Symbolpolitik

Alkoholverbot an Bahnhöfen: Symbolpolitik ohne Nutzen

Ab 1. September gilt am Berliner Hauptbahnhof ein Alkoholverbot. Welches Problem wird damit noch mal gelöst? Richtig, keines! Ein Kommentar.

3 Min
Das wird sicherlich niemanden abhalten, der ernsthaft einen Rausch ansteuert.

Das wird sicherlich niemanden abhalten, der ernsthaft einen Rausch ansteuert.

© Oliver Berg/dpa

Am 17. Juli, irgendwo zwischen zwei Stationen nahe Karlsruhe, kontrollierte ein 26-jähriger Sicherheitsbeamter der Bahn die Fahrten in einem Regionalexpress.

Der Zug fährt mit rund 120 Stundenkilometern durch die Nacht, als ein 36-Jähriger, mutmaßlich alkoholisiert, den Kontrolleur schlägt und tritt – bis der Mann aus dem fahrenden Zug stürzt. Der Mann wird lebensgefährlich verletzt. Menschen sind zu Recht erschüttert, die Republik mal wieder entsetzt. Und die Deutsche Bahn beeilt sich mit einer vermeintlichen Konsequenz: Ab dem 1. September kein Bier mehr auf dem Bahnsteig.

Weniger Müll, weniger Konflikte

Man muss die Intention nicht gleich schlechtreden, nur weil es die Deutsche Bahn ist, die ja sonst selten mit Handlungsgeschwindigkeit überrascht. Alkohol und Gewalt hängen tatsächlich zusammen, das ist bekanntlich keine Erfindung des maroden Staatsunternehmens.

Und die Erfahrungen am Hamburger Hauptbahnhof, wo das Verbot seit 2024 gilt, klingen zunächst ermutigend: weniger Müll, weniger Konflikte, ein besseres Sicherheitsgefühl. Das ist nicht nichts.

Aber es ist auch nicht viel. Denn wer wirklich trinken, sich besaufen will, tut es so oder so. Das Mitführen von Alkohol in verschlossenen Flaschen bleibt ausdrücklich erlaubt. Im Fernzug darf weiter gezecht werden – die Bahn verkauft im Bordbistro selbst Bier und Wein, und mitgebrachten Alkohol duldet sie an Bord ohnehin, solange er „in angemessenem Rahmen“ konsumiert wird. Was das bedeutet, bleibt offen. Wer also am Berliner Hauptbahnhof nicht mehr auf den ICE anstoßen darf, öffnet seine Flasche schlicht 20 Minuten später im Abteil. Das Problem ist nicht weg, es hat nur den Ort gewechselt.

Hinzu kommt die Frage der Durchsetzung. Die DB Sicherheit soll kontrollieren – aber eine flächendeckende Überwachung jedes Bahnsteigs zu jeder Zeit ist laut Bahn selbst nicht geplant. Konsequente Kontrollen seien ohne massiv mehr Personal schlicht nicht möglich, warnen Gewerkschafter. Dieses Personal ist nicht in Sicht. Man setzt stattdessen auf „Abschreckung“ und „Sensibilisierung“. Das klingt nach Hoffnung, nicht nach Konzept. Mit anderen Worten: Wird nicht klappen.

Und noch etwas fällt in diesem Zusammenhang auf: Berlin wählt am 20. September ein neues Abgeordnetenhaus. Es wäre naiv, den Zeitpunkt dieser Maßnahme für einen Zufall zu halten. Ein Alkoholverbot ist leicht zu verkünden, leicht zu bejubeln und schwer zu widerlegen – denn wer wirft sich schon in die Brust für das Recht auf das Bahnsteigbier? Berlin hat dabei ganz andere Baustellen: marode Infrastruktur, chronisch verspätete Züge, überlastete Bahnhöfe. Das sind die Probleme, die Pendlerinnen und Pendler täglich erleben. Mit Verbotsschildern lassen sie sich nicht lösen.

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Zurück nach Karlsruhe. Der Mann, der einen Bahnangestellten aus einem fahrenden Zug getreten hat, hätte sich von einem Verbotsschild auf dem Bahnsteig nicht aufhalten lassen. Wer Symptome bekämpft statt ihrer Ursachen, schafft nicht automatisch mehr Sicherheit.

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