Interieur

„Schönheit im Alltag - für alle“

Polnisches Design in der Ausstellung „Polish Modernism. A Struggle for Beauty“

Polnisches Design in der Ausstellung „Polish Modernism. A Struggle for Beauty“

Edward Wendt

Jasmin Jouhar
Jasmin Jouhar
Lesezeit 9 Min

Polen eine Designnation? Kaum jemand weiß es, aber in vielen Wohnzimmern stehen längst Möbel aus Polen.

Unser östlicher Nachbar ist, nach Stückzahl gerechnet, der größte Möbelproduzent der EU. Das liegt zum guten Teil an Ikea, das bereits seit 1961 in Polen produzieren lässt, zuerst bei Zulieferern, seit dem Zusammenbruch des Kommunismus zusätzlich in eigenen Fabriken. Hergestellt werden meistens sogenannte Plattenmöbel, also oft günstige Regale, Schränke und Ähnliches aus Spanplatten.

Aber auch Designunternehmen wie etwa Vitra aus der Schweiz oder Hay aus Dänemark arbeiten mit polnischen Zulieferern zusammen. Das Land gilt als „verlängerte Werkbank“ der westeuropäischen Möbelbranche. Es gibt zahlreiche Produktionsstandorte, viele davon auf dem jüngsten Stand der Technik.

Die durch und durch dänische Marke Fritz Hansen verlagerte vor mehr als zehn Jahren sogar ihre Produktion komplett von Dänemark nach Polen und betreibt in Rawicz ein eigenes Werk. Dort stellt Fritz Hansen die berühmten Arne-Jacobsen-Entwürfe her, etwa die „Serie 7“-Stühle oder die „Swan“- und „Egg“-Sessel, ebenso wie zeitgenössische Designs. Das ist nicht nur günstiger als in Dänemark – es gibt auch viele gut ausgebildete Handwerker im Land.

„Egg“-Sessel von Fritz Hansen

„Egg“-Sessel von Fritz Hansen

© Frederik Vercruysse

Doch die immense Bedeutung als lukrativer Produktionsstandort und die handwerkliche und technische Kompetenz zählen offenbar wenig im Vergleich zu Ländern wie Italien, Dänemark oder auch Deutschland, die bekannt sind für eine starke nationale Designkultur. Und während es diesen Ländern gelingt, die eigene Designerzählung immer wieder zu aktualisieren, steht Polen abseits der Aufmerksamkeit.

Dabei blickt das Land selbst auf eine bedeutende Tradition in Gestaltung und Handwerk zurück. Zugleich hat sich in den vergangenen Jahren vor allem in Warschau eine vielfältige zeitgenössische Szene entwickelt – von jungen Möbelbrands und Designern bis hin zu Studios und Makern, die Collectible Design-Objekte schaffen.

„Wir gehören seit einigen Jahren zu den führenden Ländern in der Möbelproduktion, aber ein Großteil dieser Produktion wurde unter anderen Marken oder als ‚No-Name‘-Möbel verkauft“, sagt Maria Jeglinska-Adamczewska. „Viele Unternehmen aus der Branche gingen zuletzt an die nächste Generation über. Und einige haben erkannt, dass sie mit Designern zusammenarbeiten müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und sich abheben zu können.“

Jeglinska-Adamczewska ist Designerin mit Büros in Warschau und Paris, sie hat an der renommierten Designhochschule Écal in Lausanne studiert und unter anderem bei Konstantin Grcic gearbeitet. Zu ihren Auftraggebern gehören die Marke .mdd und die Designhotel-Kette Puro, beides polnische Unternehmen.

Gest Gest „Buste Hooks“

Gest Gest „Buste Hooks“

© Robert Swierczynski

Vor Kurzem hat sie mit GestGest auch eine eigene Designbrand gegründet. Zu den ersten Produkten gehören Wandhaken in Form weiblicher Brüste, ein kleiner Beistelltisch und der kunstvolle „Cabana“-Stuhl. Sie betont, dass polnische Unternehmen extrem anpassungsfähig seien und flexibel reagieren würden. So könne man in Polen viel schneller produzieren lassen als in Westeuropa, sagt die Designerin. Diese Vorteile machten sich in den vergangenen Jahren einige junge Firmen zunutze, die wie Tech-Start-ups agieren.

GestGest „Cabana“-Stuhl

GestGest „Cabana“-Stuhl

© Robert Swierczynski

Zu den hierzulande bekanntesten gehört sicher Tylko, das vor elf Jahren in Warschau gegründet wurde – als typische Internetbrand, die ohne Umweg über den Handel direkt an die Kundschaft verkauft. Das Konzept: Stauraummöbel wie Regale oder Kommoden, die sich jeder mit digitalen Werkzeugen selbst auf Maß planen und dann bei Tylko ordern kann. Die Stücke werden in Polen in automatisierten Fabriken hergestellt. Deutschland und vor allem Berlin sind ein wichtiger Markt, Anfang des Jahres hat die Marke einen eigenen Flagship-Store in der Hauptstadt eröffnet.

