Was das fulminante Finale von Goran Bregovićs Streifzug durch die deutsche Republik am wenigsten gebraucht hätte, sind die Sitzplätze im Berliner Stage Theater des Westens. Die meisten dürften Bregović von seinen legendären Freiluftkonzerten kennen, doch der explosive Sound seiner neunköpfigen Wedding & Funeral Band sprengt schnell das neobarocke Mauerwerk des Zuschauersaals.
Spätestens nach der neuen Nummer „Ouzo and Banana“ hält es die nächsten zwei Stunden so gut wie keinen mehr auf den roten Samtpolstern. Rasende Blechbläser, asymmetrische Rhythmen, Brass, Jazz und Volksweisen treffen im schwindelerregenden Wechsel auf Melancholie und überschwänglichen Exzess.
Genau das ist der charakteristische Bregović-Sound, für den der in Sarajevo geborene Ausnahmemusiker von seiner Fangemeinde zu Recht gefeiert wird. Viele sind sogar extra aus Polen angereist, wo Bregović dank seiner langjährigen Zusammenarbeit mit der Sängerin Kayah ein besonderes Standing hat.
Der Berliner Auftritt wirkt wie ein polyglottes Familientreffen unter freiem Himmel, auf dem unter anderem auf Griechisch, Spanisch, Italienisch, Serbisch oder Romani gesungen, getanzt und gefeiert wird – nicht wie eine beliebig vom Schicksal zusammengewürfelte Masse von Konzertgängern.
Im Mittelpunkt stehen mit Gesang, Gitarre und Percussion Bregović selbst sowie der gebürtige Kosovare, inzwischen in Serbien lebende, Muharem Redžepi am Goč, einem traditionellen und im Balkanraum verbreiteten Percussion-Instrument. Doch eigentlich wird diese Formulierung dem Ensemble nicht gerecht: Erst das Zusammenspiel aller Bläser von Klarinette (Stojan Dimov) bis Posaune (Miloš Mihajlović/Aleksandar Rajković) entfacht diese treibende Kraft, die Bregovićs Kompositionen ausmacht.
Für die gesangliche Unterstützung und wichtig für die zum Teil polyphonen „Frauenchöre“ – auch die sind typisch Bregović – steht das bulgarische Gesangsduo aus Ludmila Radkova-Trajkova und Daniela Radkova-Aleksandrova auf der Bühne. In bunter Tracht und mit gelegentlichen Volkstanzeinlagen untermauern sie einmal mehr den folkloristischen Aspekt in Bregovićs Repertoire. Auf der Setlist stehen neben neuen Songs des zum Jahresende erscheinenden „God is not your Babysitter“ bekannte Klassiker wie „Gas Gas“ vom Konzeptalbum „Karmen (With a Happy End)“ und Filmmusik.
Von der Rockmusik zum Weltruhm
Um den von Bregović ausgehenden Sog und die Vielfalt des gesamten Abends zu verstehen, lohnt der Blick auf die Anfänge. Seine musikalische Sozialisation beginnt im Sarajevo der Sechzigerjahre mit dem Bass und handfestem Rock ’n’ Roll. 1974 gründete er die Band Bijelo Dugme, was übersetzt so viel wie „Weißer Knopf“ bedeutet. Mit ihr sollte er zum größten Rockphänomen Jugoslawiens werden.
Ihr Gemisch aus Hardrock, westlichen Vorbildern wie Led Zeppelin und heimischen Folk-Elementen löste eine regelrechte „Dugmemanija“ aus – allein das zweite Studioalbum verkaufte sich mehr als 200.000-mal. Der Hype um Bijelo Dugme hält sich bis heute: Im Januar 2027 wird die Band zum 50. Jubiläum in Reunion durch Deutschland touren – und in der Uber Eats Music Hall dann ihre größten Kulthits feiern.
Doch der eigentliche Sprung über die Grenzen Jugoslawiens gelang Bregović erst mit dem Kino. Ende der Achtziger komponierte er für Emir Kusturicas „Die Zeit der Zigeuner“. Das dafür von Bregović adaptierte Volkslied „Ederlezi“ ist eines seiner bekannteren Arbeiten und vielleicht der einzige Konzertmoment, bei dem man an etwas wie Taschentücher denken muss.
1993 folgte der Soundtrack „Arizona Dream“. Das Lied „In the Deathcar“, damals mit Iggy Pop am Mikrofon, performt Bregović in Berlin kurz vor der großen Zugabe alleine auf der Bühne. Auch die Titel „Kalashnikov“ und „Mesečina“ vom Soundtrack der Politgroteske „Underground“ gehören bis heute zu den zuverlässigsten musikalischen Brandsätzen Bregovićs und dürfen an diesem Abend nicht fehlen.
Live mit großer Band-Besetzung: Goran Bregović im Berliner Theater des Westens
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
„Gott ist nicht dein Babysitter“
„Gott ist nicht dein Babysitter“: So lautet nicht nur der Titel der anstehenden Platte, sondern auch das moralische Motto des Abends. Gott hat in seinem Terminkalender nicht vorgesehen, uns beizubringen, wie wir miteinander leben sollen. „Das müssen wir schon selbst lernen!“
Mit diesen Worten schließt Bregović schon zu Beginn seines Auftritts eine Anekdote um die CNN-Reporterin Rebecca Weiss, die in Jerusalem mit einem gewissen Herrn Horowitz in Berührung kam. Dieser, so Bregović, erzählte, dass er seit 60 Jahren jeden Tag zur Klagemauer komme, um mit Gott darüber zu sprechen, dass die Kriege zwischen Muslimen, Juden und Christen aufhören müssten. Doch es sei ihm, als würde er „gegen eine Wand reden“.
Erfinder des Balkan-Sounds: Goran Bregović bei seinem Berlin-Auftritt
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Explizite politische Botschaften stehen bei Bregović, der sich bis heute provokativ als Jugoslawe bezeichnet, selten so unverstellt im Raum. Doch es unterstreicht einmal mehr seine Grundhaltung, die Diversität und Kulturen der Welt als etwas zu sehen, das eng miteinander verknüpft ist, aufeinander aufbaut, aber vor allem – miteinander verschwimmen darf und soll.
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Das augenscheinlich Unvereinbare zu vereinen, sei es auf der Ebene von Weltreligionen oder in der Kunst, ist genau das, was nur wir selbst uns beibringen können, aber sicherlich kein Gott. Und an dieser Schnittstelle wird Bregovićs eklektische Musik zu einem Heilmittel gegen die Beschwerden, die unsere Gegenwart und unsere Zeitgeschichte brandaktuell wie nie prägen.
Die häufigen Vorwürfe, Bregović würde mit seinen Kompositionen kulturelle Aneignung betreiben oder eine Balkan-Karikatur für den Westen zeichnen, wirken vermessen, bedenkt man den Mehrwert seiner langen Karriere: Er ist ein großer Kollaborateur, der Künstler über alte und neue Ländergrenzen hinweg an einen Tisch und in den Dialog holt und damit genau jene musikalischen Grenzüberschreitungen möglich macht, die Musik zum Schmelztiegel von Kulturen werden lassen.
So wird Musik bei Bregović zur politischen Botschaft, ohne sich in aufgeladenen Narrativen zu verheddern. Wie kein anderer Musiker hat er den Balkan außerhalb Südosteuropas musikalisch sichtbar gemacht – wirkmächtiger als jede Landkarte. Das ist keine Aneignung, sondern ein Vermächtnis.
Unterstützten Goran Bregović: Blechbläser und polyphone „Frauenchöre“
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
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