Reise

Brutalismus bis Boutique-Weingut

Der Staatszirkus von Chișinău: Ein monumentales Meisterwerk des sowjetischen Brutalismus aus dem Jahr 1981.

Der Staatszirkus von Chișinău: Ein monumentales Meisterwerk des sowjetischen Brutalismus aus dem Jahr 1981.

Luise Evers

Lesezeit 8 Min

Zwischen Sowjetarchitektur, junger Mode und frischem EU-Vibe spürt man den Wandel an jeder Ecke. Wer die Stadt jetzt entdeckt, ist ganz vorne mit dabei.

Als ich aus den Türen des kleinen Terminals des Flughafens von Chișinău trete, fällt mir zunächst die Anzahl der Reisebusse auf, die an der Straßenseite warten. Viele Passagiere würden in die Ukraine weiterreisen, erklärt mir mein Taxifahrer auf dem Weg in die Stadt. Das Binnenland Moldawien ist zwischen Rumänien und der Ukraine gelegen, wo seit mehr als vier Jahren Krieg herrscht, und ist damit einer der wichtigsten Transitflughäfen für Ukrainer geworden. Viele Ukrainer seien nach Kriegsausbruch temporär hergekommen, sagt er, und dann weitergezogen in die EU.

Moldawien kämpft seit 2022 um seinen eigenen Platz in der Europäischen Union, die Beitrittsverhandlungen laufen. Mit rund 720.000 Einwohnern lebt fast jeder dritte Moldawier in der Hauptstadt, in der Rumänisch gesprochen wird. Am Stadteingang thronen die sowjetischen City Gates, riesige Wohnkomplexe, die wie ein monumentales Tor über der Zufahrtsstraße aufragen.

An den ersten Einkaufszentren hängen EU-Fahnen neben den moldawischen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Das Land strebt gen Westen. Im Zentrum angekommen, fällt das goldene Abendlicht schräg durch die Baumkronen des Stadtparks, der sich zusehends füllt: Familien, junge Leute, Rentner auf Parkbänken. Chișinău ist sauber, fast herausgeputzt; frisch gepflanzte Bäume säumen die Boulevards, Blumenbeete zieren jede zweite Straßenecke.

Ich checke im Mimi Hotel ein, zentral am Parlament gelegen und Ableger des gleichnamigen Boutique-Weinguts. Warmes, indirektes Licht fällt auf eine freitragende Betontreppe. An der Wand darüber hängt ein gerahmter moldawischer Wandteppich mit Pfauenmotiv – tiefes Schwarz, Blattgrün, Rostrot. Tradition und Minimalismus. Abends gehe ich ins Artcor. Das Kunstzentrum liegt im Innenhof der Kunstakademie im historischen Zentrum: ein kompakter Betonkubus, außen in Cortenstahl gehüllt, innen Kassettendecken und Sichtbeton. Eine Außentreppe führt als Freiluftauditorium aufs begrünte Dach. Das Gebäude wurde 2020 mit dem Big See Architecture Award ausgezeichnet. Hier trifft zeitgenössischer Baustil auf das kreative Moldawien, das gerade zusehends wächst.

An diesem Abend zeigen lokale Modelabels ihre aktuellen Kollektionen. Was mich sofort in den Bann zieht, ist eine Marlene-Hose der Marke Pehova: maritimes Dunkelblau, feine Wolle, ein Schnitt, der sitzt. Ich nehme sie ohne Zögern mit. Viele der Kollektionen, die hier gezeigt werden, könnten genauso gut in den Straßen von Paris funktionieren.

Messerscharf geschnitten: Die Entwürfe von Pehova könnten genauso gut in der Londoner Savile Row zu finden sein.

Messerscharf geschnitten: Die Entwürfe von Pehova könnten genauso gut in der Londoner Savile Row zu finden sein.

© Pehova

Designerin Julia Allert zeigt avantgardistische Entwürfe mit präzisen Silhouetten. Das Label Georgette ist seit über einem Jahrzehnt für maßgeschneiderte Stücke aus natürlichen Materialien bekannt und wird unter anderem von der moldauischen Präsidentin Maia Sandu getragen. Ok Kino, gegründet von Modedesignerin Darya Golneva und Architekt Denis Caunov, produziert jedes Stück in limitierter Auflage aus hochwertigen Deadstock-Materialien italienischer Hersteller. Vogue Italia schrieb 2022 über sie, 2024 zeigten sie bei der London Fashion Week.

