Das Personenbeförderungsgewerbe steht vor entscheidenden Umbrüchen. Im Interview spricht Miran Ali, Geschäftsführer der Mars Holding und Vertreter des Bundesverbands der Personenbeförderung (BVPB), über seinen Weg aus der klassischen Logistik in die Personenbeförderung sowie die drängenden Hürden des Marktes. Derzeit läuft eine Kampagne des BVPB mit dem Slogan „Berlin muss bezahlbar bleiben“.
Nach Anfängen in der Container-Schifffahrt und Paketzustellung stieg der 37-Jährige während der Pandemie in die Branche ein. Als etablierte Taxiverbände ihn wegen seiner Kooperation mit digitalen Plattformen ablehnten, gründete er den BVPB als eigene Interessenvertretung. Ein zentraler Kritikpunkt ist der bürokratische „Flickenteppich Deutschland“: Ein bundesweites Shuttle-Projekt scheiterte einst daran, dass Kommunen binnen Monaten völlig unterschiedliche Vorgaben machten.
Die Mars Holding ist ein großer Flottenpartner des Fahrdienstes Bolt. Nach eigenen Angaben befördern die Fahrer über Bolt rund 50.000 Menschen pro Monat, dazu kommen etwa 600 Krankenfahrten. Die Firma habe inzwischen mehr als 1000 Mitarbeiter und betreibt neben dem Mietwagengeschäft auch klassische Taxis, weil sie mehrere Taxigesellschaften übernommen hat.
Besonders eindringlich warnt Ali vor den geplanten Mindestpreisen für Mietwagen in Großstädten wie Berlin – dort drohe im Ernstfall die Entlassung von bis zu der Hälfte seiner Beschäftigten. Diese Eingriffe zerstören seiner Ansicht nach notwendige betriebliche Synergien zwischen Plattformfahrten und sozialen Krankentransporten, drohen zu Jobverlusten zu führen und verteuerten letztlich das Gesundheitssystem und bremsen Innovationen im internationalen Wettbewerb aus. Statt veralteter Vorgaben wie analoger Wegstreckenzähler fordert er den effektiven digitalen Vollzug bestehender Gesetze, um schwarze Schafe auszusortieren, sowie vorausschauende Rahmenbedingungen für die nahende Ära autonomer Fahrzeuge.
Miran Ali
© privat
Herr Ali, was unterscheidet Ihre Branche von anderen?
Diese Branche ist im Vergleich zu allen anderen Branchen sehr in der Vergangenheit behaftet. Ein Beispiel ist der Wegstreckenzähler, den wir für 3000 Euro einbauen müssen. Der zählt den Weg. Er kann aber weniger als ein Gameboy. Er hat keinen Nutzen. Weil es in den Achtzigern Manipulationen an Kilometern gab, wurde er eingeführt.
SPD und Linke wollen Mindestpreise für die Personenbeförderung einführen, um Arbeitsbedingungen der Fahrer zu verbessern und das Ende von Dumpingpreisen durchzusetzen. Sie sind dagegen. Warum?
Weil die Mindestpreise einen Faktor verursachen, den man so erst einmal nicht auf dem Schirm hat. In Köln haben wir das bereits zu spüren bekommen. Dort wurden die sogenannten Mindestpreise eingeführt und haben durch die höheren Preise zu einem erheblichen Nachfragerückgang geführt. Weniger Nachfrage hieß, weniger Fahrten und somit weniger Einnahmen für uns Unternehmer und Fahrer.
Unternehmer, die mit Einzelautos fahren und im Umland kranke Menschen nach Köln transportieren, könnten mit Mindestpreisen diese Synergiefahrten nicht mehr wahrnehmen.
Konkret: Heute können sie nach einer Krankenfahrt in Köln über die Plattform noch eine reguläre Fahrt übernehmen, statt leer ins Umland zurückzufahren. Fallen diese zusätzlichen Fahrten wegen der Mindestpreise weg, fehlt den Unternehmen ein Teil der wirtschaftlichen Grundlage für die Krankenfahrten. Die Folge ist, dass diese Fahrten insgesamt teurer werden oder sich für einzelne Unternehmer gar nicht mehr rechnen. Unterm Strich schaden wir nur uns selbst und den Verbrauchern. Die Krankenfahrten werden teurer.
Würden Sie denn auch Fahrzeuge oder Fahrer abbauen, wenn jetzt der Mindestpreis kommt in Berlin, oder ist das eine reine Drohkulisse?
Natürlich, weil die unlukrativen Zeiten nicht mehr gedeckt werden können. Hinzu kommt: Wir kämpfen gegen die Zeit. Autonome Autos und Digitalisierung kommen so schnell, dass unsere Gesetze ja gar nicht hinterherkommen.
Zur Person
Was ist für Ihre Branche besonders herausfordernd in Berlin und Deutschland?
Der Wirtschaftsstandort Deutschland wird im internationalen Vergleich immer unattraktiver. Wir haben zwar meiner Meinung nach die richtige Kultur im Land, aber wenn die Gesetze Innovationen nicht zulassen, ist das schwierig. Ich verlange nicht mal mehr, dass das Personenbeförderungsrecht für die Zukunft fit gemacht wird – es soll aber wenigstens das Hier und Jetzt abdecken. Und zur Realität gehört: Die Menschen wollen bezahlbare und digital zugängliche Mobilität.
Wollen Sie überhaupt etwas gegen die schwarzen Schafe in Ihrer Branche tun?
Wenn wir uns die Realität angucken, dann haben wir Gesetze in Deutschland, die ihren Sinn haben. Aber wenn Behörden diese Gesetze nicht kontrollieren und durchsetzen oder das Gesetz nicht durchsetzbar ist, dann wird es ad absurdum geführt.
Es wird ja immer gesagt, Uber, Bolt und andere Plattformen seien das Problem. Aber wenn wir uns die Realität anschauen, haben wir in Deutschland eigentlich bereits klare gesetzliche Regeln. Das Problem ist: Ein Gesetz bringt wenig, wenn seine Einhaltung nicht kontrolliert werden kann oder die Behörden gar nicht die nötigen Möglichkeiten dafür haben. Dann wird aus einer verbindlichen Vorgabe am Ende eher eine Empfehlung.
Was ist die aktuell größte Herausforderung für Ihre Branche?
Dieser Flickenteppich, der komplett kontraproduktiv ist. Jedes Bundesland, jede Stadt macht’s wirklich komplett anders. Und wenn dann noch die Mindestpreise eingeführt werden, wird das zum Millionengrab, nicht nur für Unternehmer, sondern für unser Sozialsystem. Stichwort Krankenfahrten. Wir dürfen nicht vergessen, wir haben eine Sparte, die zu 50 Prozent subventioniert wird von Sozialträgern. Viele dieser Fahrten werden von den Krankenkassen bezahlt. Wenn sie durch neue Vorgaben teurer werden, landen die zusätzlichen Kosten am Ende also auch bei uns allen.
Was wäre denn Ihr Wunsch an den neuen Verkehrssenator oder die neue Verkehrssenatorin?
Den Flickenteppich stoppen. Regelungen einführen, die ein gutes Beispiel für das gesamte Land sein können. Dazu gehört auch die bessere Durchsetzung der Gesetze. Mit Mindestpreisen und Rückkehrpflicht schützen wir zudem keinen Markt, sondern festigen ein rückwärtsgewandtes System.
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