Beim 18. Brics-Gipfel in Neu-Delhi ist am Samstagnachmittag doch noch eine gemeinsame Abschlusserklärung offiziell verkündet worden– nach Verhandlungen, die sich bis vier Uhr morgens hinzogen und die Differenzen zwischen Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Schatten des Krieges in Westasien überbrückten. Für besondere Aufmerksamkeit sorgt der Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, seine erste Reise auf den Subkontinent seit 2019, sowie ein für den Abend angesetztes bilaterales Gespräch mit Premierminister Narendra Modi. Für die Presse bleibt die Berichterstattung vor Ort auffällig eingeschränkt. Dieser Zeitung liegt das vollständige Dokument bereits vor.
Einigung bei Brics-2026: Die Delhi-Erklärung im Wortlaut auf Deutsch
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Die akkreditierten Journalisten sind im Media Center in einem Kilometer Luftlinie untergebracht und weitgehend auf WhatsApp-Kontakte zu Delegationsmitgliedern angewiesen, um überhaupt an kleinere Informationsbrocken aus den Verhandlungssälen zu gelangen. Eine Kollegin der indischen Tageszeitung The Hindu begrüßte den Korrespondenten dieser Zeitung mit den Worten: „Zunächst einmal: Willkommen in Indien. Und willkommen in der Welt von Brics, wo alles deutlich stärker ‚kontrolliert‘ ist.“
Immerhin schaute UN-Generalsekretär António Guterres am Samstag kurz im Saal vorbei. Reporter des russischen Staatssenders RT scherzten, im Media Center interviewten sich vor allem Journalisten gegenseitig, die alle vorgäben, nah am Geschehen zu sein – während sie darüber schweigen müssten, dass sie es nicht sind.
Ein Absatz blockierte die Delhi-Erklärung
Während der Zugang zu Informationen kontrolliert bleibt, rangen die Unterhändler der elf Mitgliedstaaten am Freitagabend (11. September 2026) noch um eine gemeinsame Abschlusserklärung. Nach Angaben diplomatischer Quellen sei „fast der gesamte Text“ konsensfähig – bis auf einen einzigen Absatz. Dabei ging es um die Bewertung des von den USA und Israel begonnenen Krieges gegen den Iran sowie um die iranischen Angriffe auf Einrichtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und weiteren Staaten Westasiens.
Iran und die VAE, beide 2024 in die Gruppe aufgenommen, blockierten mit ihrer Auseinandersetzung schon das ganze Jahr über gemeinsame Erklärungen. Beim Außenministertreffen Mitte Mai musste der indische Außenminister S. Jaishankar eine „Zusammenfassung des Vorsitzes“ verlesen, weil kein gemeinsamer Text zustande kam. Iran verlangt eine klare Verurteilung des Vorgehens von USA und Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate eine „gleichwertige Verurteilung“ der iranischen Angriffe.
Mit Spannung erwartet: Der chinesische Präsident Xi Jinping (l) und der indische Ministerpräsident Narendra Modi reichen sich bei einer Begrüßungszeremonie auf dem Brics-Gipfel die Hand.
© Alexander Kazakov/Pool Sputnik Kremlin via AP/dpa
Teheran lehnt dies mit dem Argument ab, sich damit gewissermaßen selbst kritisieren zu müssen, und verweist darauf, seine Attacken in der Golfregion seien „Selbstverteidigung“ und hätten sich auf US-Militärstandorte und deren Zulieferer beschränkt. „Wir verhandeln weiter über das Abschlussdokument“, sagte ein mit den Gesprächen vertrauter Beamter dieser Zeitung. Andere Delegationen zeigten sich zuversichtlich, ähnlich wie beim G-20-Gipfel 2023 – damals hatte Indien trotz der Spaltung durch den russischen Krieg gegen die Ukraine eine gemeinsame Erklärung durchgesetzt. Nun auch dieses Jahr.
Einigung erst um vier Uhr morgens
Am Samstagmittag kam die Nachricht: Die elf Brics-Staaten haben sich doch noch auf einen gemeinsamen Text verständigt. Nach Angaben indischer Regierungsquellen zogen sich die entscheidenden Gespräche bis vier Uhr morgens hin. Indien habe die zähen Konsultationen geführt, um die konkurrierenden Positionen zu überbrücken. Da Brics im Konsens entscheidet, hätte ein einzelnes Mitglied die Erklärung blockieren können.
Als besonders heikel galt bis zuletzt die gleichzeitige Mitgliedschaft von Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vor dem Hintergrund des andauernden Krieges in Westasien und der iranischen Angriffe auf Einrichtungen in der Golfregion war ein gemeinsamer Text lange nicht in Sicht.
Nach Darstellung der indischen Regierungsquellen habe die diplomatische Vermittlung Neu-Delhis verhindert, dass die Differenzen den Brics-Prozess entgleisen ließen.