Designerin Lidia Pehova.

Designerin Lidia Pehova.

© Pehova

Danach geht es weiter ins Invino, zum Weinverkosten. Die Enoteca im Stadtzentrum hat über 250 moldawische Weine aus mehr als 30 Weingütern im Angebot. Der Sommelier serviert mir die Weine wie ein Menü, einen nach dem anderen, und erklärt dabei, was ich trinke.

Der Weißwein komme von Reben, die nahe am Fluss wachsen. Wenn Trauben zum Wasser schauen, würden die Weine fruchtiger, fast salzig – etwas in den Böden verändere sich. Ich frage, ob das stimme oder nur eine gute Geschichte sei. Er lacht. „Beides“, sagt er. An der Theke sitzt ein Banker aus Istanbul auf Geschäftsreise. Auch hier, wie schon im Taxi, kommt das Gespräch schnell auf die EU. Er und seine Kollegen schauen sich Immobilienprojekte an. Chișinău sei interessant geworden, seit die Beitrittsverhandlungen laufen.

Tag 2

Am nächsten Tag fahre ich zum Kloster Curchi, einer Sehenswürdigkeit rund 40 Kilometer nordwestlich der Stadt, tief im Codru-Wald. Das Kloster wurde 1773 gegründet und während der Sowjetzeit als psychiatrische Anstalt genutzt. Im Innenhof sitzen Katzen in der Sonne, aus der Kirche klingt leiser Gesang. Die dunklen Zwiebelkuppeln ragen über roten Backsteinfassaden in den Himmel. Vollkommene Stille, abgesehen von den Amseln.

Sehenswürdigkeit nordwestlich von Chișinău: Kloster Curchi.

Sehenswürdigkeit nordwestlich von Chișinău: Kloster Curchi.

© Luise Evers

Am Nachmittag geht es raus zu Hill & Valley, einem familiengeführten Öko-Bauernhof mit Weinanbau nur 30 Minuten von Chișinău entfernt am Rand des Codru-Waldes. Eine Moldawierin und ihr amerikanischer Mann haben ihn gegründet. Überhaupt, am zweiten Tag fällt mir etwas auf, das kein Reiseführer erwähnt: Auffallend oft begegne ich Moldawiern, die zurückgekehrt sind – beispielsweise aus Ungarn, den USA oder Italien. Menschen, die gegangen sind, als das Land keine Perspektive bot, und die jetzt wiederkommen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus einem tiefen Wunsch heraus, etwas Eigenes aufzubauen, an einem Ort, mit dem sie verwurzelt sind und auf den sie stolz sind.

Selbst Präsidentin Maia Sandu ist eine Rückkehrerin: Nach Jahren bei der Weltbank in Washington und beim IWF zog es sie zurück in die Heimat. Das Land, das einst seine Talente exportiert hat, beginnt sie also zurückzurufen.

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Traditionelle Musik im Glaspavillon von Hill & Valley bei Teleșeu, einer familiengeführten Eco-Farm mit eigenem Weinberg.

Traditionelle Musik im Glaspavillon von Hill & Valley bei Teleșeu, einer familiengeführten Eco-Farm mit eigenem Weinberg.

© Luise Evers

Neben Lavendelfeldern liegt das Herzstück des Weinguts: ein großer Glaspavillon hoch oben auf einem Hügel mit schwarzem Stahlgerüst und raumhohen Scheiben, umgeben von den grünen Hügeln Moldawiens, so weit das Auge reicht. Man isst, was die Saison hergibt, trinkt den Wein, der direkt am Hang unter dem Gebäude wächst, und schaut ins Tal auf alte Nussbaumhaine und das stille Dorf Teleșeu.

Zurück in der Stadt laufe ich zum Zirkusgebäude. Im Abendlicht ist es noch unwirklicher als erwartet. Der fächerförmige Betonbau mit Glasfassade wurde 1982 errichtet. Die schräg aufgefächerten Pfeiler greifen wie übergroße Finger in den Himmel, davor steht eine monumentale Bronzeskulptur mit Akrobaten, dahinter schwarze Bälle, die wie eingefroren an der Fassade zu schweben scheinen. Nach Angaben des UNDP hat die EU über 2,2 Millionen Euro in die erste Restaurierungsphase investiert, die 2024 abgeschlossen wurde. Ein Wahrzeichen auf dem Weg zurück zu sich selbst.