Bekannt für seine farbenfrohen Möbel: Das Unternehmen Tylko

Bekannt für seine farbenfrohen Möbel: Das Unternehmen Tylko

© Tylko

Ein anderes Beispiel für ein Design-Start-up aus dem Nachbarland ist Noo.ma, 2017 in Poznań im Osten gegründet und mit einer ganzen Kollektion von in Polen produzierten Wohnmöbeln und -accessoires am Markt. Noo.ma verkauft online Tische, Betten, Sofas, Teppiche, Leuchten, Heimtextilien und vieles mehr, die Produkte sind häufig bunt gestaltet und haben eine junge, modische Formensprache.

Wie Tylko ist auch Noo.ma neuerdings mit einem eigenen Flagship in Berlin Mitte vertreten, beide Läden liegen nur wenige Gehminuten auseinander. Doch trotz dieser erfolgreichen Gründungen, die es verstehen, Aufmerksamkeit für sich zu schaffen: Maria Jeglinska-Adamczewska findet, dass es in Westeuropa an Interesse an Gestaltung aus Polen und generell aus dem mittleren und östlichen Europa mangelt.

Auch Katarzyna Jordan hätte gerne mehr Aufmerksamkeit für Kreative aus ihrem Heimatland. „Die Stärke des polnischen Fertigungssektors verschafft Designern Zugang zu Know-how, Technologie und Produktionsinfrastruktur, die viele Länder sich wünschen würden“, sagt sie. Die Aufgabe sei es nun, „Polen nicht nur als Ort der Möbelproduktion anzuerkennen, sondern auch als Quelle einflussreicher Designideen.“ Jordan ist Verlegerin und Mäzenatin, mit ihrem Verlag Visteria gibt sie die polnischen Ausgaben von Vogue, Vogue Living und demnächst auch Harper‘s Bazaar heraus. Zudem hat sie sich der Förderung von zeitgenössischem Design und Handwerk aus Polen verschrieben und dazu die Visteria-Stiftung gegründet.

Katarzyna Jordan setzt sich für die Anerkennung von polnischem Design ein.

Katarzyna Jordan setzt sich für die Anerkennung von polnischem Design ein.

© x

Sie beobachtete in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung im polnischen Design. Jedoch: „Seine Sichtbarkeit kann mit seiner Qualität noch nicht ganz Schritt halten.“ Das zu ändern, dazu möchte sie beitragen. Gleich mit dem ersten großen Projekt der Stiftung, „Romantic Brutalism. A Journey into Polish Craft and Design“, ist das gelungen: Die Ausstellung war im vergangenen Jahr in Mailand zur Design Week zu sehen und sorgte für viel Interesse.

Kuratiert von der italienischen Designexpertin Federica Sala, zeigte die Schau Arbeiten von mehr als zwanzig polnischen Designern und Unternehmen wie Marcin Rusak, Formsophy, Splot Design, Filomena Smola und Marcin Kuberna.

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Ihre Gemeinsamkeit: Sie verbinden traditionelle Handwerkskünste und Gestaltung in Form von Einzelstücken und Kleinserien. Als Bezugspunkt fungierte die „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ 1925 in Paris, die nicht nur als Geburtsstunde des Art déco gilt, sondern auch des modernen polnischen Kunsthandwerks und Designs.

Sieben Jahre nach der Unabhängigkeit und auf der Suche nach einer eigenen Identität, präsentierte sich das Land dort mit einem Pavillon des Architekten Józef Czajkowski. „Was mich inspiriert, ist der außerordentliche Reichtum an Geschichten, die größtenteils noch nicht erzählt sind. Polnisches Design entwickelte sich unter oft alles andere als idealen Bedingungen – in Zeiten politischer Umbrüche, wirtschaftlicher Einschränkungen und gesellschaftlicher Transformationen“, erzählt Katarzyna Jordan.

Auf der Idee, zeitgenössisches Design in den historischen Kontext zu stellen, basierte auch die zweite große Ausstellung der Visteria-Stiftung: „Polish Modernism. A Struggle for Beauty“ war im April dieses Jahres in Mailand zu sehen, wieder anlässlich der Design Week. Nach dem Fokus auf Handwerk im vergangenen Jahr ging es dieses Mal um die spezifisch polnische Version der Moderne – repräsentiert durch Entwürfe von zeitgenössischen Designern und durch historische Möbel und Designobjekte aus den Sammlungen des Nationalmuseums in Warschau und der Kunstakademie Wrocław. So etwa ein Schalenstuhl aus Sperrholz von Władysław Wincze aus dem Jahr 1957 – mit Schlitzen in der Schale und einer integrierten Griffleiste.

