Samuel Koch dirigiert seinen Rollstuhl mit geübter Hand durch den Kronsaal im Schloss Albrechtsberg in Dresden. Ein kleiner schwarzer Knopf, der für den 38-Jährigen ein Stück Selbstständigkeit bedeutet – zumindest bis zur nächsten Treppenstufe. Samuel Koch ist an diesem letzten Sonntag im August nach Dresden gekommen, weil ihn der Presseclub mit dem Erich-Kästner-Preis 2026 ehren möchte.
Mit ihm in der ersten Reihe sitzt seine Mutter Marion. Eine Frau, die vier Kinder großgezogen hat. Alle waren Leistungssportler, alle haben das Turnen und die Akrobatik geliebt. Der Sport habe zum Alltag gehört, mit all seinen Risiken. „Die haben wir aber nicht bewusst wahrgenommen“, sagt Marion Koch.
Das änderte sich am 4. Dezember 2010. Samuel Koch hatte sich beim ZDF mit einer Wette beworben. Er wollte in der Show bei Thomas Gottschalk nacheinander über fünf Autos springen, die auf ihn zufuhren. Er trug dabei Sprungstelzen und die Autos wurden bei jedem Stunt größer und länger. Für den trainierten jungen Mann, der damals gerade mit seinem Schauspielstudium begonnen hatte, kein Problem. Alles klappte, auch in der Generalprobe.
Doch in der Livesendung passierte das Unglück, und die halbe Fernsehnation wurde Zeuge. Ausgerechnet bei dem Auto, das Samuels Vater steuerte, scheiterte der Sprung. Samuel landete neben dem Wagen und blieb regungslos liegen. Seine Mutter war mit im Studio, sie eilte auf die Bühne, während die „Wetten, dass..?“-Sendung unterbrochen wurde. Später entschied sich das ZDF, die Samstagabendshow zu beenden. Da war Samuel schon auf dem Weg ins Krankenhaus.
Rettung derer, die sich selbst nicht retten können
Er hat sich mehrere Halswirbel verletzt und seine Nervenbahnen massiv geschädigt, ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt. Ein Wirbel musste ihm komplett entfernt werden. Medizinisch wird dieses Krankheitsbild als Tetraplegie oder zervikale Querschnittlähmung bezeichnet. Behandelt wurde Samuel Koch zunächst im Universitätsklinikum Düsseldorf, wo er eine Woche auf der Intensivstation verbrachte und zweimal an der Halswirbelsäule operiert wurde – mit dem Ziel, seine Nerven zu entlasten.
Das grelle Licht der Zimmerbeleuchtung war eine der ersten Erinnerungen, als er wieder zu sich kam. Die Scheiben waren abgedunkelt. Zum Schutz der Privatsphäre, wie die Klinikleitung erklärte. Und Samuel Koch begann den neuen Teil seines Lebens auch mit einem neuen Namen. Simon Schmitz stand auf seiner Krankenakte. Ein Pseudonym, das ihn vor übergriffigen Reportern schützen sollte. Ein Jahr dauerte der Weg zurück in einen neuen Alltag. Nach dem Klinikaufenthalt kam die Rehabilitation im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, das im schweizerischen Kanton Luzern liegt.
Marion Koch erinnert sich an die Zeit. Darüber reden mag man aber in der Familie Koch nicht mehr so oft. Man schaue lieber nach vorn, so die Mutter, die OP-Schwester ist. Nach vorn in eine Zeit mit vielen Herausforderungen, aber auch vielen Möglichkeiten. Sie hat nach dem Unfall von Samuel ein Paar in der Ukraine kennengelernt. Die Frau sitzt seit einem Unfall, bei dem ihr Mann am Steuer saß, im Rollstuhl. „Mein Mann hat eine ganz besondere Beziehung zu der Familie“, sagt Marion Koch.
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Als der Ukraine-Krieg im Februar 2022 begann, dauerte es exakt zwei Tage, bis sie mit dem behindertengerecht umgebauten Auto von Samuel in die Ukraine fuhr, um dort zu helfen. Sie rettete die, die sich selbst nicht retten konnten. Die nicht in U-Bahn-Schächte und Luftschutzkeller klettern konnten, die in Hochhäusern festsaßen, ohne Strom, ohne Aufzug, ohne Wasser. Mittlerweile, sagt der Sohn, habe seine Mutter über 100 Menschen aus der Ukraine herausgeholt und begleite sie nun hier durch den Alltag in Deutschland.
Die Schicksale dahinter sind schwer zu ertragen. Es geht um alleinerziehende Mütter, um mehrfachbehinderte und autistische Menschen, die schon ohne Krieg ein Leben am Rand der Gesellschaft führen und die auch hierzulande nicht gerne bei den Landratsämtern gesehen sind, wie Samuel Koch erklärt. Der Betreuungsaufwand ist hoch.
