Wissenschaft

Neue Dinosaurier tauchen in Afrika auf – Forscher sehen erst die „Spitze des Eisbergs“

Zwischen Nilpferden, Krokodilen und Löwen barg ein Forschungsteam in Simbabwe die Knochen einer unbekannten Art. Der Fund stellt alte Annahmen über die Urzeit Afrikas infrage.

5 Min
Künstlerische Rekonstruktion von Musango matusadonaensis. Der etwa 4,5 Meter lange Dinosaurier lebte vor rund 210 Millionen Jahren im heutigen Simbabwe.

Künstlerische Rekonstruktion von Musango matusadonaensis. Der etwa 4,5 Meter lange Dinosaurier lebte vor rund 210 Millionen Jahren im heutigen Simbabwe.

© Illustration: Mark Witton

Im Wasser leben Tausende Nilkrokodile und Nilpferde, an den Ufern streifen Elefanten und Löwen umher. Doch die gefährlichen Bewohner des Kariba-Sees hielten ein internationales Forschungsteam nicht davon ab, nach Tieren zu suchen, die dort vor rund 210 Millionen Jahren lebten.

Die Wissenschaftler fanden die verstreuten Knochen einer bislang unbekannten Dinosaurierart. Acht Jahre nach der Bergung der Fossilien erhielt sie den Namen Musango matusadonaensis. Die im Juli im Journal of Systematic Palaeontology veröffentlichte Beschreibung könnte bisherige Vorstellungen über die Dinosaurierwelt im südlichen Afrika verändern.

„Was wir bisher gefunden haben, ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagte der Paläontologe Paul Barrett laut einer Mitteilung des Natural History Museum in London. Sein Team habe bereits eine weitere neue Art entdeckt, die noch nicht wissenschaftlich beschrieben wurde. Zudem seien die Forscher auf weitere Fossilien aus der Region aufmerksam gemacht worden, die sie noch nicht untersuchen konnten.

Dinosaurier war so lang wie ein Auto

Musango matusadonaensis lebte während der späten Trias im Gebiet des heutigen Simbabwe. Die Art gehörte zu den Sauropodomorphen, einer Gruppe früher Verwandter der späteren langhalsigen Riesendinosaurier wie Diplodocus. Musango bewegte sich jedoch auf zwei Beinen.

Das Tier war nach Schätzungen der Forscher etwa 4,5 Meter lang und damit ungefähr so lang wie ein Auto. Trotz dieser Größe wog es lediglich rund 222 Kilogramm. Das entspricht etwa dem Gewicht eines ausgewachsenen Schweins.

Die Rekonstruktion zeigt, welche Teile des Musango-Skeletts gefunden wurden.

Die Rekonstruktion zeigt, welche Teile des Musango-Skeletts gefunden wurden.

© Grafik: Brandon Stuart

Untersuchungen des Knochengewebes ergaben, dass das gefundene Exemplar mindestens acht Jahre alt war. Sein Wachstum hatte sich zum Zeitpunkt des Todes bereits verlangsamt. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass es sich um ein nahezu ausgewachsenes Tier handelte. An den Knochen fanden sie zudem Hinweise darauf, dass Musango eine schwere Verletzung oder Infektion überstanden hatte.

Der teilweise erhaltene Körper umfasst Wirbel, Rippen sowie Knochen der Arme, Beine, Füße, Schulter und Hüfte. Der Schädel fehlt. Deshalb können die Wissenschaftler nicht sicher bestimmen, wovon sich das Tier ernährte. Sie halten es für wahrscheinlich, dass Musango Pflanzen oder sowohl pflanzliche als auch tierische Nahrung fraß.

Suche zwischen Nilpferden und Krokodilen

Die Knochen wurden 2018 am südlichen Rand des Kariba-Sees entdeckt. Das Gebiet liegt etwa 50 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt und ist auf dem Landweg nur schwer erreichbar.

Das britische, südafrikanische und simbabwische Forschungsteam nutzte ein größeres Boot als Unterkunft und bewegliches Labor. Von dort aus fuhren die Wissenschaftler mit kleineren Booten zu den Fundstellen.

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Der Paläontologe Paul Barrett legt am Ufer des Karibasees Fossilien von Musango matusadonaensis frei.

Der Paläontologe Paul Barrett legt am Ufer des Karibasees Fossilien von Musango matusadonaensis frei.

© Foto: Paul Barrett

Expeditionsleiter Jonah Choiniere von der University of the Witwatersrand in Johannesburg sagte CNN, er habe noch nie so viele Nilpferde gesehen. Die Fahrten seien beängstigend, zugleich aber ein außergewöhnliches Naturerlebnis gewesen.

Der Name Musango bedeutet in der Sprache Shona „im Busch lebend“ und verweist auf die abgeschiedene Fundregion. Der Artname matusadonaensis leitet sich vom nahe gelegenen Matusadona-Nationalpark ab.

Fund widerspricht früheren Annahmen

Musango ist erst die fünfte Dinosaurierart, die anhand von Funden aus Simbabwe wissenschaftlich beschrieben wurde. Bereits 2024 hatte das Team Musankwa sanyatiensis vorgestellt. Die verwandte Art war ebenfalls am Kariba-See entdeckt worden.

Lange gingen Forscher davon aus, dass während der späten Trias im gesamten südlichen Afrika weitgehend dieselben Dinosaurier lebten. Die neuen Funde zeichnen ein anderes Bild. Dieser Teil des damaligen Superkontinents Gondwana bestand offenbar aus mehreren kleineren Ökosystemen mit jeweils unterschiedlichen Tierarten.

Die Fachpublikation kommt zu dem Ergebnis, dass bislang keine Dinosaurierart aus den untersuchten Ablagerungen der Trias in Simbabwe auch aus dem südafrikanischen Karoo-Becken bekannt ist. Das widerspricht früheren Annahmen über eine enge Verbindung der damaligen Tierwelten beider Regionen.

„Je genauer wir hinsehen, desto mehr Unterschiede finden wir“, sagte Barrett CNN. Die Vielfalt der Dinosaurier in der Region sei bislang bei Weitem nicht vollständig erfasst.

Warum Afrikas Fossilien kaum erforscht sind

Afrika ist in der paläontologischen Forschung deutlich schwächer untersucht als Europa und Nordamerika. Dafür gibt es nach Einschätzung der beteiligten Wissenschaftler mehrere Gründe. Viele geeignete Gesteinsformationen liegen in abgelegenen und schwer zugänglichen Gebieten. Dadurch stoßen auch Anwohner oder Landbesitzer seltener zufällig auf Fossilien.

In Simbabwe bremste zudem der Unabhängigkeitskrieg von 1964 bis 1979 die Forschung. Nach Barretts Einschätzung gingen damals viele Wissenschaftler nach Südafrika. Der Verlust an Fachwissen wirkte demnach noch Jahrzehnte nach.

Dabei bietet gerade das südliche Afrika günstige Voraussetzungen für weitere Entdeckungen. Sedimentbecken wie am Kariba-See enthalten sehr alte Ablagerungen aus Schlamm und Sand, in denen Knochen erhalten bleiben konnten. Diese Fossilien könnten Aufschluss darüber geben, wie Dinosaurier am Übergang von der Trias zum Jura zu den beherrschenden Landtieren wurden.

Für Anfang 2027 ist die nächste Expedition an den Kariba-See geplant. Die Wissenschaftler wollen weitere Lücken auf der paläontologischen Karte des südlichen Afrikas schließen. Dass sie dabei erneut auf bislang unbekannte Dinosaurier stoßen, hält Barrett für wahrscheinlich.

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