Es fehlte nicht viel, und ich hätte dem deutschen Film einen unwiederbringlichen Schaden zugefügt. In flottem Tempo radelte ich auf der Brunnenstraße von Wedding kommend Richtung Rosenthaler Platz, es ging bergab. Die eine Hand hatte ich am Lenker, die andere gewohnheitsmäßig vornehm vor dem Mund. Ich musste gähnen.
Im Augenwinkel erkannte ich einen Haarschopf zwischen parkenden Autos, der sich dem Radweg gefährlich näherte. Bereits auf gleicher Höhe, sah ich in ein Gesicht, das Gesicht von Wim Wenders. Der stoppte. Andernfalls hätte ich den Regisseur womöglich über den Haufen gefahren.
Was musste Wim Wenders in dem Moment gedacht haben, als dieser Typ – also ich – mit weit aufgerissenen Augen unter einem weißen Fahrradhelm, mit der Hand – wie vor Entsetzen – den Mund verdeckt, die Straße herabgeschossen kam? Dass es jetzt vorbei war, letzter Vorhang, finale Klappe? Warum sah er dann so gelassen aus? Wie weit waren wir voneinander entfernt? Und: War das überhaupt Wim Wenders?
Wie Zwillinge von verschiedenen Eltern
Es gibt ja diese Theorie, dass von jedem Menschen irgendwo auf der Welt ein Doppelgänger herumläuft. Berlin hat knapp vier Millionen Einwohner. Es wäre doch möglich, dass sich einige Doubletten darunter befinden. So etwas wie Zwillinge mit verschiedenen Eltern. Eine verrückte Vorstellung. Zum Glück hat sich die Wissenschaft schon eingehend mit dem Thema befasst.
Ein Team um die forensische Anthropologin Teghan Lucas zum Beispiel untersuchte für eine 2015 in der Zeitschrift Forensic Science International veröffentlichte Studie eine Datenbank mit knapp 4000 Angehörigen des US-Militärs. Deren Gesichter waren akkurat vermessen worden: die Ohrlänge zum Beispiel, der Abstand zwischen den Pupillen und so weiter. Die Forscher verglichen acht solcher Merkmale miteinander. Sie bezifferten anschließend die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo auf dem Planeten Erde ein identisches Menschenpaar existiert, mit etwa 1:135.
Vertraute Gesichter hundertfach abgespeichert
Möglicherweise bin ich aber auch ein Fall für die Psychologen Mike Burton und Rob Jenkins. In einer Reihe von Untersuchungen über mehrere Jahre hinweg wurden Probanden zwei Fotos vorgelegt. Diese sollten ganz ohne Zeitdruck entscheiden, ob die darauf abgebildeten Gesichter ein und derselben Person gehörten. Burton und Jenkins kamen in ihrer Analyse auf eine Trefferquote von 70 bis 80 Prozent im Durchschnitt.
Die Erklärung der Psychologen lautete: Wir Menschen haben ein vertrautes Gesicht hundertfach im Gehirn abgespeichert: mal fröhlich oder traurig, mal wütend oder müde, mal frontal oder im Profil. Anhand dieser Informationen erkennen wir es wieder. Bei einem fremden Gesicht reichen wenige Übereinstimmungen für eine Verwechslung: ein bestimmter Gang, die Haarfarbe, ein Dreitagebart, die Brille. Wim Wenders habe ich eher selten gesehen, eigentlich nie bisher, in natura jedenfalls.
Am schmeichelhaftesten finde ich die Vorstellung, dass ich ein sogenannter Super-Recognizer bin. Schätzungsweise zwei Prozent der Menschen haben dieses Talent: Sie prägen sich Gesichter schon nach einem flüchtigen Blick auf ein Foto für immer ein. Sie erkennen die dazugehörige Person sofort wieder, wenn sie mit ihr zusammentreffen. Und sei es auch nur beinahe – einhändig auf einem Fahrrad in wilder Fahrt durch Berlin.
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