Eine blinde Frau floh hochschwanger, ihr Mann hat eine Gehbehinderung. Sarkastisch betrachtet wäre das der perfekte Stoff für einen Comedy-Beitrag, so Koch. Die Tochter, die kurz nach Kriegsausbruch in ihrer neuen Heimat geboren wurde, trägt den zweiten Vornamen Marion, denn die OP-Schwester war bei der Geburt mit dabei. Finanziert werden die Hilfsmaßnahmen unter anderem von dem Verein Samuel Koch und Freunde e.V., bei dem Marion Koch eine zentrale Rolle spielt. Gemeinsam mit ihrem Sohn Samuel vertritt sie die Werte des Vereins, wie gelebte Inklusion, Barrierefreiheit und gegenseitige Unterstützung in Notlagen.
Wenn Marion Koch von ihren Reisen in die Ukraine erzählt, wird sie grundsätzlich. „Sie haben mein Leben verändert“, sagt sie und ergänzt: „Ich dachte, ich würde ein Land im Krieg sehen, stattdessen traf ich auf Menschen, die mir Hoffnung gezeigt haben.“ Der Verein hilft aber nicht nur Menschen mit Handicap in der Ukraine, er unterstützt auch pflegende Angehörige in Deutschland.
Samuel Koch bei der 27. Verleihung des Erich-Kästner-Preises durch den Presseclub Dresden im Schloss Albrechtsberg.
© Matthias Wehnert/imago
Raus aus der Komfortzone
„Egal, wie sehr Sie Ihren Angehörigen lieben, um den Sie sich kümmern. Irgendwann kommt jeder ans Limit und braucht eine Auszeit“, sagt Samuel Koch. Genau solche Angebote werden durch den Verein geschaffen, der sich über 5000 Euro Preisgeld freuen kann. Das ist die Hälfte der Gesamtdotierung des Erich-Kästner-Preises. Die anderen 5000 Euro gehen an den Farbwerk e.V. in Dresden. Der Verein fördert die künstlerische Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderung.
Samuel Koch erzählt gerne von seinem Vater, der auch eine schlechte Note in der Schule belohnte. „Ich werde geliebt, weil ich bin. Mehr muss ich dazu gar nicht leisten“, so die Botschaft. Von seiner Mutter Marion habe er die fehlende Scheu vor dem Unbequemen. Unbequem ist manchmal auch das Helfen, wenn man raus muss aus der Komfortzone, hinein in ein Hospiz, an das Bett eines Menschen, der nicht weiß, ob er den nächsten Morgen noch erleben wird.
Aber helfen macht glücklich. Davon ist Samuel Koch überzeugt, und ganz offensichtlich auch seine Mutter.
Der Preisträger erzählt eine kleine Anekdote. 2025 reiste er mit seiner Frau für ein paar Tage nach Italien. Er nutzte ein Wasserdreirad, um ins Meer zu kommen. Ein ästhetisches Meisterwerk mit luftgefüllten Reifen, aber leider eingeschränkter Funktionalität. Kaum im Wasser, kenterte Samuel Koch. Ihm eilte ein Tourist zu Hilfe und brachte ihn zurück an den Strand. Koch bedankte sich bei seinem Lebensretter und bekam zur Antwort: „No problem. I’m happy when I can help.“
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„Ich bin glücklich, wenn ich helfen kann.“ Samuel Koch und seine Mutter sagen das nicht nur, sie handeln danach und wünschen sich, dass mehr Menschen ihrem Beispiel folgen. Menschen einer Generation, die, was die technischen Möglichkeiten angehe, die privilegierteste sei, die je auf dem Planeten gelebt habe. Eine Generation, die mehr Möglichkeiten habe denn je, Gutes zu tun. Aber nutzt sie diese auch ausreichend?
In einer Demokratie gehe es nicht nur um Rechte, sondern auch um Pflichten. Und manchmal, sagt Samuel Koch, gehe es noch um etwas Drittes: auf sein Recht zu verzichten. Auch wenn es schwerfällt. Das nenne man dann Liebe.
Zum Schluss gibt es noch ein Geständnis von Samuel Koch. Er mag keinen Applaus. Dabei bekommt er den reichlich und verbeugt sich dann immer leicht nach vorn. „So gut es eben geht“, sagt er und lacht. Sein Ansinnen: Den Applaus sollen die bekommen, die hinter ihm stehen, die ihm und vielen anderen ihr Leben erst ermöglichen. Seine Mutter ist eine davon.
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