Als am Abend des 6. September die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme laufen, ist der Befund eindeutig: Die AfD holt in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent, verdoppelt damit ihr Ergebnis von 2021 und wird mit riesigem Abstand stärkste Kraft. Die CDU des amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze stürzt auf 17,2 Prozent, das BSW zieht mit 5,3 Prozent knapp in den Landtag ein.
Ausgerechnet an diesem Tag stellt der Jugendverband des BSW in Sachsen-Anhalt ein Video auf YouTube, das so gar nicht zum Wahlabend passen will. Nämlich ein fast zweistündiges Gespräch mit einem Mann, der mehr als ein halbes Jahr zuvor zum Gesicht eines ganz anderen Milieus geworden war.
Ein Mysterium?
Alexander Eichwald, 31, Russlanddeutscher, war im November 2025 beim Gründungskongress der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ in Gießen aufgetreten. In blauem Sakko, mit rollendem „R“ und fahrigen Handbewegungen bewarb er sich um einen Vorstandsposten und erinnerte in Tonfall, Gestik und Wortwahl so sehr an Adolf Hitler, dass im Saal ein Redner laut fragte, ob Eichwald ein V-Mann des Verfassungsschutzes sei. Die deutsche Kultur, rief er, sei „vor Fremdeinflüssen“ zu schützen. Auf die Frage der Nachrichtenagentur dpa, ob das ernst gemeint sei, antwortete er beim Verlassen der Halle nur: „Ja.“
In den Tagen danach kursierten quer durch die Lager die abenteuerlichsten Deutungen. Im AfD-Umfeld hieß es, der Auftritt sei eine gezielte Aktion, Eichwald ein eingeschleuster V-Mann des Verfassungsschutzes, der die Partei bewusst vorführen und beschädigen solle. Andere hielten ihn für einen als AfD-Mann getarnten Antifa-Aktivisten, für einen vom Satiriker Jan Böhmermann lancierten Troll – oder schlicht für einen „Hitler 2.0“.
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Kneller beschrieb den Auftritt damals vor Ort der Berliner Zeitung als reine Inszenierung. Eichwald sei ihm schon vor der Rede aufgefallen. Der Vortrag habe einstudiert gewirkt, aber nicht abgelesen: eine Mischung aus Gestik, Betonung und Körperhaltung wie „ein schräger Mix aus Felix Krull, Graf Dracula und Klaus Kinski“. Für Kneller war das reine Inszenierung, vorbereitet, nicht spontan. Er ordnete den Auftritt eher der politischen Satire zu, in der Nähe von Jan Böhmermann oder der Satirepartei Die Partei. Auch die rund zwölf Prozent, die Eichwald bei der Vorstandswahl holte, deutet er nicht als Rückhalt, sondern als Troll-Stimmen müder Delegierter.
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Parteischädigendes Verhalten?
Parteichef Tino Chrupalla missbilligte den Auftritt und ließ umgehend Eichwalds Daten und Mitgliedsrechte prüfen. Der Kreisverband Herford, dem Eichwald erst am 5. Oktober 2025 beigetreten war, beantragte den Parteiausschluss wegen „parteischädigenden Verhaltens“. Das Verfahren zieht sich: Das Landesschiedsgericht bestätigte den Ausschluss, doch Eichwald legte Berufung beim Bundesschiedsgericht ein und gilt bis zu dessen Entscheidung formal weiter als Mitglied. Im Interview gibt sich derselbe Mann nun als Aufklärer – als einer, der die Partei von innen habe entlarven wollen.
Dass er heute beim BSW gelandet ist, erklärt Eichwald mit seiner Herkunft. Ende 2004, kurz vor seinem zehnten Geburtstag, kam er aus Russland nach Deutschland – ohne Deutschkurs, ohne staatliches Programm, „ins kalte Wasser geworfen“, wie er sagt. Als Russlanddeutscher, so seine These, tendiere man kulturell ohnehin zu traditionellen, konservativen Parteien. Im BSW sieht er eine „Renaissance“ der alten Linken, und in der Russlandpolitik hält er Sahra Wagenknecht für die glaubwürdigere Adresse, weil sie – anders als die „Opportunisten“ der AfD – nicht erst seit gestern auf einen offenen Gesprächskanal mit Moskau setzt. Aus seiner Parteinahme macht er im Gespräch kein Hehl. Er spricht von „wir als BSW“ und empfiehlt die Partei ausdrücklich als Alternative, als „die Hoffnung nach der AfD“ – für den Fall, dass deren Aufstieg an der eigenen Regierungsunfähigkeit scheitere.
