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Es ist ja schon mal ungewöhnlich, dass sich in der S-Bahn jemand auf den Nebenplatz setzt und nicht das Smartphone zückt, sondern ein Buch. Noch ungewöhnlicher ist es, wenn das jemand tut, der nach allen gängigen Vorurteilen seinem Habitus gemäß alles andere als die Beschäftigung mit einem Buch vermuten ließe. In diesem Fall, abgewrackte Jeans, rissige Sneakers, Irokesenfrisur und zum Schmuck irgendwas Metallisches im Gesicht, eingehüllt in ein Kapuzen-T-Shirt mit Totenkopf-Design des FC St. Pauli. Immerhin Zeichen eines gewissen kosmopolitischen Bewusstseins.
Das weckte also meine Aufmerksamkeit, wobei der forschende Geist des Soziologen immer auch ein Prinzip wittert: Bahnt sich hier die Wende von Zivilisationspraktiken an? Sehe ich das erste Wetterleuchten eines Trends zurück zum analogen Leben? Kommt die Techlash-Revolution aus einer Ecke, aus der wir sie gar nicht vermuten?
Doch diese Gedanken zerstoben, als ich mit Hilfe allerlei unauffälliger Verrenkungen jene Neugier endlich befriedigt hatte, die jeden befällt, neben dem in der Öffentlichkeit jemand sitzt, der ein Buch liest. Ich konnte zwar die Titelseite nicht erkennen. Doch der Aufbau dieses Werkes, das er da las, ist einmalig, es reicht eine Seite, um zu erkennen, was es ist, eine Seite zum Beispiel, auf der kurze Statements durch Ziffern 2.0122, 2.0123 oder 2.01231 und so weiter geordnet sind – klar: „Tractatus logico-philosophicus“ des Wiener Philosophen Ludwig Wittgenstein, der die Philosophie in ihre Elementarteile zerlegte und das Ergebnis nummerisch ordnete.
An die Theke, um nachzudenken
Das war nun eine erklärungsbedürftige Situation. Doch fiel mir, erstens, kein Trick ein, das Rätsel zu lösen. Man kann ja nicht einfach fragen: „Alter, Du siehst irgendwie aus wie ein Punk und liest Ludwig Wittgenstein, wie geht das so?“ Und zweitens tauchte in diesem Moment neben dem jungen Mann ein Kontrolleur auf und verlangte, sich höflich dazu legitimierend, „den Fahrausweis, bitte!“
Der junge Mann sah ihn nur an und schwieg. Er wirkte so, als ob er, was diese Frage angeht, die unter der letzten Ziffer 7 des Tractatus ausgeführte Weisheit für sich zum Prinzip erhoben hatte: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
Nun hätte der Kontrolleur, zählte er auch zu den Überraschungsliteraten, darauf antworten können mit der Ziffer 6.5: „Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.“ Vielleicht hat er das sogar, so oder so ähnlich, ich weiß es nicht, denn der Zug lief in meinen Zielbahnhof ein, wo ich ausstieg. Es ist wohl eher anzunehmen, dass er auf eine einschlägige Ziffer in den Beförderungsbedingungen des Öffentlichen Nahverkehrs verwies.
Aber der Vorfall ließ mich nicht los. Ich suche das nächste Lokal auf, platzierte mich an der Theke, um nachzudenken. Was, wenn wir das einfach mal umdrehen und einen professoral wirkenden Typen an Stelle des Punks beim Lesen eines vor Jahren im Pabel-Verlag erschienenen Heftchen-Romans vorfänden, in dem ein von von Bert F. Island erdachter „Kommissar X“ unter dem bürgerlichen Namen Jo Walker auftritt und einen extrem trockenen Humor an den Tag legt? Wer das liest, wird durch Sätze belohnt, die nicht mal Raymond Chandler oder Ross McDonald hingekriegt haben.
Es wäre dennoch erstaunlich. Aber warum? Ganz einfach.
