Unter den Arkaden der Piazza Maggiore in Bologna steht eine Frau mit einer Gitarre. Es regnet. Ihr einziger Zuhörer ist ein Hund.
Sechs Jahre später steht dieselbe Frau auf derselben Piazza – auf der großen Bühne zum 1. Mai, ausgesucht vom Cantautore Eugenio Finardi, vor ein paar tausend Menschen.
Dazwischen liegt die Geschichte von Maria Devigili, 2009 arbeitslos aus freien Stücken, heute Berufsmusikerin in den USA. Dem Trentiner Onlineportal il Dolomiti hat sie sie jetzt erzählt.
Der Morgen, an dem sie nicht ins Büro ging
Devigili hatte in Trient Philosophie studiert und seit ihrem 20. Lebensjahr gejobbt, um Miete und Uni zu bezahlen, zuletzt nach eigener Darstellung in einer Marketingfirma. Die Verträge wurden kürzer, die Bezahlung schlechter.
Also ging sie eines Morgens mit der Gitarre unter die Arkaden statt an den Schreibtisch. Nach zwei Stunden hatte sie so viel verdient wie sonst an einem halben Arbeitstag.
Das war die ganze Rechnung. Sie kündigte, brach die Uni ab und fuhr fortan mit dem Zug durch Italien, Gitarre auf dem Rücken, ohne Techniker, ohne Bandbus.
Auf der Straße lerne man das Handwerk, sagt sie. Es regnet, es schneit, manchmal lassen Touristen 50 Euro im Koffer liegen. Und manchmal kommt Lucio Dalla vorbei.
Lucio Dalla und die Münze im Gitarrenkoffer
Dalla war damals der bekannteste lebende Musiker Bolognas, Urheber von „Caruso“, das Luciano Pavarotti um die Welt trug. Er habe sich vor ihr verbeugt, um ihr eine Münze in den Koffer zu legen, erzählt Devigili.
Nachprüfen lässt sich das nicht, es ist Selbstauskunft. Aber es passt in die Topografie: Dallas Haus stand in der Via D'Azeglio 15, wenige Gehminuten von der Piazza Maggiore. Und das Zeitfenster ist schmal – sie fing 2009 an, Dalla starb am 1. März 2012 in einem Hotel in Montreux.
„Da bist du ja gut geraten“
Die zweite Begegnung fand am Bahnhof von Bologna statt, ebenfalls 2009. Devigili kam von einem Straßenauftritt zurück, erkannte den Liedermacher Claudio Lolli und sagte ihm, sie sei mit seinen Songs groß geworden. Lolli antwortete: „Da bist du ja gut geraten.“
Daraus wurde eine Zusammenarbeit. 2014 bat sie ihn, Eugenio Montales Gedicht „Non chiederci la parola“ als Intro zu einem ihrer Stücke zu sprechen. Lolli erzählte ihr später, ausgerechnet diese Anfrage habe ihn zu seinem Song „Non chiedere“ gebracht.
Der steht auf „Il grande freddo“, Lollis letztem Album von 2017. Es war über Crowdfunding finanziert und gewann die Targa Tenco, den wichtigsten Preis für italienische Liedermacher – nach 45 Jahren Karriere. Ein Jahr später starb Lolli.
Zurück auf die Piazza Maggiore
2015 gewann Devigili den Bologneser Wettbewerb Palco Aperto, dessen künstlerischer Leiter Finardi war. Der Hauptpreis: ein Auftritt beim Konzert zum 1. Mai auf der Piazza Maggiore. Auf dem Platz also, unter dessen Arkaden sie sieben Jahre zuvor zum ersten Mal für Kleingeld gespielt hatte.
Im selben Jahr setzte das Fanzine Rockit sie auf ihre Liste der zehn spannendsten italienischen Cantautrici. 2022 zeigte Rai 2 sie in „Dalla strada al palco“, einer Show über Straßenkünstler mit Moderator Nek. Angefragt wurde sie über Instagram – wegen eines Videos von einem Straßenauftritt.
Heidegger gegen Instagram
Ausgerechnet Instagram ist heute ihr Thema. Am 4. September erscheint bei Riff Records die Single „Comunicare“, Vorbote eines Albums für 2027. Es geht um den Zwang, ständig zu senden, auch wenn nichts zu sagen ist.
Devigili verweist dabei auf Martin Heidegger, der dafür einen eigenen Begriff hatte: das Gerede. Im Italienischen steht dort „chiacchiera“, auf Deutsch Geschwätz.
Ihre Beobachtung über den Betrieb: Likes entscheiden, wer produziert wird und wer im Club auftreten darf. Die Pause zwischen zwei Alben sei verschwunden, alles sei Füllmaterial geworden.
Ihre Konsequenz ist unbequem für jemanden, der Publikum braucht: weniger posten. Stille sei eine Freiheit, sagt sie, und ein Musiker brauche sie wie ein Maler die leere Leinwand.
Warum sie in den USA geblieben ist
2020 strandete Devigili wegen der Pandemie monatelang in Las Vegas, wo ihr Partner lebt. Aus dem unfreiwilligen Aufenthalt wurde ein Umzug.
In den USA gebe es mehr Respekt vor Musikern, sagt sie, und mehr Trinkgeld. Nach Konzerten kämen Leute auf sie zu, manche mit Angeboten für weitere Auftritte. In Italien hätten Zuschauer ihr eher hinterher eine Nachricht geschickt, statt zwei Meter zu gehen und sie anzusprechen.
Derselbe Reflex, gegen den ihre neue Single anspielt: lieber tippen als reden.
Der Hund unter den Arkaden hat übrigens nie geklatscht. Weitergespielt hat sie trotzdem.
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