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Mit welcher Erzählung man neurechten und autoritären Kräften begegnen sollte

Eine humanistische Antwort auf Krieg, Klimakrise, soziale Unsicherheit und den Vormarsch zerstörerischer Kräfte.

Dieter Klein
8 Min
Menschlichkeit ist der Geist, der Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit in Frieden zwischen den Völkern und mit der Natur verbindet, so der Autor.

Menschlichkeit ist der Geist, der Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit in Frieden zwischen den Völkern und mit der Natur verbindet, so der Autor.

© unsplash

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Zu allen Zeiten gehörten Erzählungen zum Leben der Menschen. Die Mächtigen brauchten sie zur Legitimation ihrer Herrschaft, die Beherrschten als Lebensanker und Trost oder auch zur Ermutigung in ihren Kämpfen um ein besseres Leben.

Wir leben in einer Epoche großer Umbrüche. Das Wirtschaftswachstum mündet in Umwelt-, Klima- und Biodiversitätskrisen. Kriege werden häufiger, länger und verlustreicher. Das Morden auf den Schlachtfeldern wird hochtechnologisch verwissenschaftlicht. Soziale Demokratien werden von Autokratien mit Faschisierungstendenzen abgelöst. Der Hunger von Hunderten Millionen im Globalen Süden dauert an.

Gegensätzliche Narrative werden zwangsläufig zu einem gravierenden Teil der Kämpfe in unserer Epoche. Aber sind die Kräfte des Humanismus darauf eingestellt?

Der Einfluss der Tech-Oligarchen

Die Herrschenden haben das verstanden. Die Erzählung „Make America Great Again. MAGA!“ der Trumpisten in den USA ist kein Zufall. Sie reagieren auf die Mehrfachkrise der kapitalistischen Welt und auf den Abstieg der USA im Verhältnis zu China mit der Beschwörung einer angeblich einst großartigen amerikanischen Gesellschaft, die durch liberale, linke, kommunistische Kräfte verraten worden und nun in neuem Glanz von der Neuen Rechten wieder zu errichten sei.

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Wladimir Putin träumt vom Großreich der Heiligen Rus und sieht die Behauptung Russlands als Großmacht durch die Nato in Gefahr.

Kanzler Friedrich Merz erstrebt abermals eine militärische, politische und ökonomische Führung Deutschlands in Europa. Zweimal hat ein solcher Anspruch zu Weltkatastrophen geführt.

Wladimir Putin und der Traum vom Großreich der Heiligen Rus

Wladimir Putin und der Traum vom Großreich der Heiligen Rus

© Imago

Den Tech-Oligarchen in den USA reicht Präsident Trumps MAGA-Erzählung noch nicht aus. So beklagt Alexander Karp, Chef des Rüstungs- und KI-Konzerns Palantir, in seinem New-York-Times-Bestseller „The Technological Republic“ das „mangelnde Interesse an geteilten Narrativen, an einer gemeinsamen Mythologie“. „Wir brauchen mehr ‚Gemeinschaftsbücher‘, mehr ‚Gemeinschaftserzählungen‘, nicht weniger.“

Im Mittelpunkt eines bis in das folgende Jahrhundert reichenden Narrativs müsse eine Tech-Republik stehen, die sich einer neuen „Ära der Abschreckung, aufgebaut auf künstlicher Intelligenz“, stellt und eine „glaubwürdige Kriegsdrohung“ schafft. Das gelinge „allerdings nur, wenn die Führungsfiguren ihre Gesellschaften so steuern können, dass sie für den Kampf bereit sind“. Deshalb greifen die Tech-Oligarchen in den USA direkt nach der Staatsmacht, deshalb werden in Deutschland Kriegsbereitschaft und Kriegsfähigkeit geschürt.

Die Menschheit im Vernichtungskrieg gegen sich selbst

Alle humanistischen Kräfte einschließlich der pluralen Linken sind aufs Äußerste herausgefordert, den konservativen, neurechten und autoritären Kräften eine eigene humanistische und emanzipatorische Erzählung entgegenzusetzen.

Was ist das ungeheuerlich Neue in der gegenwärtigen Situation der Menschheit?