Schalenstuhl aus Sperrholz von Władysław Wincze

Schalenstuhl aus Sperrholz von Władysław Wincze

© Asia Typek

Ein wunderbares Stück, das wahrscheinlich längst wieder in Produktion wäre, wäre es von einem dänischen Designer entworfen worden. Wincze gründete den Fachbereich Innenarchitektur an der Kunstakademie Wrocław und gilt als einer der wichtigsten polnischen Innenarchitekten. Mit einem markanten hölzernen Armlehnstuhl von 1931 in der Ausstellung vertreten: Jan Kurzątkowski, ebenfalls eine zentrale Figur des polnischen Designs und wie Wincze Mitglied der einflussreichen Künstlerkooperative „Ład“. Der Stuhl mit dem fast schon architektonischen Gestell wirkt erstaunlich aktuell. Er könnte ein Vorbild sein für vieles, was junge Designer heute entwerfen. Anders als ihre Kollegen aus Skandinavien, Italien oder Deutschland haben es diese Gestalter trotz der Qualität ihrer Entwürfe jedoch nicht in den internationalen Designkanon geschafft.

Ebenso wenig wie Wanda Telakowska, für Maria Jeglinska-Adamczewska die zentrale Figur im Nachkriegs-Polen. Als Gründerin und langjährige künstlerische Direktorin des Instituts für Industriedesign gab Telakowska die gestalterischen Leitlinien im zentralisierten sozialistischen Planungs- und Produktionssystem vor. Sie war „eine larger-than-life Person, die verstand, wie man sich im kommunistischen System bewegen musste.“ Von ihr stammt auch das Motto des Instituts: „Schönheit im Alltag – für alle.“

Das Institut hatte sieben Abteilungen und kümmerte sich praktisch um alle Lebensaspekte, von Hausrat und Möbeln bis hin zu Mode und Uniformen. Diese prägende Institution besteht bis heute, ihr Vermächtnis wird vom hauseigenen Archiv gepflegt. Als Partner der „Polish Modernism“-Ausstellung in Mailand beauftragte es zeitgenössische Designer, Klassiker des polnischen Möbeldesigns neu zu interpretieren, so etwa die Schrankwand „Meblościanka“ und den beweglichen Sessel „Amerykanka“.

Das Engagement von Katarzyna Jordan mit der Visteria-Stiftung oder auch des staatlichen Adam-Mickiewicz-Instituts ist ein wenig wie eine Wiedergutmachung für das polnische Design, das aufgrund der Geschichte des Landes nie wirklich in die Welt ausstrahlen konnte. Bis zur Unabhängigkeit und dem Ende der Teilung durch Russland, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn im Jahr 1918 fehlte schlicht die Basis für eine starke eigene Identität. Umso größer waren dann die Energie und Kreativität, die sich in den 1920er-Jahren Bahn brachen.

Gestaltung und Kunsthandwerk wurden Teil eines nationalen Kulturprojektes, und die Protagonisten suchten Anschluss an die internationale Moderne. Was Krieg und deutsche Besatzung jäh unterbrachen, wurde später unter den Vorzeichen der sozialistischen Planwirtschaft fortgeführt. „Ich würde polnisches Design als ein Design definieren, das maßgeblich durch den geopolitischen Kontext und lokale Bedingungen geprägt wurde“, sagt Maria Jeglinska-Adamczewska.

Auch Noo.ma mischt mit frischen Designs den Möbelmarkt auf.

Auch Noo.ma mischt mit frischen Designs den Möbelmarkt auf.

© Noo.Ma

„Es entwickelte sich aus diesen Umständen heraus.“ Bereits 1948 schrieb die Autorin und Feministin Irena Krzywicka in der Zeitschrift Robotnik über polnisches Design: „Es entstand aus Mangel – aus Leinen, Hanf, Hobelspänen, und manchmal auch aus allem möglichen Müll.“ Sie verstand Gestaltung nicht als ästhetische Verfeinerung, sondern als Akt kulturellen Widerstands einer Nation, die ihre Identität mittels Kunst, Literatur und Design prägte. Doch die Arbeit in der Mangelwirtschaft – vergleichbar mit der Situation der Gestaltung in der DDR – formte auch eine spezifische Haltung und Designkultur. „Nach dem Zweiten Weltkrieg zwang der fehlende Zugang zu zeitgemäßen Technologien und Materialien die Designer zu großem Erfindungsreichtum“, erklärt Jeglinska-Adamczewska.

„Ein passendes Motto wäre: Wie gestaltet man mit den minimalsten Mitteln?“ Katarzyna Jordan ist überzeugt, dass diese aus Mangel und Hindernissen erwachsene Kultur bis heute sichtbar ist und dass heutige Kreative aus diesem Erbe Kraft schöpfen können. „Zu verstehen, woher wir kommen, lässt uns besser imaginieren, wohin wir gehen könnten.“ Zumal Anpassungsfähigkeit, Erfindungsreichtum oder der kluge Umgang mit Ressourcen auch heute wieder als wichtige Eigenschaften für Designer gelten.

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