Brandenburg

Nach Messerangriff in Neu Zittau: Kinder weinen um getötete Schülerin und ihren Horterzieher Philipp

Nach der tödlichen Attacke in einer Schule in Neu Zittau trauern Schüler um die beiden Opfer. Die Staatsanwaltschaft beantragt Haftbefehl wegen zweifachen Mordes.

7 Min
Schülerinnen trauern an der Docemus-Privatschule um eine Mitschülerin und einen Erzieher. Sie wurden am Donnerstag bei einem Messerangriff getötet.

Schülerinnen trauern an der Docemus-Privatschule um eine Mitschülerin und einen Erzieher. Sie wurden am Donnerstag bei einem Messerangriff getötet.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

„Philipp, ich mag dich richtig doll deine Kate. Wir vermissen dich so sehr!“, steht auf einem bunt bemalten Blatt Papier, auf dem auch rote Herzen prangen. Zwei Grablichter stehen daneben. Die Botschaft von Kate liegt in einem Meer von Blumen und Kerzen vor dem Zaun der Docemus-Schule in Neu Zittau.

Eine Schülerin der benachbarten Grundschule hat das Bild gezeichnet, sie ist mit ihrem Vater an diesem Freitag zu der Schule gekommen, um zu trauern. Eines der beiden am Vortag auf dem Schulhof getöteten Opfer war ihr Horterzieher.

Der 30‑jährige verheiratete Familienvater war sehr beliebt bei den Schülern. Er soll sich einem 19-Jährigen in den Weg gestellt haben, der mutmaßlich mit einem Messer bewaffnet auf den Hof der Schulen eingedrungen war.

Der junge Mann soll dort eine 18-jährige Schülerin der 12. Klasse des Gymnasiums der Docemus-Privatschule getötet haben – es heißt, sie sei seine ehemalige Freundin gewesen. Und er brachte mutmaßlich auch den Horterzieher um, den die Kinder der Grundschule nur beim Vornamen nannten: Philipp. Zunächst war davon die Rede gewesen, dass es sich bei dem Getöteten um den Hausmeister gehandelt habe.

Es ist eine Tat, die Schüler und Lehrer beider Schulen und auch die Bewohner des 3500-Seelen-Ortes Neu Zittau kurz hinter der Berliner Landesgrenze betroffen macht. Kinder und zahlreiche Jugendliche strömen an diesem Freitagvormittag zu dem Ort, viele in Begleitung ihrer Eltern. Sie legen Blumen nieder, zünden Kerzen an, haben selbstgemalte Bilder und Plüschtiere dabei, liegen sich in den Armen, weinen. Jemand hat ein Bild, offenbar von der getöteten Gymnasiastin, an den Zaun gestellt.

Seine Tochter, die in die dritte Klasse gehe, habe alles aus dem Fenster der Grundschule mitansehen müssen, sagt ein Mann, als er ein Grablicht entzündet. Ein weißes Fahrzeug hält an der Bushaltestelle vor der Schule. Als ihn ein Polizist darauf aufmerksam machen will, dass er hier nicht parken könne, erklärt der Fahrer: „Der Tote, das war unser Neffe.“ Man wolle nur kurz trauern. Das Auto darf stehen bleiben.

Trauer um den beliebten Horterzieher Philipp. Er wurde bei einem Messerangriff auf einem Schulhof in Neu Zittau getötet.

Trauer um den beliebten Horterzieher Philipp. Er wurde bei einem Messerangriff auf einem Schulhof in Neu Zittau getötet.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Am Freitag gegen 13.45 Uhr gingen bei der Polizei verschiedene Notrufe ein. Zunächst war von einem Amoklauf an der Schule, die in wald- und wasserreicher Umgebung liegt, die Rede. Ein Großaufgebot von Polizei und Rettungskräften rückte an, die Straße vor der Schule, eine wichtige Verbindung nach Gosen und Berlin-Köpenick, wurde für den Einsatz voll gesperrt.

Die Retter trafen vor Ort auf die zwei tödlich Verletzten: die 18-jährige Gymnasiastin und den Horterzieher. Der mutmaßliche Täter konnte festgenommen werden. Der 19-Jährige soll nicht Schüler am Docemus-Campus – der Oberschule, Gymnasium und Fachoberschule umfasst – gewesen, sondern vielmehr in Erkner an eine Gesamtschule gegangen sein. Dort, so heißt es, soll der junge Mann schon verhaltensauffällig geworden sein.

Schon am Nachmittag des Tattages sprach die Polizei nicht mehr von einer Amoktat an der Schule, bei der der Täter wahllos um sich gestochen habe, sondern von einer Beziehungstat. Der mutmaßliche Täter wurde zur Polizei nach Fürstenwalde gebracht.

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Ein lebensfroher Mensch, sehr beliebt, sportlich

„Die Spurensicherung war bis kurz nach Mitternacht vor Ort“, sagt der Polizeisprecher Roland Kamenz am Freitag. Danach habe die Feuerwehr alles gereinigt. Bisher seien fünf Hinweise zur Person des Tatverdächtigen und zum Tatgeschehen eingegangen.

Am Nachmittag teilt die Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder) mit, gegen den beschuldigten Deutschen sei Haftbefehl wegen des dringenden Tatverdachts des  zweifachen Mordes aus niedrigen Beweggründen beantragt worden. Der junge Mann, der nicht vorbestraft sei, schweige zu den Vorwürfen.