Die Menschheit befindet sich mitten in einem Vernichtungskrieg gegen sich selbst. Sie ist fähig geworden, sich selbst zu großen Teilen auszulöschen. Sie zerstört die Naturgrundlagen ihrer Existenz. Feuerstürme wie nie zuvor, Niedrigwasser in den Flüssen, Zehntausende Hitzetote selbst in den bisher gemäßigten Klimazonen sind das Menetekel der kommenden Zeiten. Die Umweltzerstörung steht in Wechselwirkung mit dem zweiten Weg in die Selbstvernichtung, mit der neuen Konjunktur von Kriegen. Zurückgekehrt ist der große Krieg nach Europa. Er ist Schauplatz für den Übergang von Panzerschlachten zum digitalen und KI-gestützten Schlachten, der Einsatz von Atomwaffen ist nicht ausgeschlossen. Ausgeschlossen aber die Menschlichkeit – wie der mit unverhältnismäßiger Grausamkeit geführte Gazakrieg der israelischen Armee gegen die Palästinenser als Antwort auf den Terrorakt der Hamas vom Oktober 2023 demonstriert.

Als der große Ausweg aus den Krisen der westlichen Welt galt bisher stets das Wachstum. Zu der dramatisch neuen Lage gehört, dass diese – schon bisher umweltzerstörende – Lösung selbst zur Zerstörungsmaschine, zur Un-Lösung, geworden ist. In der mit Feindbilddenken aufgeladenen Atmosphäre soll es nach dem Willen der dem Militärindustriekomplex zugeneigten Fraktion der Machteliten gleichwohl nochmals mobilisiert werden, nunmehr getragen von einer großen schuldenfinanzierten Hochrüstungswelle.

Der Sozialstaat wird mit „Reformpaketen“ zulasten der ohnehin sozial Schwächeren ausgedünnt. Statt durch soziale Reformen sehen einflussreiche Teile des Establishments in vielen Ländern ihre Macht eher durch autoritäre Herrschaftsformen gesichert. Autoritarismus und Tendenzen der Faschisierung gehören zu dem bedrohlich Neuen der gegenwärtigen Gefahrenlage.

Das Horrorszenario ...

Das Horrorszenario ...

© imago

Es braucht eine aufrüttelnde Diagnose

„Nichts ist gewesen.“ Auf diese Aussage hat Günter Anders gebracht, was im schlimmsten Fall das unfassbare Resultat eines Atomkrieges wäre. Denn niemand wäre mehr da, der über Vergangenes berichten könnte: „Nichts, das nicht vergeblich gewesen wäre: kein Volk, keinen Menschen, keine Sprache, keinen Gedanken, keine Liebe, keinen Kampf, keinen Schmerz, keine Hoffnung, keinen Trost, kein Opfer, kein Bild, kein Lied, kurz: nichts … denn worin sollte sich denn, was nur gewesen ist, vom niemals Gewesenen unterscheiden, wenn es niemanden gibt, der des Gewesenen gedächte?“ Hat dieses Nichts nicht schon längst begonnen, für Millionen im Krieg ausgerottete Familien, für Klimaflüchtlinge ohne Heimat, für Zehntausende Ertrunkene auf der Flucht?

Am Beginn einer zeitgemäßen Erzählung der pluralen Linken muss die aufrüttelnde Diagnose dieser Gefahr stehen. Noch sind Auswege möglich, aber nur bei handlungsorientierender Einsicht in die kaum fassbare Größe und Nähe der drohenden Katastrophen.

Was ist die zentrale Idee einer zeitgemäßen emanzipatorischen Erzählung?

Die Zerstörung unserer natürlichen Lebensbedingungen, Kriege, Hunger in der Welt, soziale Entsicherung, zunehmende Gewalt im Alltag, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung „anderer“, Medienherrschaft über das öffentliche Bewusstsein, psychologische Kriegsführung und Männlichkeitskult sind durchweg Erscheinungen der Entmenschlichung.

Hungernde Kinder in Rafah (Gaza)

Hungernde Kinder in Rafah (Gaza)

© Abed Rahim Khatib/dpa

Dagegen drängt sich als zentrale Idee einer humanistischen emanzipatorischen großen Erzählung MENSCHLICHKEIT auf. Menschlichkeit ist der Geist, der Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit in Frieden zwischen den Völkern und mit der Natur verbindet. Sie tritt nicht an die Stelle dieser Ziele und Werte, sie ist ihr Gemeinsames. Sie ist auf dem Weg zu einer solidarischen oder sozialistischen Gesellschaft das unhintergehbare Maß in allen kleinen und großen Fragen des Lebens.

Das Menschenrecht auf bezahlbares Wohnen

Menschlichkeit bedeutet, für jede und jeden Einzelnen sozialen gleichen Zugang zu den Grundbedingungen ihrer Persönlichkeitsentfaltung zu sichern, Teilhabe an menschenwürdigem Wohnen, Gesundheitsleistungen, Pflege, Bildung, Kultur, Mobilität, Information, Wasser- und Stromversorgung. Große Investitionen in die Infrastrukturen dafür, in den Sektor der Sorge für die Menschen auf gemeinwirtschaftlichen Grundlagen, wären die zeitgemäße Konsequenz.