Der Romanița-Turm, 1978 bis 1986 erbaut, einst das höchste Gebäude der Stadt.

Der Romanița-Turm, 1978 bis 1986 erbaut, einst das höchste Gebäude der Stadt.

© Luise Evers

Wenige Kilometer weiter stehe ich vor dem Romanița-Turm und schaue nach oben. Wellenförmige Betonbalkone übereinander, Etage um Etage, geschwungen wie Schuppen eines riesigen Fisches, bis ganz oben eine runde Scheibenstruktur wie ein gestrandetes Raumschiff thront. An einem der Balkone hängt Wäsche. Zwischen 1978 und 1986 vom Architekten Oleg Vronski erbaut, war er einst das höchste Gebäude der Stadt. Zweimal stand der Turm auf der Abrissliste, zweimal fehlte der Stadt das Geld. Denkmal oder Problemfall – darüber streitet Chișinău noch. Also besser besuchen, solange er noch steht.

Tag 3

Vormittags gehe ich in die Galerie Lutnița. Die 2022 gegründete Kunsthandlung befindet sich in einem von außen sanierten Gebäude, im Innenraum herrscht Edgy Chic mit abblätternden Wänden. Ausgestellt sind großformatige Ölgemälde – surrealistisch, körperlich, mit dunklem Humor. Auf einem Bild balanciert eine kleine Frau im Bikini auf einer Kanonenkugel, über ihr ein übergroßer Männerfuß, der alles zu erdrücken droht.

Die zeitgenössische Galerie Lutnița bringt Chișinău auf die internationale Kunstlandkarte, hier mit surrealistischen Werken des moldawischen Künstlers Mark Verlan.

Die zeitgenössische Galerie Lutnița bringt Chișinău auf die internationale Kunstlandkarte, hier mit surrealistischen Werken des moldawischen Künstlers Mark Verlan.

© Luise Evers

Auf einem anderen drängen sich zwei lachende Frauengesichter ganz nah ins Bild, Stirn an Stirn, geschmückt mit roten Punkten und zartem Körperschmuck. Die Galeristin erklärt mir leise, dass es eine Hommage an die queere Community des Landes sei, die noch weitgehend im Verborgenen lebt, aber wächst. Kunst sagt, was die Gesellschaft noch nicht laut sagen kann.

Als ich später mit einem Iced Vanille Matcha durch die Straßen flaniere, sehe ich einen dunkelgrünen Porsche vor einer graffitibedeckten Sowjetfassade. Zwei junge Leute sitzen daneben und rauchen. Chișinău in einem Bild.

Facettenreiches Stadtleben: ein dunkelgrüner Porsche vor graffitibedeckter Sowjetfassade in Downtown Chișinău.

Facettenreiches Stadtleben: ein dunkelgrüner Porsche vor graffitibedeckter Sowjetfassade in Downtown Chișinău.

© Luise Evers

Am Abend fahre ich zum Mutterschiff meiner Unterkunft: Das Boutique-Hotel Castel Mimi liegt eine Stunde außerhalb der Stadt inmitten der Reben. Fünf-Sterne-Bungalows vom italienischen Designer Arnaldo Tranti, Pool, Spa mit Weinbädern und Traubenkernmassagen. Der Wein zum Abendessen kommt aus dem Keller direkt darunter. Internationale Bekanntheit erlangte das Schloss 2023 als Gastgeber des Gipfels der Europäischen Politischen Gemeinschaft, bei dem 45 Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa zusammenkamen.

Tag 4 – Abreise

Am nächsten Morgen stehe ich noch ganz beseelt von dieser Reise am Flughafen und denke an den Taxifahrer vom ersten Abend. Er hatte gefragt, was mir am besten gefalle. Jetzt, am Ende meiner Reise durch seine Stadt, hätte ich die Antwort: dass es faszinierend ist, einer Stadt beim Erwachen zuzuschauen. Weil der Wille, den ich hier überall gespürt habe – bei den Designerinnen, den Winzern, den Zurückgekehrten –, ansteckend ist. Moldawien wartet nicht mehr. Es ist bereits unterwegs.

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