Deutliche Worte zu Gaza und Westasien
Der am Ende beschlossene Text nennt die Konfliktparteien in Westasien nicht namentlich, wird aber in mehreren Passagen zu Gaza und dem Nahen Osten sehr konkret. Die Staats- und Regierungschefs zeigen sich „ernsthaft besorgt“ über die anhaltende Eskalation in Westasien und rufen zu „größtmöglicher Zurückhaltung“ auf. Ausdrücklich verurteilt wird die Verletzung von zivilen und friedlichen Nuklearanlagen unter Aufsicht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) – eine kaum verhüllte Anspielung auf die Angriffe auf iranische Atomeinrichtungen.
Zum Gaza-Krieg fordern die Brics-Staaten die Umsetzung der einschlägigen Resolutionen des UN-Sicherheitsrats und der Generalversammlung, die Aufrechterhaltung der Waffenruhe vom Oktober 2025, gegen die weiter verstoßen werde, sowie den vollständigen und ungehinderten humanitären Zugang. Die Erklärung wendet sich gegen jede Politik der erzwungenen Vertreibung der Palästinenser aus dem Gazastreifen und lehnt Maßnahmen ab, die die „unveräußerlichen Rechte des palästinensischen Volkes“ untergraben oder die Besatzung legitimieren könnten.
Ausdrücklich wird die Zwei-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967 mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt sowie eine Vollmitgliedschaft Palästinas in den Vereinten Nationen befürwortet. Verurteilt werden zudem der Hunger als Kriegsmittel, Angriffe auf zivile Infrastruktur einschließlich Krankenhäusern sowie die Behinderung humanitärer Hilfe. Auch für den Libanon fordert der Text die vollständige Umsetzung der UN-Resolution 1701 und den Rückzug israelischer Truppen aus dem libanesischen Staatsgebiet.
Erste Xi-Reise nach Indien seit 2019
Für besondere Aufmerksamkeit sorgt der Besuch Xi Jinpings, der unterdessen eingetroffen ist. Dazwischen liegen der tödliche Grenzzusammenstoß im Galwan-Tal im Juni 2020, bei dem indische und chinesische Soldaten mit Nagelknüppeln aufeinander losgingen, und ein jahrelanges diplomatisches Schweigen auf höchster Ebene. Bis zuletzt war unklar, ob das Treffen wirklich stattfindet.
Für Samstagabend ist nun ein bilaterales Gespräch zwischen Xi und Modi angesetzt, das nach Angaben diplomatischer Quellen zwischen 45 Minuten und einer Stunde dauern soll. Welchen strategischen Wert das Treffen hat, darüber streiten Kommentatoren in Delhi und Peking.
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Auch chinesische Journalisten im Media Center äußerten die Einschätzung, es sei zumindest positiv, dass Xi und Modi überhaupt wieder Gelegenheit zum direkten Kontakt hätten – und legten nahe, indische Kollegen ähnlich einzuschätzen. Xi wird von einer 67-köpfigen Regierungsdelegation begleitet, darunter das Politbüro-Ständigkeitsmitglied und Xi-Vertraute Cai Qi sowie Außenminister Wang Yi.
Der Besuch dauert exakt 24 Stunden: Ankunft am Samstag um 12.10 Uhr, Abflug am Sonntag um 12.20 Uhr. Peking erklärte, beide Seiten wollten Differenzen „richtig handhaben“ und als „gute Nachbarn und Partner“ zusammenarbeiten. Grundlage ist die Annäherung seit dem Treffen der beiden Staatschefs am Rande des Brics-Gipfels in Kasan 2024, das die vollständige Entflechtung im östlichen Ladakh besiegelt hatte. Seitdem trafen sich die Sonderbeauftragten für Grenzfragen bereits dreimal; das jüngste Treffen im August 2026 endete mit acht Punkten, darunter der Entscheidung, Eckpunkte für eine frühe Teillösung der Grenzziehung festzulegen.
Für China ist der Besuch auch deshalb bedeutsam, weil das Land im kommenden Jahr die Brics-Präsidentschaft von Indien übernimmt. Modi wiederum dürfte in dem Gespräch seine Anliegen zu fairem Marktzugang, verlässlichen Lieferketten und einem ausgeglichenen bilateralen Handel deutlich machen.
Modi setzt auf bilaterale Gespräche
Modi soll die Bedeutung einer gemeinsamen Erklärung in allen Einzelgesprächen am Freitag betont haben, darunter mit Irans Präsident Massud Peseschkian und dem russischen Staatschef Wladimir Putin, der als enger Verbündeter Teherans Einfluss auf die iranische Führung besitzt.
