Der Preis für Super E10 hat am Dienstag im bundesweiten Tagesdurchschnitt erstmals 2,30 Euro je Liter erreicht. Nach Angaben des ADAC war es der vierte nominale Rekord in Folge. Eine Tankfüllung von 50 Litern kostet damit durchschnittlich 115 Euro.
Diesel verteuerte sich auf 2,422 Euro je Liter und liegt damit nur knapp unter dem Rekord vom April. Seit Beginn des Iran-Krieges ist eine 50-Liter-Füllung E10 rund 26 Euro, die gleiche Menge Diesel etwa 34 Euro teurer geworden.
Die Folgen reichen weit über deutsche Tankstellen hinaus. In Syrien und Guatemala blockieren Demonstranten Straßen, auf den Philippinen streiken Beschäftigte im Nahverkehr. In Indonesien entstanden kilometerlange Warteschlangen, in Nepal protestierten Studenten wegen fehlenden Kochgases.
Rekordpreise beim Diesel: Spediteure legen jeden fünften Lkw still
Hormus und Raffinerieausfälle belasten den Markt
Die Straße von Hormus ist weiterhin nur eingeschränkt passierbar. Vor dem Krieg wurde durch die Meerenge rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases transportiert. Am Dienstag wurden nach Schifffahrtsdaten nur vier über Ortungssysteme sichtbare Passagen registriert. Im Zehntagesdurchschnitt waren es zuvor 18. Schiffe mit ausgeschalteten Transpondern werden dabei allerdings nicht erfasst.
Zusätzliche Unsicherheit entstand durch Schäden an der saudischen Ost-West-Pipeline und ausgesetzte Verladungen im Hafen von Yanbu am Roten Meer. Saudi-Arabien sagte mehrere für Europa bestimmte Lieferungen ab, bot aber zusätzliches Rohöl über Schiff-zu-Schiff-Transfers vor dem omanischen Hafen Sohar an. Das drückte den Ölpreis am Mittwoch zunächst etwas. Die Versorgung mit Diesel blieb dennoch angespannt, wie Reuters berichtet.
Auch Ausfälle russischer Raffinerien verschärfen die Lage. Drei der sechs größten Dieselraffinerien des Landes mussten ihre Produktion im September nach ukrainischen Drohnenangriffen stark reduzieren oder einstellen. Diese sechs Anlagen stehen zusammen für etwa die Hälfte der russischen Dieselproduktion. Moskau beschränkte daraufhin die Ausfuhr von Benzin, Diesel und Flugzeugtreibstoff, ergaben Recherchen von Reuters.
Syrien erlebt die größten Proteste seit Assads Sturz
Besonders heftig sind die Folgen in Syrien. Die Regierung erhöhte den Dieselpreis am Wochenende um 40 Prozent. Benzin wurde je nach Sorte um 26 oder 28 Prozent teurer.
Demonstranten blockierten daraufhin wichtige Straßen und stoppten Tanklastwagen auf dem Weg zu Raffinerien. Reuters spricht von den größten Protesten seit dem Sturz von Baschar al-Assad vor fast zwei Jahren. Einige Teilnehmer verlangten den Rücktritt der Verantwortlichen im Energie- und Wirtschaftsressort.
Rund 90 Prozent der Bevölkerung leben nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen unterhalb der Armutsgrenze. Neben den gestiegenen Weltmarktpreisen belasten ausfallende russische Lieferungen und die vorübergehende Schließung der größten syrischen Raffinerie in Banias das Land, berichtete unter anderem Reuters.
Proteste und Hilfsprogramme von Guatemala bis Pakistan
In Guatemala führten die Kraftstoffpreise zu Straßenblockaden in der Hauptstadt und weiteren Landesteilen. Das Parlament beschloss einen vorübergehenden Preisdeckel für Benzin und Diesel. Das Gesetz war zunächst jedoch nicht in Kraft, weil die Opposition eine erneute Prüfung beantragt hatte, berichtete AP.
Auch in Europa und Asien wächst der Druck. In Frankreich blockierten Fischer ein Treibstofflager bei Fos-sur-Mer. In Portugal zogen Demonstranten in Espinho zum Haus des Ministerpräsidenten. Auf den Philippinen rief die Transportorganisation Manibela zu einem Streik gegen die hohen Kraftstoffkosten auf. Die Preise waren dabei nicht überall der einzige Anlass für die Proteste, zeigt ein Überblick von CNN.
Bei der Blockade eines Öllagers im südfranzösischen Fos-sur-Mer brennen Barrikaden. Rund 50 Fischer protestierten am 15. September gegen steigende Kraftstoffpreise.
© Philippe Laurensen/imago
In der indonesischen Millionenstadt Makassar waren die Warteschlangen vor Tankstellen zeitweise länger als einen Kilometer. Viele Verbraucher wechselten wegen der hohen Marktpreise zu subventioniertem Kraftstoff. Rund 150 Studenten und Arbeiter demonstrierten vor dem Sitz des staatlichen Energiekonzerns Pertamina, meldete Reuters.
In Nepal protestierten Studenten vor der staatlichen Ölgesellschaft und verlangten eine verlässliche Versorgung mit knapp gewordenem Kochgas. Pakistan setzt nach Demonstrationen dagegen auf gezielte Entlastung: Besitzer von Motorrädern, Rikschas und Kleinwagen erhalten eine staatliche Subvention von 100 Rupien je Liter. Die Regierung stellte dafür 75 Milliarden Rupien bereit.
Hohe Spritpreise erhöhen den Druck auf Trump
Auch in den USA wächst der politische Widerstand gegen den Iran-Krieg und seine wirtschaftlichen Folgen. Das Repräsentantenhaus stimmte am Dienstag mit 220 zu 204 Stimmen für eine Resolution, die Präsident Donald Trump zur Beendigung der nicht vom Kongress genehmigten Militäreinsätze verpflichten soll. Neben allen Demokraten unterstützten sieben Republikaner den Vorstoß.
Benzin kostet im landesweiten Durchschnitt inzwischen mehr als vier US-Dollar pro Gallone. Diesel erreichte am Dienstag nach Angaben des Wall Street Journal mit 6,27 US-Dollar einen Rekordwert. Das verteuert nicht nur das Autofahren, sondern auch Transporte, Lebensmittel und die landwirtschaftliche Produktion. Wenige Wochen vor den Zwischenwahlen wird der Preisschock damit zu einem politischen Risiko für Trump.
Bundesregierung ringt um Entlastungen
Bundeskanzler Friedrich Merz hat ein Entlastungskonzept angekündigt, aber noch keine konkreten Maßnahmen genannt. Unionsfraktionschef Thorsten Frei brachte eine befristete Senkung der Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe von 19 auf sieben Prozent oder einen neuen Tankrabatt ins Gespräch. Erste Schritte könnten nach seinen Vorstellungen bereits zum 1. Oktober greifen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche lehnt einen allgemeinen Preisdeckel und eine Übergewinnsteuer für Ölkonzerne ab. Sie wirbt stattdessen für gezielte Direktzahlungen an Haushalte mit niedrigen Einkommen. Einen Spritpreisdeckel hält ihr Ministerium für rechtlich und finanziell riskant.
Spritpreise in Deutschland: Woidke will Deckel, Mineralölverband widerspricht mit neuer Studie
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