„Eine abgemachte Wahl“?
Sein erster Angriff im Interview gilt der Gründungsinszenierung selbst. Der Kongress in Gießen sei „eine abgemachte Wahl“ gewesen, sagt Eichwald: Die Listen hätten längst festgestanden, fast jeder Posten sei mit nur einem Kandidaten besetzt gewesen, Gegenkandidaturen habe es kaum gegeben. Er habe eigentlich gegen den späteren Vorsitzenden Jean-Pascal Hohm antreten wollen. Am Ende habe er sich kurzerhand für einen Beisitzerposten aufstellen lassen. Weiter sagt er: Für eine Partei, die sich als demokratische Alternative inszeniere, sei eine solche „Scheinwahl“ bezeichnend – man müsse sich dann nicht wundern, wenn niemand mehr den Mut aufbringe, den Hut in den Ring zu werfen.
Drei Lager, ein Machtkampf
Die eigentliche Diagnose betrifft den Zustand der Partei. Die AfD, sagt Eichwald, bestehe aus drei zerstrittenen Lagern. Einmal das Pro-USA-Lager um Alice Weidel, das Eichwald als neoliberales Erbe der FDP beschreibt – die er mit Blick auf Weidels Vergangenheit bei Goldman Sachs als „Goldman-Sachs-Weidel“ karikiert. Dann das völkische Lager um Björn Höcke. Und ein Pro-Russland-Lager, das nur noch gebraucht werde, um russlanddeutsche Wähler bei der Stange zu halten. In diesem Dreikampf, so seine Lesart, habe das Weidel-Lager längst die Oberhand gewonnen, das völkische folge auf Platz zwei, die Russlandfreunde würden zusehends abgeschlagen. Weiter sagt er, sei die AfD über die Jahre zum Auffangbecken jeder Protestbewegung geworden – der EU-Skeptiker von 2013, der Migrationsgegner nach 2015, der Corona-Rebellen von 2020. „Alle ziehen in unterschiedliche Richtungen“, sagt er, „aber alle wollen sich als die Patrioten schlechthin präsentieren.“ Zusammengehalten werde das Ganze weniger durch ein gemeinsames Programm als durch internen Druck.
Der Kult um Alice Weidel
Am schärfsten wird Eichwald bei der Parteivorsitzenden. Kritik an Weidel sei innerhalb der AfD „politischer Selbstmord“. Er wählt seine Worte hier bemerkenswert genau: Als der Interviewer sagt, die Partei „verhindere“ Kritik an Weidel, widerspricht Eichwald – „verhindern“ sei der falsche Ausdruck, es werde „nicht toleriert“. Wer konstruktive Kritik äußere, wisse, dass es dann „aus mit der eigenen Person“ sei; im Zweifel drohe das Ausschlussverfahren. Weidel werde in der Partei wie eine Heilsfigur behandelt: Für jedes Problem habe sie angeblich eine Lösung, jedes Wort werde ihr abgekauft, ohne es zu hinterfragen. Er selbst habe sie kritisiert – etwa für ihr Gespräch mit Elon Musk, in dem sie Hitler zum Kommunisten erklärte. Für Eichwald, der an die Millionen sowjetischen Kriegstoten erinnert, ist das Geschichtsrevisionismus. Dass ausgerechnet eine Partei, die offen Geschäftsbeziehungen mit Russland aufbauen wolle, so über Geschichte rede, hält er für verlogen.
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Spiegel oder Bekenntnis?
Je länger man zuhört, desto schwerer fällt die Einordnung. Denn die berüchtigtste Passage seiner Gießener Rede – die Analogie, wonach ein Schwein, das im Kuhstall geboren werde, deshalb noch keine Kuh sei – deutet Eichwald im Nachhinein als Kunstgriff, als „Till-Eulenspiegel-Moment“. „Ich habe der AfD ja einen Spiegel vorgehalten“, sagt er. Die Analogie sei nichts anderes als der auf das Wesentliche heruntergebrochene Begriff der „Remigration“, den der rechtsextreme österreichische Aktivist Martin Sellner geprägt und den die AfD in ihr Programm aufgenommen habe. Er habe zeigen wollen, dass davon auch eingebürgerte Deutsche und Menschen mit Migrationshintergrund erfasst würden – er selbst als Russlanddeutscher eingeschlossen. Und er setzt noch einen ironischen Haken: Dass ausgerechnet ein Österreicher der stärksten deutschen Rechtspartei vorschreibe, wer hierzulande deutsch sein dürfe, findet er „urkomisch“ – ein Ausländer, der sich „mal wieder“ in die deutsche Politik einmische und der nach seiner eigenen Definition streng genommen selbst abgeschoben werden müsste. Die Anspielung auf den gebürtigen Österreicher Adolf Hitler schwingt unüberhörbar mit.