Selbst ein KI-Entwickler hätte da Schwierigkeiten
Offensichtlich entwickeln wir das Ranking der Bildungsinhalte in erster Linie nach der Parallelität zur Definitionsmacht, abgeleitet aus sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Stellung unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus: hoch, mittel, niedrig. Wir setzen also, ohne lange nachzudenken, die Maßstäbe für das Edle, kulturell Legitime, gesellschaftlich Anerkannte, für High Brow einerseits und andererseits für das, was man mit hochgezogener Augenbraue Trivialkultur nennt – einfach, weil es sich so eingebürgert hat. Meist, ohne das „Zeugs“, das wir kritisieren, auch gelesen, gesehen, gehört zu haben. Und umgekehrt?
Man braucht nur ein Beispiel zu wählen, das dieser Welt mit Definitionsmacht fern liegt: Da hat man meist nicht den blassesten Schimmer davon, wie Karten- und Würfelspiele laufen, die in vielen Kneipen gespielt wurden und noch werden – live, nicht remote: je nach regionaler Tradition etwa General, Klaberjass, Watten, Dreck oder Bauernschnapsen. Was da an methodischer Virtuosität bei der Einschätzung von Siegeschancen notwendig ist, begleitet von einer ethnografisch faszinierenden Kultur des nonverbalen Austausches, die komplexen, sich selbst generierenden „kulturellen Algorithmen“ folgt, würde selbst einem hochgebildeten KI-Entwickler ziemliche Schwierigkeiten bereiten.
Eine zweifelhafte wissenschaftstheoretische Wertung
Beim zweiten Bier fiel mir ein drittes Beispiel ein, ein soziologisches Hirngespinst sozusagen: Wir setzen einen Azubi neben den CIO in einen Konferenzraum und stellen zwei Fragen: Die erste betrifft die Zukunft des Unternehmens, ausgedrückt in Kennzahlen und Programmen, Strategien und operativen Routinen, Kundenansprache und Einkaufspolitik.
Man wird beim Azubi in der Regel erst mal kilometertiefe Augen wahrnehmen, während der CIO mit professioneller Kompetenz ein Foresight liefert. Nun kommt eine zweite Frage: Wie könnte es gelingen, dass es die Hertha noch mal (oder meinetwegen auch der FC St. Pauli) in die Champions League schafft und da reüssiert? Plötzlich dreht sich die Sache um und der Azubi plaudert über Punktsysteme, Ligastruktur, Einkauf von Spielern und Publikumsansprache, Kosten und Strategien, Trainerwechsel und Systemänderungen und vieles mehr, lächelt dann mitleidig beim Ergebnis seiner Analyse.
Wäre das nicht Kompetenz? Und der CIO weiß nicht, um was es geht. Wäre das nicht gehobene Inkompetenz?
Anders gefragt: Welcher Maßstab bestimmt den objektiven Wert der einen wie der anderen Kompetenz? Um es weiter zuzuspitzen: Der Bildungsbegriff, definiert durch die gewohnheitsmäßigen Soll-Normen milieubegrenzter Subkulturen, erfasst das Trennende. Und zwar dadurch, dass man ihn in einer dynamischen Umgebung wie ein statisches Element behandelt. Die Belohnungen für Bildung sind entsprechend definiert: Zugehörigkeit zu einer Elite und individueller Wohlstand. Aber das ist eine zweifelhafte wissenschaftstheoretische Wertung, denn all diese hier angedeuteten Kompetenzen sind „äquivalent“, also nicht gleichartige, sondern gleichwertige Ausdrucksformen der Lösung von Alltagsproblemen und Herausforderungen.
Flamingo hat Wacken nicht überlebt.
© Dirk Jacobs/Imago
Die Konsequenzen der Vielfalt
In dieser Vielfalt offenbart sich die Kraft der demokratischen Verfassung einer pluralistischen und offenen Gesellschaft. Und sie äußert sich in den Konsequenzen dieser Vielfalt – auch den wirtschaftlichen: Denn sie ist die Grundlage für eine fantasievolle und kreative Innovationskultur, die wieder die Basis für den Reichtum eines Gemeinwesens darstellt. Wäre mehr Raum, ließen sich zahlreiche Beispiele für die wirtschaftlichen Potenziale von ehedem subkulturellen Nischen jenseits der schön normierten Selbstverständlichkeiten anführen.