Ines Matzner wohnt in Neu Zittau, sie hat Rosen mitgebracht. Ihr Sohn sei einst auf die Privatschule gegangen, erzählt sie. Er habe sie am Donnerstag angerufen und von etwas ganz Schlimmem gesprochen, das in der Schule passiert sei. „Furchtbar ist, dass den Kindern und Jugendlichen durch die Tat ein vertrauter Raum kaputtgemacht wurde, der eigentlich Sicherheit bieten sollte“, sagt die 38-Jährige.

Noch immer ist die Einfahrt zur Schule abgesperrt. Dort fand am Freitag kein regulärer Unterricht statt.

Noch immer ist die Einfahrt zur Schule abgesperrt. Dort fand am Freitag kein regulärer Unterricht statt.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Dann erzählt sie, dass ihre jüngste Tochter am Sonnabend eingeschult werde. „Ursprünglich hatten wir vor, sie auch an der Docemus-Schule anzumelden. Jetzt bin ich ganz froh, dass wir es nicht getan haben“, sagt Ines Matzner.

Ein junger Mann in schwarzem Anzug und mit schwarzem Hemd erzählt, dass er an der Grundschule Praktikant und Philipp sein Betreuer gewesen sei. „Er war ein lebensfroher Mensch, sehr beliebt, sportlich“, sagt der 17-Jährige.

Am Tag nach dem tödlichen Messerangriff findet an den Schulen kein regulärer Unterricht statt, das Tor zur Einfahrt ist mit Flatterband abgesperrt. „Wir haben Räume geöffnet, in denen sich unsere Schüler und Kollegen treffen und sprechen können“, sagt Michael Kunz von der Geschäftsführung des Trägers der Docemus-Privatschulen.

Ein Foto, offenbar von der getöteten Gymasiastin, steht am Zaun vor der Schule.

Ein Foto, offenbar von der getöteten Gymasiastin, steht am Zaun vor der Schule.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Mit einem großen Team aus Therapeuten, Psychotherapeuten, Sozialarbeitern, Seelsorgern, Mitarbeitern des schulpsychologischen Dienstes und natürlich den Vertrauenslehrern sei man vor Ort. „Heute ist ein Tag, an dem sich jede Schülerin und jeder Schüler mit Fragen, Ängsten und Sorgen an uns wenden kann“, sagt Kunz. Der Fokus liege in den nächsten Tagen und Wochen darauf, Schüler, Eltern und das Team zu unterstützen und „die akute Situation aufzufangen“.

Kunz erklärt, dass neben den Trauerorten vor und in unmittelbarer Nähe der Schule noch ein Kondolenzbuch ausgelegt werde, in dem Schüler und Lehrer ihre Trauer niederschreiben könnten. Und mit Sicherheit werde es auch eine Art Trauerfeier geben. Natürlich werde man auch die Sicherheitsvorkehrungen noch einmal durchgehen. „Aber das ist eine Schule, das ist kein Hochsicherheitstrakt.“

Als ein Schüler am Zaun ein paar Blumen niederlegt und eine kleine Flasche Sekt danebenstellt, kommt auch Uta Schmiedecke zu der Schule, um ihre Trauer auszudrücken. „Ist das nicht furchtbar, was hier geschehen ist?“, fragt die 66-Jährige, die im Ort ein Grundstück besitzt. Am Donnerstag habe sie einen Rettungswagen nach dem anderen vorbeifahren sehen. „Für mich ist die Tat ein Femizid“, sagt sie.

Ines Matzner aus Neu Zittau wurde von ihrem Sohn angerufen, der ihr von der Gewalttat erzählte.

Ines Matzner aus Neu Zittau wurde von ihrem Sohn angerufen, der ihr von der Gewalttat erzählte.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Schon wenige Stunden nach der Tat drückten auch Politiker ihre Betroffenheit aus. „Ich bin fassungslos. Dieses entsetzliche Verbrechen übersteigt jede Vorstellungskraft. In Gedanken bin ich bei den Angehörigen und wünsche ihnen alle Kraft dieser Welt“, sagte Dietmar Woidke, Brandenburgs SPD-Ministerpräsident.

Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch erklärte: „Die Nachricht aus Gosen-Neu Zittau erschüttert mich zutiefst.“ Eine Schule für Kinder und Jugendliche sei ein Ort des Lernens, der Gemeinschaft und des Vertrauens – ein Ort, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen sollten. „Dass dieser Ort zum Schauplatz einer Gewalttat geworden ist, bestürzt mich sehr.“

Das jährliche Dorffest in Neu Zittau, das in einer Woche auf dem Festplatz stattfinden sollte, werde in diesem Jahr „aus besonderen und traurigen Umständen abgesagt“, teilt der Veranstalter mit.

Am Mittag legt ein Kind eine weitere Zeichnung zu den Blumen am Schulzaun. „Lieber Phillip, Du warst ein toller Horterzieher. Ich vermisse Dich. R.I.P. Dein Janni“, ist darauf zu lesen. Und eine Mutter befestigt ein Blatt mit einem Spruch am Zaun. Er ist dem getöteten Horterzieher gewidmet. Darin heißt es: „Ein Mensch wie er denkt nicht an sich, wenn andere in Gefahr sind. Er handelt. Er schützt. Er ist für seine Schützlinge da – jeden Tag. Als Erzieher war es seine Berufung, als Mensch seine Herzenswahl, als Held sein letzter Weg.“

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