Am Samstagmorgen traf Modi den Kronprinzen von Abu Dhabi, Khaled bin Mohamed bin Zayed Al Nahyan, der seinen in Deutschland weilenden Vater, Präsident Mohamed Bin Zayed, vertritt. Dass die VAE ihren Kronprinzen und nicht einen Minister entsenden, werten diplomatische Kreise als Zeichen für die Bedeutung, die dem indischen Gastgeber beigemessen wird.
Putin hält eine symbolische Erklärung hoch, um den Abschluss der Einigung für die anwesenden Medien festzuhalten.
© ALEXANDER KAZAKOV
Auffällig war der Empfang für Peseschkian: Modi geleitete ihn persönlich – die Hand fest haltend – durch das Brics-Business-Forum. Der iranische Präsident ist zudem der einzige Staatsgast, der laut Außenministerium mit Präsidentin Draupadi Murmu zusammentrifft.
An der Hauptsitzung am Samstagnachmittag im Bharat-Mandapam-Komplex nehmen die Staatschefs von acht Mitgliedern teil: Russland, Indien, China, Ägypten, Äthiopien, Südafrika, Indonesien und Iran. Brasiliens Präsident Lula da Silva lässt sich wegen anstehender Wahlen von Außenminister Mauro Vieira vertreten.
Saudi-Arabien, dem 2024 die Mitgliedschaft zugesprochen wurde, das ihr aber bislang nicht formell beigetreten ist, schickte Außenminister Farhan bin Saud. Auch Guterres nimmt an der Sitzung unter dem Motto „Globale Governance und Stärkung des Multilateralismus“ teil. Am Rande der Beratungen besuchen die Staats- und Regierungschefs eine Ausstellung zu indischer Innovation und beteiligen sich an einer gemeinsamen Baumpflanzung.
Brics von den Kriegsfolgen hart getroffen
Die Gruppe ist von den Folgen des Krieges besonders betroffen. Neben den direkten Angriffen auf iranisches und emiratisches Territorium – die VAE wurden wiederholt Ziel iranischer Drohnen- und Raketenschläge – leiden weitere Mitglieder unter der Schließung der Straße von Hormus für den Frachtverkehr, steigenden Energiepreisen und Versorgungsengpässen.
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Auch weitere Konfliktherde greift die Delhi-Erklärung auf: In Bezug auf Sudan äußern sich die Staats- und Regierungschefs „zutiefst besorgt“ über die humanitäre Krise und rufen zu einer sofortigen und dauerhaften Waffenruhe auf. Zu Syrien bekennen sie sich zu Souveränität, Unabhängigkeit und territorialer Integrität und fordern den Rückzug „besetzender Kräfte“.
Zudem verurteilt der Text ausdrücklich den Terroranschlag in Jammu und Kaschmir vom 22. April 2025, bei dem 26 Menschen getötet wurden – ein wichtiges Anliegen des Gastgebers Indien. Neu ist auch eine schärfere Ablehnung „unilateraler Zwangsmaßnahmen“ außerhalb des UN-Sicherheitsrates sowie ausdrücklicher Widerstand gegen Instrumente wie Grenzausgleichsmechanismen für CO₂-Emissionen, die Entwicklungsländer nach Auffassung der Gruppe benachteiligen.
An dem zweitägigen Gipfel nehmen neben den elf Mitgliedstaaten auch zehn Partnerländer sowie internationale Organisationen teil. Zu den Partnerländern zählen seit vergangenem Jahr Belarus, Bolivien, Kasachstan, Kuba, Malaysia, Nigeria, Thailand, Uganda, Usbekistan und Vietnam. Brics repräsentiert nach indischen Angaben rund 49,5 Prozent der Weltbevölkerung, etwa 40 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts und rund 26 Prozent des Welthandels.
Unter indischer Präsidentschaft, die Neu-Delhi am 1. Januar 2026 übernommen hat, fanden nach Angaben des Außenministeriums bereits über 350 Treffen in mehr als 25 indischen Städten statt. Leitmotiv der indischen Präsidentschaft sind die vier Säulen Resilienz, Innovation, Kooperation und Nachhaltigkeit, verbunden mit einem als „humanity first“ bezeichneten Ansatz.
Dammu Ravi, ehemaliger Sekretär für multilaterale und wirtschaftliche Beziehungen im indischen Außenministerium, der viele der Brics-Verhandlungen selbst geführt hat, sagte, angesichts der geopolitischen Spannungen und der wirtschaftlichen Unsicherheiten sei die Teilnahme aller Staatschefs am 18. Brics-Gipfel „eine Bekräftigung ihres kollektiven Vertrauens und ihres Engagements für Brics“.
Für Indien sei es eine „ausgezeichnete Gelegenheit“, Lösungen für die Herausforderungen eines nach Aufstieg strebenden globalen Südens in den Mittelpunkt zu rücken und dabei die Stärken der Mitglieder zu bündeln. Indien richtet den Brics-Gipfel zum vierten Mal aus – nach Delhi 2012, Goa 2016 und dem virtuellen Format 2021.
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