Das ist die zentrale Spannung des Gesprächs. Eichwald erklärt die provokanteste Stelle zur Satire und verteidigt im selben Atemzug eine Position, die er ausdrücklich zu seiner eigenen erklärt: Er sei „wirklich der Auffassung, dass nicht jede Kultur kompatibel mit der deutschen Kultur“ sei. Sein Beispiel: Wer aus einem Kulturkreis komme, in dem Frauen als „Menschen zweiter Klasse“ gälten, und erst mit Mitte zwanzig nach Deutschland ziehe, werde das hiesige Bild der Gleichberechtigung kaum noch übernehmen. Jeder verdiene eine Chance – wer sie aber nicht nutze, mit dem müsse man „konsequent“ sein.
Ein Volk mit deutschem Pass
Am Ende entwickelt Eichwald das, was den Auftritt über die übliche Ex-Mitglieds-Abrechnung hinaushebt: einen Gegenentwurf zum völkischen Denken. Er nennt ihn „Deutschländer“ und beruft sich, ausgerechnet, auf Russland als Vielvölkerstaat – ein republikanischer, kein ethnischer Begriff von Nation. Volk, sagt er, sei jeder mit deutschem Pass, den ein Politiker zu vertreten habe, „egal, welchen Hintergrund dieser Mensch hat“. Was er den „Ethnobrutalismus“ der AfD nennt, hält er für eine Selbstschwächung des Landes. Mit demografischen Zahlen argumentiert er, ein rein „biodeutsches“ Deutschland schrumpfe sich in die außenpolitische Bedeutungslosigkeit. Seine Warnung: Eine AfD an der Macht könne das Land spalten wie einst Boris Jelzin die Sowjetunion – eine „AfD-DDR“, ohne jedoch deren soziale Errungenschaften.
Die Frage, die offenbleibt
Wie viel davon ist Analyse, wie viel Selbstinszenierung? Manches, was Eichwald prophezeit, lässt sich seit Sonntagabend überprüfen. Er hatte der AfD ein „Personalproblem“ und eine kaum regierungsfähige Landesregierung vorausgesagt. Nun hat die Partei zwar 43,8 Prozent geholt, die absolute Mehrheit aber verfehlt und Spitzenkandidat Ulrich Siegmund schließt Tolerierungen und Minderheitsregierungen aus und bringt „im Notfall“ Neuwahlen ins Spiel. Den Vorschlag des BSW, einen überparteilichen Ministerpräsidenten zu wählen, nennt er „Gewurschtel“. Die „Blackbox“ AfD, von der im Interview die Rede ist, ist über Nacht zur Machtfrage geworden.
Und doch bleibt ein Rest Unbehagen – auch, weil das Gespräch selbst kein neutrales ist. Dass ausgerechnet der Jugendverband des BSW das Interview am Wahltag veröffentlicht, ist kein Zufall: Die Partei positioniert sich als Alternative zur AfD und nutzt einen prominenten Abtrünnigen, um die eigene Glaubwürdigkeit zu schärfen. Und Eichwald selbst bleibt widersprüchlich. Wer der AfD wirklich nur „einen Spiegel vorhalten“ wollte, hätte nach der Rede austreten können. Eichwald tat das Gegenteil. Er beteuerte zunächst, Mitglied bleiben zu wollen, und wehrt sich seit Monaten juristisch gegen seinen Ausschluss, bis vor das Bundesschiedsgericht. Formal kämpft er also um seinen Platz in einer Partei, die er zugleich vor laufender Kamera als verlogen, autoritär geführt und regierungsunfähig beschreibt und deren Konkurrenz er offen empfiehlt.
War die Rede also Spiegel oder Bekenntnis? Unter seinem letzten eigenen veröffentlichten YouTube-Video hatte ein Zuschauer geschrieben, er wisse noch immer nicht, ob Eichwald „echt“ sei. Auch nach fast zwei Stunden bleibt die Frage offen. Eichwald hat einmal gesagt, Politik sei Selbstdarstellung. Bei ihm weiß man bis heute nicht, wo die Darstellung endet.
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