Stadtentwicklung

Neue Zahlen zur Wohnungskrise: Jeder zweite Mieter hat Angst vor dem Umzug

Mehr als 500 Berliner ließen ihre Mieterhöhungen von der Linken prüfen. Nun nennt Parteichef Luigi Pantisano erste Ergebnisse und greift Vonovia an.

5 Min
Luigi Pantisano, Bundesvorsitzender der Partei Die Linke, äußert sich zum neuesten Mietenreport.

Luigi Pantisano, Bundesvorsitzender der Partei Die Linke, äußert sich zum neuesten Mietenreport.

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Fast jeder dritte Mieter in Deutschland sorgt sich, die Miete künftig nicht mehr bezahlen zu können. Jeder zweite befürchtet, bei einem Umzug keine bezahlbare Wohnung mehr zu finden. Zugleich sind bei 58 Prozent die Wohnkosten innerhalb nur eines Jahres gestiegen. Das zeigt der neue Mietenreport 2026 des Deutschen Mieterbundes (DMB).

Die Zahlen nimmt die Linke zum Anlass für einen scharfen Angriff auf Immobilienkonzerne. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung spricht Parteichef Luigi Pantisano vom „Geschäftsbericht der deutschen Mietenmafia“ und legt zugleich erste Ergebnisse einer Aktion seiner Partei in Berlin vor: Von den ersten 250 geprüften Mieterhöhungen seien nach Angaben der Linken 85 Prozent unrechtmäßig gewesen. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben liegt bislang nicht vor.

Berlin 2026: „Deutsche Wohnen Enteignen“ steht auf einem Plakat während einer Demonstration gegen hohe Mieten.

Berlin 2026: „Deutsche Wohnen Enteignen“ steht auf einem Plakat während einer Demonstration gegen hohe Mieten.

© Paul Zinken/dpa

Mieter sparen bei Altersvorsorge und Lebensmitteln

Grundlage des Mietenreports ist unter anderem eine repräsentative Forsa-Befragung von 1021 Mieterinnen und Mietern zwischen dem 29. Juni und dem 7. Juli. Die gestiegenen Wohnkosten wirken sich demnach auch auf andere Lebensbereiche aus.

Gut jeder Zweite, 52 Prozent, gibt an, deshalb weniger Geld für die Altersvorsorge zurücklegen zu können. Jeder Vierte spart bei gesunden Lebensmitteln. Auch die finanziellen Reserven sind bei einem Teil der Befragten gering: Jeder zehnte könnte seine Miete weniger als einen Monat weiterbezahlen, wenn plötzlich 40 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens wegbrechen würden.

Deutschland bei Wohnkosten EU-weit auf Platz drei

Der DMB spricht angesichts der Entwicklung von einer Wohnungskrise, die zunehmend zu einer „Sozialstaatskrise“ werde. Im vergangenen Jahr mussten 11,2 Prozent der Bevölkerung mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für das Wohnen aufbringen.

Damit lag Deutschland nach Angaben des Verbandes EU-weit auf Platz drei hinter Griechenland und Dänemark. Der EU-Durchschnitt lag bei 7,7 Prozent.

Pantisano spricht von „Mietenmafia“

Für Pantisano ist der Report ein „sozialpolitischer Offenbarungseid für die Bundesregierung“, sagt der Linkenchef exklusiv im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Menschen sparten wegen steigender Wohnkosten inzwischen „beim Essen, bei der Altersvorsorge und sogar bei ihrer Gesundheit“.

„Statt Wohnungen und Menschen zu schützen, schaut sie zu, wie Immobilienkonzerne immer weiter Wilder Westen bei uns spielen“, sagt Pantisano über die Bundesregierung.

Er fordert einen bundesweiten Mietendeckel sowie eine „massive Offensive für sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbau“. Wohnen sei „ein Grundrecht und keine Gelddruckmaschine für Immobilienkonzerne und ihre Aktionäre“.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Mehr als 500 Berliner lassen Mieterhöhungen prüfen

Besonders hat die Linke Deutschlands größten Wohnungskonzern Vonovia ins Visier genommen. Rund 700 Menschen hätten sich bundesweit auf einen Aufruf der Partei gemeldet und ihre Erfahrungen mit dem Unternehmen geschildert, sagt Pantisano.

Allein in Berlin hätten mehr als 500 Menschen ihre Mieterhöhungen prüfen lassen. Von den ersten 250 geprüften Fällen seien nach Angaben der Partei 85 Prozent unrechtmäßig gewesen.

Die Linke will die Aktion nun ausweiten. „Wir gehen nun systematisch in die Wohnviertel, prüfen Mieterhöhungen und Abrechnungen und wehren uns gemeinsam mit den Mieterinnen und Mietern gegen Abzocke“, sagt Pantisano.

„Mieten Notstand stoppen!“ steht auf einem Schild während des Auftakts zu einer Mietenkampagne gegen einen Mietennotstand und für einen bundesweiten Mietendeckel.

„Mieten Notstand stoppen!“ steht auf einem Schild während des Auftakts zu einer Mietenkampagne gegen einen Mietennotstand und für einen bundesweiten Mietendeckel.

© Sebastian Gollnow/dpa

Vonovia weist auf Schutzregelungen hin

Vonovia selbst stellt seine Mieterhöhungspraxis anders dar. Anlässlich des neuen Berliner Mietspiegels erklärte das Unternehmen im Juni, Anpassungen „mit Augenmaß und Rücksicht auf Benachteiligte“ vorzunehmen.

Bei Wohnungen mit geplanter Mieterhöhung betrage diese im Durchschnitt 4,8 Prozent. Zudem verweist Vonovia auf eine Härtefallregelung, wenn die Wohnkosten 30 Prozent des Nettohaushaltseinkommens übersteigen. Dabei gelten bestimmte Einkommens- und Wohnflächengrenzen.

Haus & Grund: „Mietrecht ersetzt keine Baukräne“

Auch die Forderung nach einem bundesweiten Mietendeckel stößt auf Widerspruch. Der Eigentümerverband Haus & Grund zieht aus dem neuen Mietenreport einen anderen Schluss. Das zentrale Problem seien die bundesweit rund 1,4 Millionen fehlenden Wohnungen.

„Der Mieterbund beschreibt die Krankheit inzwischen ziemlich genau – verlangt aber immer wieder nach derselben falschen Medizin“, sagt Verbandspräsident Kai Warnecke. Mehr Regulierung im Mietrecht schaffe keine einzige zusätzliche Wohnung. „Mietrecht ersetzt keine Baukräne.“

Mieterbund fordert bundesweiten Mietenstopp

Der DMB hält weitere Eingriffe dagegen für notwendig. Die vom Bundeskabinett beschlossenen Verschärfungen des Mietrechts begrüßt der Verband zwar, sie reichen aus seiner Sicht jedoch nicht aus.

DMB-Präsidentin Melanie Weber-Moritz fordert unter anderem einen zeitlich begrenzten bundesweiten Mietenstopp sowie Bußgelder für Vermieter, die gegen die Mietpreisbremse verstoßen oder Wuchermieten verlangen.

Gleichzeitig sieht auch der Mieterbund den fehlenden Wohnraum als Teil des Problems. Nach seinen Angaben fehlen in Deutschland derzeit rund 1,4 Millionen Wohnungen. Abhilfe schaffen soll aus Sicht des Verbandes unter anderem mehr sozialer und gemeinnütziger Wohnungsbau.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner