Herrmanns 100. Geburtstag steht an und Frau Marianne will ihm am Morgen dieses Tages mit einem „Kalten Hund“ aufwarten, einem brösligen Keksgebäck, das gemeinhin fettig auf der Zunge zerschmilzt und – je nach Region – auch unter „Kalte Schnauze“, „Keksmauer“ oder „Schichtschoki“ firmiert.
Als der Jubilar auf ihre Anweisungen, was er anziehen soll, jedoch nicht reagiert und auch seltsam bläulich angelaufen scheint, vermutet sie zunächst nur eine weitere Provokation des Angetrauten. Doch dann der Schock: Herrmann ist kein Geburtstagskind mehr, er ist ein Verblichener.
Herrmanns Leiche wird fesch und festlich angezogen
Aber das war nicht der Plan, schließlich hat sich der Bürgermeister angekündigt, die Lokalpresse ebenfalls, und eine Feier lässt man nicht einfach ausfallen, nur weil derjenige, dem sie gilt, nun nicht mehr lebt. Dann aber stellt auch noch Herrmanns Enkelin, die nach Marianne ins Totenzimmer schlüpft, fest, dass der Opa sich offensichtlich mit Tabletten aus dem Leben katapultiert hat, die eigentlich für den Familienmops Berlusconi bestimmt waren. Sie fühlt sich schuldig, ist verzweifelt. Ausgerechnet heute!
Aber keine Sorge, wir sind hier schließlich in schwarzhumorigen Erzählgefilden unterwegs, und deshalb wird Herrmanns Leiche fesch und festlich angezogen, im Rollstuhl drapiert und auf den Balkon des Anwesens geschoben. Die Verwandtschaft rückt an, eine Blaskapelle spielt dem Toten ein Ständchen, und während nach außen noch die Fassade einer angesehenen Familie aufrechterhalten wird, beginnt drinnen bereits das große Scharren um das Erbe. Das Testament ist verschwunden. Nun muss niemand mehr so tun, als sei er aus Zuneigung gekommen.
Haben keinen Draht zueinander: Marianne (Corinna Harfouch) und Stieftochter Karoline (Karoline Eichhorn)
© Milk Pictures
Pauline Roenneberg hat für ihr Spielfilmdebüt eine Familie erfunden, die einem nach wenigen Minuten vollkommen glaubwürdig vorkommt: nicht, weil ihre Mitglieder besonders lebensnah wären, sondern weil jeder von ihnen die leicht monströse Vergrößerung eines vertrauten Familientypus darstellt. Da ist Marianne, die sogar den Tod als organisatorisches, mithin lösbares Problem behandelt. Ihre im Rollstuhl sitzende Tochter Valerie betreibt auf dem Anwesen einen Gnadenhof und hat ihre Tochter Fanny fest in ein Geflecht aus Fürsorge, Schuldgefühl und Abhängigkeit eingesponnen.
In Familien wird schließlich selten offen der Krieg erklärt
Stieftochter Karoline hingegen (herrlich uneitel: Karoline Eichhorn) pflegt ihre esoterische Selbstverwirklichung, nennt sich inzwischen „Oonagh“ und bringt einen Therapeuten mit, der mit sanfter Stimme ungeniert in fremde Seelen einbricht und den Beteiligten eine Familienaufstellung unterjubelt. Und dann ist da noch Kasimir, der Mann mit Schlips und Zuständigkeit für die Familienstiftung: Deren Finanzen hat er womöglich etwas freier interpretiert, als es die übrigen Erben begrüßen dürften.
Das alles ist nett beobachtet und streckenweise durchaus komisch. Besonders dann, wenn Roenneberg den Figuren gestattet, ihre Grausamkeiten beiläufig zu servieren: als besorgte Frage, als therapeutischen Hinweis oder als kleine Bemerkung beim Kaffee. In Familien wird schließlich selten offen der Krieg erklärt. Man reicht Kuchen dazu.
Corinna Harfouch beherrscht diese Tonlage hervorragend – was auch sonst. Ihre Marianne muss gar nicht laut werden, um den Raum zu regieren. Ein Blick, ein kurzes Verziehen des Mundes genügt, und schon weiß man, dass hier eine Frau seit Jahrzehnten Enttäuschungen in Verachtung umwandelt. Auch Karoline Eichhorn als selbsternannte Schamanin und Niels Bormann als aufdringlich einfühlsamer Therapeut kosten die Peinlichkeit ihrer Figuren lustvoll aus.
Man spürt den Willen zur Abgründigkeit
Lea Drinda wiederum gibt der knapp 18-jährigen Fanny jene Unverbrauchtheit, die dieser Gesellschaft aus professionellen Verdrängern absolut fehlt. Sie ist die Einzige, die noch wirklich etwas erfahren will – über den toten Großvater, ihre Herkunft und all die Familiengeheimnisse, die bislang ebenso zuverlässig entsorgt wurden wie ein unerwünschter Grabstein auf dem Kompost, der zu einem verschwiegenen Familienmitglied führt.
„Kalter Hund“
© Milk Pictures
Doch leider traut die Regisseurin ihrer herrlichen Ausgangslage nicht genug. Bald muss noch eine Wendung her, noch eine Enthüllung, noch ein zeitgeistiges Thema: nationalsozialistische Familienvergangenheit, Alltagsrassismus, alternative Spiritualität und geheime Vaterschaft werden angerissen, ohne dass sich daraus etwas Scharfes formt. Die Familienaufstellung ist zunächst ein prächtiges Instrument, um die sorgfältig verklebten Risse sichtbar zu machen; später dreht der Film damit eine Runde zu viel. Am Ende sind die 125 Minuten ziemlich lang.
Und damit berührt „Kalter Hund“ leider ein altes Leiden der deutschen Komödie. Wo britische oder amerikanische Vorbilder eine solche Gesellschaft mit größerer Eleganz ins Verderben schicken, wird hier der Witz gern noch einmal erklärt, die Figur noch etwas deutlicher überzeichnet und der Konflikt noch eine Spur lauter ausgetragen. Man spürt den Willen zur Abgründigkeit – und ebenso die Scheu, wirklich grausam und präzise zu werden.
„Kalter Hund“ ist deshalb keineswegs misslungen. Er besitzt ein starkes Ensemble und einige sehr hübsche Gemeinheiten. Man amüsiert sich, verlässt das Kino – aber schon auf dem Heimweg beginnt der Film zu verblassen. Aber auch manches Schokoladen-Keks-Gebäck hat ja wenig Nachgeschmack.
„Kalter Hund“ mit Corinna Harfouch, Karoline Eichhorn, Lea Drinda u.v.a., Kinostart 17.9., 130 Minuten
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