Menschlichkeit ist in den großen Menschheitsfragen das entscheidende Maß für die Rückkehr zu einer den gegenwärtigen Bedingungen gemäßen Politik der Gemeinsamen Sicherheit, für Solidarität beim Übergang zu nachhaltiger Umweltpolitik, für die Anstrengungen zur Durchsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN.

Menschlichkeit als die Mitte einer zeitgemäßen großen Erzählung löst bei manchen Linken die Befürchtung aus, dass mit der Betonung des Allgemeinmenschlichen die Klassenverhältnisse aus dem Auge geraten und das eigene sozialistische Profil verloren gehen könnte, das Insistieren auf Gleichheit insbesondere. Die Betonung des Humanum seitens der Linken stärkt ihre Anschlussfähigkeit zu anderen humanistischen Kräften der Gesellschaft. Aber linken Parteien fällt es zugleich zu, in die Kämpfe um Menschenwürde und Menschenrechte Forderungen und praktische Schritte zur Veränderung der Eigentums- und Machtverhältnisse einzubringen. Bezahlbares Wohnen beispielsweise gehört zu den Menschenrechten. Gerade deshalb wird daran festzuhalten sein, den Volksentscheid in Berlin zur Enteignung großer Wohnungskonzerne durchzusetzen.

Die Bürgerinitiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ demonstriert vor dem Roten Rathaus in Berlin. Sie verlangt, den Volksentscheid vom September 2021 umzusetzen.

Die Bürgerinitiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ demonstriert vor dem Roten Rathaus in Berlin. Sie verlangt, den Volksentscheid vom September 2021 umzusetzen.

© Christoph Soeder/dpa

Die Kunst realistischer Politik

Wie könnte eine künftige solidarische Gesellschaft ihre Wirtschaft und sich selbst lenken? Ein Dreieck der Regulation bietet sich an: das Zusammenwirken von gesamtgesellschaftlicher Planung und Lenkung, eines in diesem Rahmen gebändigten Marktes und eines entschieden gestärkten Einflusses demokratischer Akteure auf allen Ebenen, vom Betrieb und von Kommunen bis zu zentralen Leitungsgremien.

Wie könnte es dazu kommen? Da doch Reformen bewundernswerte zivilisatorische Fortschritte bewirkt haben, aber vor den globalen Großgefahren versagen. Da doch Revolutionen auf die Tiefe notwendigen Wandels verwiesen, aber Hoffnungen in der Regel nicht erfüllten und unterdrückt wurden.

Die Kunst realistischer Politik wäre, die Defizite beider Wege zu überwinden und ihre Stärken zusammenzuführen. Eine doppelte Transformation, die Verschränkung von systeminterner Transformation und systemüberschreitenden Brüchen, könnte der Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft sein. Ein Einstiegsprojekt schon in eine Große Transformation noch im Rahmen des Kapitalismus könnte beispielsweise der entschiedene Ausbau eines großen Non-Profit-Sektors der Care-Arbeit mit seinen materiellen und sozialen Infrastrukturen sein.

Aber wie könnten die potenziellen Träger emanzipatorischer Prozesse aus der Defensive in die Offensive kommen? Erst erzwungen durch noch viel größere Katastrophen? Das ist nicht auszuschließen, birgt aber die Gefahr, dass rechtsextreme Kräfte dies für einen autoritären Umsturz mit faschistischen Tendenzen nutzen. Solcher Situation also JETZT begegnen! Die vielen Projekte der Bürgerinnen und Bürger von unten zur Verbesserung ihres Lebens in breiten Bündnissen vereinen. Verbindende gemeinsame Erzählungen dafür in öffentlichen Diskussionen wirksam machen. Ansätze des Morgen im Heute entdecken und stärken. Auf das Humanum in uns Menschen setzen!

Dieter Klein, geboren 1931, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1961 promovierte er und habilitierte sich 1964. Anschließend war er Direktor des Instituts für Politische Ökonomie und später Prorektor für Gesellschaftswissenschaften der HU. Klein war am Aufbau einer multidisziplinären Friedensforschung beteiligt und arbeitete im reformkritischen Projekt „Moderner Sozialismus“ mit. Daraus hervorgehend übernahm er das Programmreferat auf dem Gründungsparteitag der PDS. Von 1990 bis 1997 hatte er den Lehrstuhl für Ökonomische Grundlagen der Politik inne. Er war Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung und ist Mitglied des Willy-Brandt-Kreises.

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