Pop

Agnes Obel: „Berlin war für mich eine Offenbarung – die Berliner sind direkter, ungenierter, ehrlicher“

Die Dänin Agnes Obel ist eine der aufregendsten Musikerinnen, die Berlin hat. Auch David Lynch war Fan ihrer melancholischen Klavierballaden. Wir haben sie getroffen.

7 Min
„In Berlin spürte ich sofort eine enorme Weite“: Agnes Obel

„In Berlin spürte ich sofort eine enorme Weite“: Agnes Obel

© Alex Brüel Flagstad

In jedem Land erklingt ihr Name anders. „In Polen nennen sie mich schon mal Agnieszka.“ Agnes Obel schmunzelt vergnügt und nippt an ihrem Cappuccino, als wir uns in der Friedrichshainer Anima-Bar treffen, unweit der Eastside Gallery. „Es hat etwas Befreiendes, wenn der eigene Name an jedem Ort anders klingt – fast so, als schlüpfe man für einen Moment in eine neue Persönlichkeit.“

Agnes Obel muss es ja wissen. Längst ist die seit 20 Jahren in Berlin lebende Dänin ein globaler Star, nachdem schon ihr Debüt-Album „Philharmonics“ (2010) in Dänemark Platz 1 der Charts und sechsfachen Platinstatus erlangt hatte. Ihre aktuelle Konzertreise führt Agnes Obel bis nach Neuseeland und Australien. Mit ihren oft klavierbasierten, manchmal streichersatten und stets eindringlich gesungenen Kammerpop-Balladen erreicht sie ein Millionenpublikum. Auch Regie-Legende David Lynch war zu Lebzeiten ein Fan. Aber dazu später mehr.

„Ich hab mich augenblicklich in Berlin verliebt“

Als Agnes Obel 2006 erstmals nach Berlin kam (damals noch als Studentin der Medienwissenschaft), war es Februar und eisig kalt. „Ich hab mich augenblicklich in Berlin verliebt“, sagt sie, die leise spricht für eine Sängerin. Aber doch voller Überzeugungskraft. Sie schwärmt vom Haus der Kulturen der Welt, all den zwischengenutzten Räumen seinerzeit samt vielen Ateliers: „Für mich als junge Musikerin in ihren 20ern war diese Stadt eine Offenbarung!“

In Kopenhagen war der Raum knapp. Sie und ihr Partner teilten sich eine winzige Einzimmerwohnung im Stadtteil Christianshavn. Proberäume waren kaum zu bekommen oder unbezahlbar. „In Berlin hingegen spürte ich sofort eine enorme Weite – physisch durch die breiten Straßen und die hohen Decken. Aber vor allem mental.“

Auch die kulturellen Codes waren erfrischend anders: „Die Berliner sind direkter, ungenierter, ehrlicher“, sagt Obel, und sie mag das: Man müsse nicht erst lange Phasen sozialer Höflichkeit durchlaufen. „Zu Hause in Kopenhagen spürte man schon mit 20 Jahren den Druck, schnell Karriere zu machen und über Geld zu sprechen. In Berlin schien all das niemanden zu kümmern.“ Kurzum: Sie packte ihre Sachen und zog her.

„Diese <a href="https://www.berliner-zeitung.de/category/schoeneberg">Schöneberg</a>-Melancholie hat mein ‚Aventine‘-Album geprägt“: Agnes Obel

„Diese Schöneberg-Melancholie hat mein ‚Aventine‘-Album geprägt“: Agnes Obel

© Alex Brüel Flagstad

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„Blumen und Plattenbauten in Marzahn sind magisch“

Viele Jahre hat sie nahe dem Hermannplatz gewohnt. Inzwischen ist sie immer noch Neuköllnerin. Aber sie wohnt mehr in Richtung Kreuzberg, Alt-Treptow. Auch Schöneberg nimmt einen besonderen Platz in ihrem Herzen und in ihrem Werk ein. Als sie ihr zweites Album „Aventine“ (2013) schrieb, lebte sie dort zeitweilig, da ihr Partner und sie eine kleine Beziehungspause eingelegt hatten. „Die alten Kneipen, die Architektur und diese ganz spezifische Schöneberg-Melancholie haben das Album stark geprägt“, erzählt uns Obel.

Sowieso bleibt Berlin für sie auch nach all den Jahren noch „ein Ort ständiger Entdeckungen“, auch wenn sie am Rande diplomatisch erwähnt, die Berliner Fahrradwege wären doch noch verbesserungsfähig im Vergleich zu Kopenhagen. Neuerdings hat sie sich in den  Erholungspark Marzahn verliebt. Dort in den Gärten der Welt hat sie gerade im August ein Open-Air-Konzert gespielt: „Diese prachtvollen Blumen. Und die aufragenden Plattenbauten dahinter. Das hat einen ganz eigenen, magischen Reiz.“

Apropos Blumen. „The Meaning Of Flowers“ heißt Agnes Obels neues, ihr fünftes Studioalbum. Sechs Jahre lang mussten die Fans sich gedulden. Aber unterdessen ist Obel auch Mutter geworden. Ihre Tochter ist inzwischen fünf. Und auch die Platte kreist gewissermaßen um das Thema Mutterschaft – obwohl Obel das Wort selbst vermeidet: „Das Werden und Vergehen, das Geborenwerden ist ein universelles menschliches Thema, das weit über das Geschlecht hinausreicht.“

Der Albumtitel „The Meaning of Flowers“ geht zurück auf den italienischen Philosophen Emanuele Coccia. Die Blume steht bei ihm für die innere Logik der Natur, für das Erblühen, Welken und Wiederkehren. „Angesichts der schier unendlichen Weite des Kosmos brauchte ich ein kleines, fragiles Symbol, das diese Größe widerspiegelt“, so Obel.