Niemand also kann für sich in Anspruch nehmen, „gebildeter“ zu sein als andere oder gar Normen festzuzurren – auch wenn es richtig ist, dass es eine gemeinsame Wissensbasis geben muss, um differenzierte Bildung überhaupt zu ermöglichen. Aber dann muss es eben auch den Zugang dazu geben und die Akzeptanz des Anderen. Beides ist durch die ungleiche Verteilung „kultureller Kapitalien“ für viele versperrt.
Dass es dennoch geht, zeigen die letzten Pisa-Studien auch, wenngleich nicht in den spektakulären und meist zitierten Entwicklungsdaten für Lesen, Rechnen und Schreiben. Sie bestätigen zwar, dass die Bereitschaft zur Bildung eine sozioökonomische Erbschaft darstellt, dass Kinder, die in privilegierte Milieus hineingeboren werden, durch Erziehung, Bildung, Sozialisation und Status als steuerfreie Mitgift fürs Leben profitieren. Aber es gibt eben auch eine beträchtliche Zahl von Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Milieus, die selbst nach den klassisch verengten Kriterien überdurchschnittlich rangieren. Zufälle? Das müsste untersucht werden.
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Ängste sind unangebracht
Was nun die Überwindung des Trennenden angeht, sind Ängste unangebracht – denn das geschieht ja längst, zum Beispiel auf der jährlichen Heavy-Metal-Veranstaltung in Wacken, die traditionell vom Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr eröffnet wird, unter dem Künstlernamen Wacken Firefighters. Mir kam der Gedanke, zusätzlich Mal den vierten Satz aus Gustav Mahlers Sechster Symphonie ins Programm aufzunehmen, an dessen Ende wuchtige Schläge mit einem überdimensionierten Holzhammer auf dem Zettel stehen. Und einiges andere, das ziemlich heavy ist.
Ich bin mir nicht sicher, ob ein rein instrumentaltechnischer Vergleich zum Ergebnis unterschiedlicher kultureller Wertungen käme, denn die Player in den Bands beziehungsweise Orchestern beherrschen ihre Instrumente gleichermaßen virtuos, die Vertreter beider Welten bieten unnachahmliche Originalität und technische Perfektion. Da verblasst eigentlich jeder Disput über die Legitimitätsdifferenzen künstlerischer Performanzen.
Ich musste es mir gestehen: Der Vorfall in der S-Bahn hätte mich nicht überraschen sollen. Denn der Punk repräsentierte eine Wahrheit, die der Philosoph im ersten Satz seines Buches formulierte: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Übrigens ein Spruch, der ehedem, als man als Student noch regelmäßig in Keller- und Studentenkneipen saß statt vor dem Bildschirm, an Toilettenwänden neben altersfleckigen Spiegeln mit Filzstift hingekrakelt war.
Wie eine Reihe anderer Tiefsinnigkeiten: „Die Basis ist die Grundlage des Fundaments“ etwa (ein Spruch, der ursprünglich einmal Probleme mathematischer Logik umriss). Klang zwar sinnlos, regte aber zum Denken und weiteren nummerierungswürdigen Weisheiten an.
Zum Beispiel über ein existenzialistisches Grundproblem der sich nach ambitioniertem Bierkonsum im Spiegel doppelt sehenden Jungachtundsechziger, die aber doch so bürgerlich erzogen waren, dass sie sich die Hände wuschen. Dabei wurden sie dann mit dem sibyllinischen Filzstift-Menetekel an der Wand konfrontiert „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ Könnte von Bert F. Island sein. Denn der war das Pseudonym einer ganzen Reihe von Krimi-Autoren. Und sicher haben einige von Ihnen Wittgenstein gelesen.
Holger Rust, geboren 1946, ist Professor (i.R.) für Wirtschaftssoziologie an der Leibniz-Universität Hannover. Er lehrte als Gastprofessor auch an den Universitäten Hamburg, Salzburg und Wien. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er zudem als Berater in Unternehmen und politischen Institutionen sowie als langfristig engagierter Autor und Kolumnist in führenden Wirtschaftsmedien und als gefragter Vortragsredner tätig.
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