbar sein.
Gleichzeitig sollte die Stadt selbstbewusster auf ihre Stärken setzen. Der Berlin-Marathon gehört zu den bedeutendsten Laufveranstaltungen der Welt. Die Berlinale besitzt internationale Strahlkraft. Berlin hat das Potenzial, sich als Sport- und Kulturmetropole noch stärker zu positionieren. Dazu gehört auch die Austragung der Olympischen Spiele.
Das Problem ist, dass die Stadt ihr eigenes Narrativ verloren hat. „Arm, aber sexy“ funktioniert nicht mehr. Die Love Parade ist Geschichte. Doch die Alternative darf nicht Mittelmäßigkeit sein. Die gute Nachricht lautet: Fast alles ist bereits vorhanden. Berlin muss nur wieder anfangen, groß zu denken.
Matti Geyer ist seit 2008 als Stadtführer in Berlin und Potsdam tätig und bietet deutsch- sowie englischsprachige Touren an. Außerdem arbeitet er als freier Redakteur für 100,6 FluxFM und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte Berlins.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]