Auf der Suche nach einer Sprache für das Thema stieß sie auch auf Hannah Arendts Philosophie der Natalität in deren Theorie-Hauptwerk „Vita activa“ (1958): Arendt nutzt den Begriff der Geburt als Metapher für die dem Menschen innewohnende Fähigkeit, stets einen Neuanfang zu wagen. „Ein tief hoffnungsvoller Gedanke“, befindet Obel.

Noch weiter zurück in die Kulturgeschichte führte Obel bei ihren Recherchen zum Album-Konzept die Entdeckung von Enheduanna, der ältesten namentlich bekannten Dichterin der Menschheit: „Ihre 4000 Jahre alten Hymnen an die Göttin Inanna beschreiben eine naturgewaltige, unzähmbare Kraft“, so Obel.

Diese uralte Poesie spiegele ihre eigenen Gedanken wider. „Und sie zeigte mir, dass die menschliche Erfahrung über Jahrtausende hinweg miteinander verbunden ist.“ Für das Album hat sie sich von diesen antiken Texten inspirieren lassen, „um meiner eigenen Sprache eine kraftvollere Dimension zu verleihen“. Los geht es bei Agnes Obel aber immer mit den Klängen. Dann erst finden die Worte Einzug in die Lieder.

„Dieses Urchaos wollte ich erfahrbar machen“

Auch klanglich hat sich Obel einiges einfallen lassen! Zwar wirkt „The Meaning of Flowers“ wie organisch gewachsen auf ihrem bisherigen Œuvre – und aus diesem heraus. Und doch klingt manches jetzt sehr anders. Zum einen spielen Beats eine tragendere Rolle.

Das hängt mit einer zentralen Erkenntnis Obels im Kontext dieser Platte zusammen: Das Universum ist zutiefst chaotisch und auch überwältigend – genau wie unsere eigene Biologie. „Dieses Urchaos wollte ich musikalisch erfahrbar machen“, sagt Obel. „Schlagzeuge eignen sich hervorragend dafür, weil Rhythmus einerseits Struktur schafft, andererseits aber eine enorme Fülle an Information und Dynamik transportiert.“

„Meine Beziehung zum Klavier wandelt sich mit jedem Projekt“: Agnes Obel

„Meine Beziehung zum Klavier wandelt sich mit jedem Projekt“: Agnes Obel

© Alex Brüel Flagstad

So hat sie mit brasilianischen Drum-Samples experimentiert und den Schlagzeuger Julian Sartorius angeheuert, dessen eklektisches Spiel Obels Liedern eine ganz neue Energie verleiht. Das für Obel einst so elementare Klavier hingegen tritt nun öfter in den Hintergrund: „Meine Beziehung zum Klavier wandelt sich mit jedem Projekt“, sagt sie. Sie frage sich stets, welche Geschichte der Song erzählen wolle. „Und ob das klassische Klavier dafür noch das richtige Instrument ist.“

Ein weiterer wichtiger Punkt ist Obels Verfremdung ihrer eigentlich glockenklaren (manche sagen: engelhaften) Sopranstimme. Erstmals drastisch digital heruntergepitcht hatte Obel ihre Vocals 2016 für den „Familiar“-Track vom „Citizen of Glass“-Album. Bis heute eines ihrer beliebtesten Lieder.

Man meinte damals, sie würde im Duett mit einem Manne (Scott Walker?) oder einem androgynen Geist singen. Dabei „duettierte“ sie nur mit sich selbst. Auf dem neuen Album treibt Obel dieses im besten Sinne irritierende Soundspiel noch deutlich weiter. „Durch das Herabsetzen meiner Vocal-Tonhöhe und das Verzerren der Synthesizer bekommt der Klang etwas Wackliges, Dunkles und leicht Unheimliches“, erklärt es Obel trefflich.

E-Mail von David Lynch: Spam oder große Kunst?

Kein Wunder, dass mit ihrer Musik auch Kult-Regisseur David Lynch viel anfangen konnte. 2014 erstellte er (ungefragt!) einen Remix von Obels „Fuel to Fire“-Song. „Das gehört zu den bedeutendsten Momenten meines Lebens“, sagt Obel und wirkt dabei feierlich ergriffen. Sicher auch, weil der Tod des Regie-Maestros noch nicht weit zurück liegt.

Damals jedenfalls, als die Mail mit dem Remix bei ihr eintraf, konnte sie es kaum glauben. Sie hielt die Nachricht zunächst gar für Spam. Die Lynch-Mystery-Serie „Twin Peaks“ (die sie „viel zu früh“ sah) hatte sie als Jugendliche tief geprägt und traumatisiert, wie sie sagt. „Für mich war Lynch der einflussreichste Künstler überhaupt. Und er hat meinen Song sofort verstanden, ohne jegliche Erklärung.“

Wie ihre eigenen Ideen zur Musik entstehen, das hingegen ist Obel bis heute oft ein Rätsel. „Es fühlt sich dann so an, als ob ein Einfall gar nicht wirklich von mir stammt.“ Kreation als Mystery. „Wenn der Einfall gut ist, verliebe ich mich in ihn und folge ihm“, sagt Agnes Obel. Dazu brauche sie jedoch Ruhe und Stille. Wenn das Leben zu laut werde, sei sie zu abgelenkt, um „diesem zarten Impuls“ zuzuhören: „Ohne äußere Reize entsteht keine Idee. Aber ohne Stille kann sich die Idee nicht entfalten.“

Agnes Obel: The Meaning of Flowers. Deutsche Grammophon/Universal, 2026. Berlin-Konzert: 13. November 2027, Uber Eats Music Hall, Karten erhältlich im Ticketshop der Berliner Zeitung.

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