Literaturfestival

Nobelpreisträgerin Han Kang in Berlin: Kamillentee für mehr als zehn Jahre

Das Publikum liebt diese Schriftstellerin, es möchte ihr gern etwas schenken. Im Kammermusiksaal gab sie intime Einblicke in ihr Leben.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
4 Min
Han Kang und Martina Gedeck beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2026, Kammermusiksaal Philharmonie.

Han Kang und Martina Gedeck beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2026, Kammermusiksaal Philharmonie.

© Stephan Rabold/ILB

Was erfährt man bei einer Veranstaltung mit einer Literaturpreisträgerin, was man nicht schon aus ihren Büchern oder von den Lobeshymnen auf sie weiß? Bei dem Abend mit Han Kang, 2024 mit der bedeutendsten Auszeichnung überhaupt geehrt, den das Internationale Literaturfestival Berlin und die Berliner Philharmoniker im Kammermusiksaal organisiert haben, waren es vor allem Ansichten ihres Temperaments.

So sehr sich in den Büchern wie „Menschenwerk“ und „Unmöglicher Abschied“ Spuren verdrängter Verbrechen in Südkorea zeigen, so wenig präsentierte Han Kang sich am Montag als politische Autorin.

Das hat mit ihrer Haltung zu tun, das Dunkle mit dem Hellen zu verbinden, mit der Absicht, immer ein wenig Hoffnung zu geben. Deutlich wurde dies an der Geschichte von dem kleinen Garten aus ihrem gerade erschienenen Essayband „Der goldene Faden“. Sie las ein Stück auf Koreanisch, bevor die Schauspielerin Martina Gedeck eine Passage auf Deutsch vortrug.

Han Kang gab die Hälfte ihrer Bücher weg

Han Kang erzählte in Berlin, wie sie zu diesem Garten kam. Nach einer langen Phase der Schlaflosigkeit mietete sie sich per Airbnb in einem traditionellen koreanischen Haus, einem Hanok, ein. Weil es ihr dort so gut gefiel, suchte sie solch ein Haus für sich selbst. Erst das kleinste, das der Makler ihr kaum zeigen wollte, gefiel ihr. Dort wohnt sie nun in Seoul, auf 50 Quadratmetern Fläche, wovon 33 für das Haus und der Rest dem Garten vorbehalten sind. Sie musste fast alle Möbel weggeben und die Hälfte ihrer Bücher.

Aber sie kann wieder schlafen und schreiben. Und sie hat die Pflanzen in einem Garten fast ohne Licht aufgepäppelt, indem sie mit acht Spiegeln Licht für sie einfing, deren Position sie entsprechend der Sonne und damit im Kreislauf der Erde ständig änderte. „Meine Pflanzen sind wie meine Kinder.“ Heute ist der anfangs besonders umsorgte Baum so groß, dass er sich selbst nach der Sonne strecken kann.

Seit 1994 veröffentlicht Han Kang Bücher, seit 2016 mit internationalem Erfolg; damals bekam sie den Booker-Preis für „Die Vegetarierin“. Sie erhält viel Zuspruch von ihrem Publikum. Im Gespräch sagt sie: „Oft bekomme ich Essen geschickt oder die Menschen wollen mich zum Essen einladen.“ Ihre Bescheidenheit fällt auf. Als sie ihre Mutter zum ersten Mal in ihr neues Zuhause einlud, habe die sofort erkannt, dass es dem Haus ähnele, in dem Han Kang ihre ersten drei Lebensjahre verbracht hat. „Ich habe keine Erinnerung daran“, sagte sie, „nur mein Körper.“

Apropos Geschenke: Die Moderatorin Katharina Borchardt wollte wissen, wie Han Kang die Verkündung des Nobelpreises erlebt habe. Sie hätte gerade mit ihrem Sohn zu Abend gegessen, als ein Anruf von einer unbekannten Nummer kam. Überwältigt von der Nachricht habe sie sich selber wieder zur Ruhe rufen wollen und deshalb gesagt: Nun trinke ich mit meinem Sohn einen Kamillentee. „Das haben wohl viele Leute gehört oder gelesen. Sie haben mir Tee geschickt, um mir eine Freude zu machen. Ich habe jetzt für mindestens zehn Jahre Kamillentee.“

Im Dialog mit der Musik

Katharina Borchardt und Han Kang kennen sich schon lange. Sie redeten nicht über das große Ganze, sondern suchten Details im Gespräch, so wie die Autorin auch beim Schreiben sich lange an kleinen Dingen festhält, bevor sie das Bestürzende hervorholt.

Das passte auch zur Atmosphäre des Abends. Zu Beginn und am Ende kamen zu den drei Frauen noch Mitglieder der Berliner Philharmoniker auf die Bühne. Anfangs gab es ein kleines Stück von Claude Debussy, „Danse sacrée et danse profane“, interpretiert von fünf Streichinstrumenten und einer Harfe, die in einen zuweilen gezupften, getupften, perlenden Dialog traten. Am Ende erklang, noch mit zwei Flöten dazu, „Ma Mère l’Oye“ von Maurice Ravel, in dem Kobolde, Feen und Tiere durch einen Garten springen.

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Es war die erste Veranstaltung im Rahmen eines neuen Formats, das das Internationale Literaturfestival Berlin und die Berliner Philharmoniker verabredet haben: „Satzwechsel. Literatur und Musik“. Drei solcher Begegnungen soll es pro Jahr geben.

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