DJ DIASS im „Gen Est“-Interview über Ethno-House, Ibiza, das Balkan-Publikum und warum Musik wie Medizin wirken kann.
DJ und Produzent DIASS (bürgerlich Plamen Vasilev) gehört zu den prägendsten Köpfen der osteuropäischen Electronic-Scene. Sein Sound verbindet treibenden Deep House mit archaischen Ethno-Elementen und cinematischem Storytelling.
Im Rahmen der Rubrik „Gen Est“ porträtiert Mode-Insider, Trendscout und Editor-At-Large Julian Daynov Persönlichkeiten, die Bulgariens Kulturszene international repräsentieren. Im Gespräch verrät DIASS, wie sein Vater seine Leidenschaft entfachte, warum das Balkan-Publikum DJs auf die Probe stellt und weshalb Feiern ohne Smartphones ein Comeback braucht.
Dein richtiger Name ist Plamen – was auf Bulgarisch mit „Feuer“ zusammenhängt. Wie sehr steckt dieses Feuer in deiner Musik?
Feuer ist tatsächlich das beste Wort für das, was ich in der Musik suche. Ich habe schon mit 12 Jahren angefangen zu mixen und mit 14 produziert – weil mein Vater DJ ist. Ich bin als Kind mit ihm auf Tour gegangen, habe das Nachtleben früh kennengelernt. Von da an wusste ich: Musik wird mein Weg sein.
Elektronische Musik lebt von dem Moment, in dem man spürt: Das ist es. Wann war dieser Moment für dich?
Es war kein einzelner Track. Es war das Gefühl, das elektronische Musik erzeugen kann – dass sie dich auf eine Reise mitnimmt, ohne dass du dich bewegst. In dem Moment, in dem ich das zum ersten Mal gespürt habe, wollte ich derjenige sein, der diese Reise erschafft. Das war der Klick.
Bulgarien hat eine der komplexesten Folkloretraditionen Europas – asymmetrische Rhythmen, mehrstimmige Gesänge, archaische Skalen. Wie bewusst fließt das in deine Produktionen ein?
Sehr bewusst. Diese Rhythmen und Melodien sind Teil unserer musikalischen DNA – sie finden ihren Weg, ob man will oder nicht. Ich experimentiere aktiv mit Folklore- und Ethno-Sounds in meinen Tracks. Das ist ein Teil davon, wer ich bin und wer wir als Balkan-Künstler sind. Und ich habe live gesehen, was passiert, wenn ein solcher Sound in einem Set auftaucht – das Publikum explodiert auf eine Art, die kein anderes Element auslöst.
Das Balkan-Publikum gilt in der DJ-Welt als besonders – leidenschaftlich, aber auch schwer zu knacken. Wie erlebst du das im Vergleich zu anderen Clubs in Europa?
Bulgarische und Balkan-Crowds sind emotional extrem investiert – wenn sie sich mit der Musik verbinden, geben sie dir alles zurück. Aber sie testen dich erst. Sie beobachten, hinterfragen, warten ab. Das liegt einfach in unserer DNA. Wenn du ihr Vertrauen aber einmal gewonnen hast, ist die Verbindung tiefer als irgendwo sonst. In anderen Teilen Europas öffnen sich Crowds schneller und kollektiver – aber die Intensität, die du auf dem Balkan bekommst, wenn es klickt, ist einmalig.
Dein Sound ist schwer zu kategorisieren. Du zitierst Massive Attack, Hans Zimmer, Sade und Pink Floyd als Einflüsse. Was verbindet diese Welten für dich?
Alle diese Künstler erzählen Geschichten in Schichten. Massive Attack hat mich mit ihrem eklektischen elektronischen Sound erwischt – sie sprechen direkt die Sinne an. Hans Zimmer zeigt, wie Musik Tiefe und Dramaturgie bekommt, auch ohne Text. Sade hat diese emotionale Direktheit. Und wenn ich reise, höre ich übrigens Classic Rock – elektronische Musik läuft bei mir privat kaum. Das hält den Kopf frei.
Wenn du ohne jede Einschränkung eine Kollaboration wählen könntest – wen würdest du ins Studio holen?
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Massive Attack und Sade – am liebsten alle zusammen. Wir würden einen Track erschaffen, der ihre Visionen und Signature-Sounds zu etwas völlig Neuem verbindet. Etwas, das so noch gar nicht existiert.
Dein Vater hat dich in diesen Beruf eingeführt. Was hat sich seit seinen Anfängen grundlegend verändert – nicht nur technisch, sondern kulturell?
Früher haben Menschen Musik wirklich erlebt. Jeder Song war etwas Persönliches, etwas, in das man eingetaucht ist. Heute konsumieren wir alles wie Fast Food – Musik, Kunst, Beziehungen, Zeit. TikTok hat die Aufmerksamkeitsspanne stark verändert. Was ich manchmal vermisse, sind die einfachen Abende, an denen Menschen einfach getanzt haben – ohne Handy, ohne zu filmen, nur im Moment. Ich glaube aber fest daran, dass dieses Bedürfnis zurückkommt.
Wie baust du ein Set auf – eher als Überraschungspaket oder als Erfüllung einer Erwartung?
Ich lese den Raum. Die besten Sets tun beides: Die Menschen hören das, wofür sie gekommen sind – aber sie gehen mit etwas nach Hause, von dem sie vorher nicht wussten, dass sie es brauchen.
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