Portrait

„Ich hatte nie das Gefühl, dass wir Ungarn verlassen müssen“

Mühelose Eleganz aus Budapest liefert das Label Nanushka.

Mühelose Eleganz aus Budapest liefert das Label Nanushka.

Fotoillustration: EST. Fotos: Nanushka

Lesezeit 4 Min

Das in Budapest gegründete Label Nanushka schaffte es nach Paris, in die Kleiderschränke der Stars und in die Forbes-Liste. Doch der Aufstieg verlief alles andere als geradlinig.

Was heute der Name eines der weltweit erfolgreichsten Modeunternehmen ist, war ursprünglich nur ein Kosename, den ein ungarischer Vater seiner kleinen Tochter gab. Da Sandra Sándor ihren Vornamen als Kind nicht richtig aussprechen konnte, nannte ihr Vater sie liebevoll „Nanushka“. Jahre später machte sie als Modedesignerin diesen Namen zum Fundament ihrer Erfolgsgeschichte.

Kräftiges Rot trifft auf klassisches Grau, Fake-Fur auf Wolle. Ein kontrastreicher Look aus der aktuellen Herbst/Winter-Kollektion von Nanushka.

Kräftiges Rot trifft auf klassisches Grau, Fake-Fur auf Wolle. Ein kontrastreicher Look aus der aktuellen Herbst/Winter-Kollektion von Nanushka.

© Nanushka

Heute ist die Marke international fest etabliert. Das Label kleidet Stilikonen wie Michelle Obama, Rihanna, Gigi Hadid, Hailey Bieber und Margot Robbie ein. Sándor selbst beschreibt all das so nüchtern wie poetisch: „Nanushka aufzubauen hat sich immer eher wie eine kontinuierliche Reise angefühlt als wie ein einzelner Meilenstein.“

Alles begann in Budapest. Sandra Sándor wuchs im Umfeld der Textilproduktion auf: Ihre Mutter betrieb eines der ersten privaten Kinderbekleidungsunternehmen Ungarns vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Sándor arbeitete früh als Fitting-Model und begleitete ihre Mutter zu Produktionsterminen.

„Effortless Chic“: Nanushka ist bekannt für fließende Silhouetten und mühelose, tragbare Eleganz im Alltag.

„Effortless Chic“: Nanushka ist bekannt für fließende Silhouetten und mühelose, tragbare Eleganz im Alltag.

© Nanushka

Es folgte ein Abschluss am renommierten London College of Fashion, nach dem sie 2005 wieder nach Budapest zurückkehrte. Nanushka gründete sie in einem kleinen Lagerraum, der an ihr Elternhaus angeschlossen war – gemeinsam mit einer Näherin und einer Schnittmacherin. Besonders mit „Okobor“ machte sich das Label seither einen Namen – einer veganen Lederalternative, die den Wasserfußabdruck im Vergleich zu herkömmlichem Leder um 80 Prozent und den CO₂-Ausstoß um 20 Prozent reduziert und obendrein besonders toll aussieht.

Es dauerte zehn Jahre, bis die Marke den internationalen Durchbruch erzielte. Den Standort Budapest jedoch behält Sándor bis heute bei: „Ich hatte nie das Gefühl, dass wir Ungarn verlassen müssen, um eine globale Marke zu werden“, sagt sie. Die ungarische Textilindustrie ermöglichte eine direkte Zusammenarbeit mit lokalen Produzenten, kurze Logistikwege und genaue Qualitätskontrollen.

Tradition trifft Moderne: Das in Budapest gegründete Label Nanushka kombiniert osteuropäische Einflüsse mit zeitgenössischem Minimalismus.

Tradition trifft Moderne: Das in Budapest gegründete Label Nanushka kombiniert osteuropäische Einflüsse mit zeitgenössischem Minimalismus.

© Nanushka

Kulturelle und historische Einflüsse der Region – von osmanischen bis zu mitteleuropäischen – fließen dabei subtil in die Entwürfe ein. „Wir nehmen oft etwas, das in der Geschichte verwurzelt ist, und interpretieren es durch eine moderne Linse neu“, sagt Sándor.

Ein zentraler Wendepunkt war der Einstieg einer Private-Equity-Gesellschaft sowie ihres Partners Peter Baldaszti im Jahr 2016. Während Sándor die kreative Leitung behielt, übernahm Baldaszti die kaufmännische Führung. „Bis dahin hatte ich alles selbst gemanagt“, sagt Sándor. Nach eigenen Angaben war das nicht ihre größte Stärke.

Typisch Nanushka: Moderne Schnitte, gefertigt aus dem charakteristischen, butterweichen veganen Leder des Labels.

Typisch Nanushka: Moderne Schnitte, gefertigt aus dem charakteristischen, butterweichen veganen Leder des Labels.

© Nanushka

Neben Flagship-Stores in London und New York folgten eine eigene Herrenlinie sowie die Expansion nach China. Die Aufgabenteilung veränderte die Wachstumsdynamik des Labels grundlegend: Der Umsatz stieg von rund einer Million Euro im Jahr 2016 auf knapp 50 Millionen Euro fünf Jahre später.

Im März 2021 führte die Financial Times Nanushka auf Platz 70 ihrer Liste der 1000 am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas – als am höchsten platziertes Modeunternehmen in einem Umfeld, das sonst fast ausschließlich von Tech-Konzernen dominiert wird.

Funktionales Design: Cleane Linien und eine intuitive, bequeme Passform machen den Kern der Marke Nanushka aus.

Funktionales Design: Cleane Linien und eine intuitive, bequeme Passform machen den Kern der Marke Nanushka aus.

© Nanushka

Doch genau dieses schnelle Wachstum und die Produktion vor Ort wurden Nanushka beinahe zum Verhängnis. Die in Ungarn ansässige Produktion konnte mit diesem Tempo nicht Schritt halten. Dadurch konnte das Unternehmen Waren nicht rechtzeitig liefern und rutschte 2023 bei einem Umsatz von etwa 20 Millionen Euro fast in den Ruin.

Gelöst wurde die Krise durch eine umfassende Restrukturierung. Ein wichtiger Bestandteil davon: Nanushka ordnete rund 80 Prozent seiner Lieferkette neu und diversifizierte die Fertigung. Heute produziert es neben Ungarn auch in Rumänien, Portugal, Italien und China.

Eine stille Weltmarke

Zurück zum Markenkern war die Devise, auch in den Boutiquen: „Wir wollten immer, dass sich unsere Stores eher wie ein einladendes Zuhause anfühlen als wie traditionelle Verkaufsflächen“, sagt Sándor. Die Räumlichkeiten und das integrierte Café im Budapester Hauptsitz orientieren sich an der traditionellen mitteleuropäischen Kaffeehauskultur und dienen als Treffpunkt. Sie sind nicht als reine Stores konzipiert, sondern als einladende Orte des Verweilens.

Schließlich ist Nanushka mehr als eine internationale Erfolgsgeschichte aus Zahlen und Expansionsraten. Es ist der Beweis dafür, dass eine globale Modemarke nicht zwingend in den etablierten Metropolen wie Paris oder Mailand geboren werden muss.

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