Gerichtsprozess

Solar-Betrug: Dresdner Unternehmen soll Kunden um 12 Millionen Euro geprellt haben

Sie boten schlüsselfertige Solaranlagen an und nutzten den Hype um grüne Energie. Wer anzahlte, sah sein Geld nie wieder – aber auch keinen Solarstrom.

Claudia Lord
Claudia Lord
5 Min
Solaranlagen waren nicht nicht nur beliebt bei Endverbrauchern, sondern auch Investoren.

Solaranlagen waren nicht nicht nur beliebt bei Endverbrauchern, sondern auch Investoren.

© imago stock&people

Die Geschäftsführerin und der Prokurist eines Dresdner Photovoltaikunternehmens müssen sich ab heute vor dem Landgericht Dresden verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Betrug in 41 Fällen vor. Kunden sollen erhebliche Anzahlungen für schlüsselfertige Solaranlagen geleistet haben – doch keines der versprochenen Projekte ging demnach ans Netz.

Wegen des Umfangs des Verfahrens rechnet das Gericht mit einem langen Prozess. Bis Ende Januar 2027 sind neben dem Auftakt 30 weitere Verhandlungstermine vorgesehen. Der 65-jährige Angeklagte befindet sich in Untersuchungshaft. Er soll bereits einschlägig vorbestraft sein. Die Geschäftsführerin ist dagegen auf freiem Fuß. Beide bestreiten die Vorwürfe.

So lief der Deal

Das Geschäftsmodell der 2017 gegründeten Dresdner Firma Sense4Energy GmbH richtete sich den Ermittlungen zufolge bundesweit an Kunden und Investoren, die größere Photovoltaikanlagen errichten lassen wollten. Angeboten wurden schlüsselfertige Anlagen zu einem festen Preis. Neben der Montage der Solarmodule wurde auch gleich noch eine erforderliche Dachsanierung und die Verlegung einer Trasse zum Einspeisen des Solarstroms sowie die Anmeldung beim jeweiligen Netzbetreiber mit angeboten.

Es wurden erhebliche Anzahlungen fällig. Die vereinbarten Arbeiten seien anschließend jedoch gar nicht oder nicht vollständig ausgeführt worden. Laut Anklage soll keines der 41 Projekte je einen Anschluss an das Stromnetz bekommen haben.

Die Ermittlungen waren im März 2025 öffentlich geworden, als Polizei und Staatsanwaltschaft eine Wohnung sowie zwei Gewerberäume in Dresden und Radebeul durchsuchten. Dabei wurden Beweismittel und Vermögenswerte, darunter mehrere Firmenfahrzeuge, sichergestellt.

Der Prokurist von Sense4Energy GmbH befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Im Laufe der Ermittlungen weiteten sich die mutmaßlichen Betrugsfälle immer weiter aus. War anfangs von neun Fällen und einem Schaden von rund vier Millionen Euro die Rede, sind jetzt 41 Fälle mit einer Gesamtschadenssumme von mehr als zwölf Millionen Euro bekannt.

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Im Frühjahr 2025 durchsuchte die Polizei eine Wohnung und Geschäftsräume der Dresdner Firma und beschlagnahmte auch Vermögenswerte (Symbolbild)

Im Frühjahr 2025 durchsuchte die Polizei eine Wohnung und Geschäftsräume der Dresdner Firma und beschlagnahmte auch Vermögenswerte (Symbolbild)

© dpa

Eigene Investoren geprellt?

Zum Kundenportfolio der Dresdner Firma gehörten unter anderem namhafte Anbieter von Solar Investments. Neben vielen Firmen und Privatinvestoren hat auch die Solar Direktinvest Gruppe mehrere Projekte bei der betroffenen sense4energy erworben. Zudem hatte die Firma auch vereinzelte Anlagen über die Milk the Sun Plattform verkauft, teilt sie in einer Erklärung mit.

Nach der Verhaftung des Prokuristen meldete die Firma Ende Mai 2025 Insolvenz an, womit „der Solar Direktinvest Gruppe ein Schaden in Höhe von mehreren Millionen Euro entstanden“ sei, schreibt diese in einer Stellungnahme damals.

Mit langjähriger Erfahrung im Photovoltaik-Investment-Bereich konnte die Direktinvest-Gruppe in der früheren Zusammenarbeit zuerst „keinerlei Ungereimtheiten im Zusammenhang mit den Geschäften der sense4energy GmbH feststellen“.

Der Prokurist der sense4energy GmbH gab sich als erfolgreicher Manager und Unternehmensleiter aus, der als Vorstand die Gruner + Jahr-Druckereien, später Bertelsmann, leitete. Auch „die Dokumentationslage der Projekte war äußerst überzeugend“, so der Investor. Die Geschäftsadresse an der teuren Dresdner Königstraße 18 schaffte ebenfalls Vertrauen. 

Und weiter: „Nicht nur verfügte die sense4energy über zahlreiche Projekte mitten in der Umsetzung, sondern auch über große Pipelines an unterschriebenen Pachtverträgen mit Projekten, die sich in der Entwicklung befanden. So wurde beispielsweise an über 100 MW Freiflächen-Projekten gearbeitet, bei denen die Pachtverträge bereits unterschrieben waren. Diese Projekte befanden sich alle auf privilegierten Flächen, sodass eine Baugenehmigung nicht abgelehnt werden konnte. Allein mit dieser Freiflächen-Pipeline ließe sich ein Gewinn für die sense4energy im zweistelligen Millionenbereich erwirtschaften.“

Die meisten Projekte wurden nach der Prüfung als positiv eingestuft und daher anschließend von Investoren erworben und wiederum veräußert. „Konkret heißt das, die Solar Direktinvest haftet für 100 Prozent von dem, was die sense4energy vertraglich zusicherte. Wären hier Unstimmigkeiten hinsichtlich der Projektumsetzbarkeit und Seriosität vorhanden gewesen, wäre die Solar Direktinvest folglich nicht in die Haftung gegangen.“

Die Zweifel kamen spät

„Die DC-seitigen Fertigstellungen der Anlagen liefen in der Regel immer reibungslos, sodass nahezu alle Anlagen auch von Seiten der Module und Wechselrichter vereinbarungsgemäß installiert wurden. Lediglich in Bezug auf die Netzanschlüsse gab es Verzögerungen. Da in der Branche bekannt ist, dass es u.a. wegen Engpässen bei Material länger dauern kann, wurden ebenfalls anfangs keine Schritte unternommen, die Kooperation zu hinterfragen.

Solar Direktinvest erwarb sogar persönlich aus privatem Einkommen ein Photovoltaik-Investment von der sense4energy GmbH. Die Anlage wurde installiert. Auch hier fehlte der Netzanschluss. „Die Schlussabreiten müssen auf eigene Kosten ausgeführt werden“, erklärt die Firma nach der Bekanntgabe des Insolvenzverfahrens.

Die Firma rechnet mit Schadenssummen für Betroffene mit fehlenden Netzanschlüssen von zirka 10 bis 25 Prozent des Investmentvolumens für die Solaranlage– je nach Distanz zum Einspeisepunkt.

Für die betroffenen Kunden geht es im Prozess um die strafrechtliche Aufarbeitung der Vorwürfe. Eventuelle Entschädigungen für entstandene Schäden müssen in einem separaten Verfahren geltend gemacht werden. Ob sie zumindest einen Teil ihres Geldes zurückerhalten können, hängt auch davon ab, welche Vermögenswerte noch vorhanden sind und durchgesetzt werden können.

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