Strukturwandel

Es brennt an allen Fronten: Ostdeutschland verliert jede Woche hunderte Arbeitsplätze

Hallenser Wirtschaftsforscher melden so viele Firmeninsolvenzen wie seit 21 Jahren nicht mehr. Ostdeutschland zeigt sich resistenter, doch auch hier gehen tagtäglich Jobs verloren.

5 Min
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas auf der Betriebsrätetagung am Dresdner Flughafen.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas auf der Betriebsrätetagung am Dresdner Flughafen.

© Ines Mallek-Klein für Ostdeutsche Allgemeine

Der Druck auf den Wirtschaftsstandort Deutschland wächst, und zwar gewaltig. Jeden Tag gehen hierzulande hunderte Arbeitsplätze verloren, weil Arbeitsverträge gekündigt werden, Zeitverträge auslaufen und freie Stellen nicht wieder besetzt werden. Sachsen hat seit 2023 rund 38.000 Industriearbeitsplätze verloren, sagt Stephanie Albrecht-Suliak. Sie ist Landesbezirksleiterin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (BCE) die zwischen Rostock und Suhl, zwischen Wernigerode und Bautzen Arbeits- und Lebensbedingungen für rund 150.000 Industriebeschäftigte in über 750 Betrieben mitverhandelt.

Ja, so Albrecht-Suliak bei einem Treffen der Betriebsräte auf dem Flughafen in Dresden, es gäbe Zukunftsindustrien wie die Halbleiterbranche oder den Pharmabereich. Sie stabilisieren punktuell, können aber die massiven Belastungen in den Branchen wie Chemie, Papier, Kunststoff, Glas oder Energiewirtschaft wenig oder kaum kompensieren.

„Wir sind also überall im Osten, in allen Branchen und durch die Bank hinweg mit strukturellen Krisen konfrontiert. Und es droht der Verlust von weiteren, tausenden guten, tarifgebundenen Industriearbeitsplätzen“, warnt die Gewerkschaftschefin. Neben der allgemeinen Planungsunsicherheit durch permanente politische Kurswechsel nannte sie vor allem die Energiepolitik als Problem. Die Strompreise müssten langfristig runter. Eine Zielgröße seien fünf Cent für eine Kilowattstunde Industriestrom. Und die Netzentgelte gehörten in den Bundeshaushalt, um den Netzausbau voranzutreiben, so die Forderung der Gewerkschaftschefin.

Neben Energiepreisen belastet die Bürokratie die Unternehmen. Die Gewerkschaft fordert mehr Planbarkeit von der Politik.

Neben Energiepreisen belastet die Bürokratie die Unternehmen. Die Gewerkschaft fordert mehr Planbarkeit von der Politik.

© Ines Mallek-Klein für Ostdeutsche Allgemeine

Energiepreise sind ein Thema, auch beim Medizingerätehersteller B. Braun, der in Sachsen mit Wilsdruff, Radeberg und Berggießübel gleich drei Standorte hat. Das Unternehmen hat sich auf die Produktion von Dialysatoren spezialisiert. Diese Blutfilter werden in den Dialysegeräten zur Behandlung von nierenkranken Menschen eingesetzt.

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Besonders energieintensiv sei die in Berggießübel beheimatete Faserspinnerei, erklärt Betriebsrat Benny Nitsche. Hier wird die technologisch anspruchsvolle Hightech-Hohlfaser hergestellt, welche die eigentliche Filterarbeit leistet. Dem Unternehmen ist es gelungen, Filter zu entwickeln, die nachhaltig sind und mehrfach verwendet werden können. „Doch wir müssen feststellen, auch die Konkurrenz schläft nicht“, so die Betriebsratskollegin Stefanie Fischer. Auf dem Weltmarkt muss man sich vor allem mit Innovationen aus China messen lassen. „Die sind gut und oftmals preiswerter als unsere Produkte“, so Nitsche. Das liege an den geringeren Lohnkosten, an den deutlich geringeren Energiepreisen und an der Förderpolitik des chinesischen Staates.

Mit Zöllen deutsche Märkte schützen

Der Konkurrenzdruck wächst, vor allem aus Asien. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), die an diesem Tag bei den Arbeitnehmervertretern zu Gast ist, hat eine klare Botschaft. Wer glaube, dass Deutschland mit den Löhnen in China mithalten könne, der setze am falschen Punkt an.

„Wir müssen endlich wieder die Potenziale, die wir in unserem eigenen Land haben, heben. Wenn wir ein starkes Industrieland bleiben wollen, dann müssen wir etwas für die Industrie tun und sie schützen, wo sie durch unfairen Handel gefährdet ist“, so die Ministerin und ergänzt: „Wir müssen deshalb auch eine Debatte über Zölle führen.“ Sie wisse um die Zögerlichkeit vieler. „Aber ich halte es für richtig, wenn andere Wettbewerber mit subventionierten Produkten und Billigpreisen den Markt überschwemmen, dann braucht es einen Handelsschutz. Wir dürfen nicht weiter zuschauen“, so die Ministerin. Es wäre naiv, einzig auf den Markt zu hoffen, der alles regelt. Wir müssen politisch handeln, andere Wirtschaftsnationen hätten das längst begriffen, so ihr Appell.

Deutschlands Geschäftsmodell als exportorientierte Industrienation stehe zur Disposition. Aber Deutschland sei nach wie vor die drittstärkste Industrienation in der ganzen Welt. „Und das ist bei allen Problemen, die wir haben, nicht die schlechteste Ausgangssituation“, so die Arbeitsministerin. Um den Wohlstand zu sichern, seien Investitionen in die Technologie und Infrastruktur der Zukunft nötig.

Die knapp 150 Betriebsräte aus den vorrangig sächsischen Unternehmen hörten die Botschaften wohl und hatten ihre eigenen Vorschläge mitgebracht. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sei auch die Ausbildung des Nachwuchses entscheidend, so der Betriebsratsvorsitzende des Reifenherstellers Goodyear in Riesa. Der Aufwand der Unternehmen steige, weil die Schulabgänger mit immer größeren Wissenslücken in die Betriebe kämen. Hier sei dringender Handlungsbedarf, so Alexander Gruber.

Bei Dow Chemical in Böhlen scheinen die Würfel schon gefallen. Der amerikanische Eigentümer hat eine Schließung seines Crackers für das vierte Quartal 2027 angekündigt. In der komplexen Industrieanlage entstehen aus Rohbenzin kurzkettige, gasförmige Grundchemikalien wie Ethylen, Propylen und Butadien, die als Ausgangsstoffe für zahlreiche Chemieprodukte wie Kunststoffe, Lacke und Folien gelten.

Die Sorge in der Region sei groß, sagt der Betriebsratsvorsitzende des Böhlener Werkes, Patrick Brückner. Nicht nur hunderte direkte Arbeitsplätze am Standort Böhlen sowie in der Zuliefer- und Serviceindustrie stehen auf dem Spiel. Viele andere Chemiewerke in der Region hängen per Rohrleitung direkt an dem Cracker und müssen diese Grundstoffe dann teuer von woanders importieren. Die drohende Schließung treffe direkt ins Herz der ostdeutschen Chemiebranche. Und sie stehe im krassen Widerspruch zu den politischen Bekenntnissen nach der Corona-Pandemie, sich Schlüsseltechnologien wieder nach Deutschland und Europa zu holen, um Abhängigkeiten von den globalen Märkten zu reduzieren.

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